Nr. 22/2020 vom 28.05.2020

Vielseitige Pragmatikerin

Von Daniela JanserMail an Autor:in

Als sie im eiskalten Januar 1890 in der einen Metropole der Donaumonarchie zur Welt kam, starben täglich vierzig bis fünfzig Menschen an der Grippe, und die Spitäler waren überfüllt. Schon früh behauptete sie sich gegen den halsstarrigen Vater, der seine Töchter am liebsten gar nicht in die Schule geschickt hätte. Sie wuchs in Wien auf, aber auch in London, wohin die anglophile Familie vor dem Antisemitismus des Bürgermeisters Karl Lueger ins temporäre Exil flüchtete. Das Gymnasium besuchte sie in Czernowitz, wo der Vater – ein zu seiner Zeit angesehener Anglist und mit Theodor Herzl befreundeter Zionist – als Professor angestellt war.

An der Uni wählte sie eine eklektische Fächermischung: Chemie und Philosophie. Mit 22 heiratete sie einen geistig angeschlagenen Industriellensohn. Später gab sie an, die Zweckehe sei nie vollzogen worden. Immerhin ermöglichte ihr die Heirat die Flucht vor der Familie ins freigeistige Berlin, wo sie endlich ein eigenes Leben aufbauen konnte. Im «Sprechsaal» genannten Salon traf sie ihren zweiten Mann, der Jahrzehnte später nach seinem verzweifelten Tod auf der Flucht vor den Nazis zur intellektuellen Ikone werden würde. Sie selbst bleibt in vielen Biografien mit den Worten seiner männlichen Freunde als «ehrgeizige Gans» verewigt.

Während er ein Leben lang finanziell von seinen Eltern abhängig blieb, verdiente sie gut als Übersetzerin und Journalistin etwa bei der Agentur United Telegraph oder als Chefredaktorin der Zeitschrift «Die praktische Berlinerin». Ihr satirisches Talent zeigte sie im literarischen Stück «Urlaub von der Ehe». Sie war eine genaue politische Beobachterin, Kriegsgegnerin und Feministin.

Treu war man sich nicht. Als er sich heftig verliebte, kams zum Rosenkrieg. Auch dank eines für die damaligen Verhältnisse revolutionären Ehevertrags mit Gütertrennung konnte sie verhindern, dass er fast all ihr Geld bekam. Nach seinem Tod 1940, von dem sie erst Monate später erfuhr, schrieb sie an einen alten Freund Versöhnliches über ihn. Und: «Er wäre nicht gestorben, wenn ich bei ihm gewesen wäre.» Da führte die ausgezeichnete Köchin bereits eine Pension im englischen Exil. Wer war die 1964 in London Verstorbene, deren Leben von Männern verstellt war, sodass man nur spekulieren kann, was wohl aus ihr geworden wäre, wenn sie selbst ein Mann gewesen wäre?

Wir fragten nach der Wiener Journalistin, Autorin und Übersetzerin Dora Sophie Kellner. Ihre Herkunft und die Biografie ihrer Beziehung zum Philosophen und Kulturkritiker Walter Benjamin schildert Eva Weissweiler in «Das Echo deiner Frage», 2020 bei Hoffmann und Campe erschienen.

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