Nr. 44/2020 vom 29.10.2020

Bis an den Rand der Überforderung

Von Franziska MeisterMail an AutorIn

Su Zhongs «Animal Year» (China 2017): Eine schrecklich schöne Dystopie.

Hinweis vom 29. Oktober 2020, 16 Uhr: Die Kurzfilmtage Winterthur finden aufgrund der aktuellen Lage nun doch nur online statt.

Dieser Tage gibt es kaum noch Gewissheiten – schon gar nicht im Kulturbetrieb. Reihum schliessen Ausstellungen; Konzerte und Vorstellungen werden abgesagt. Garantiert über die Bühne gehen auch dieses Jahr aber die Internationalen Kurzfilmtage Winterthur. Und das sogar nicht nur in Winterthur, sondern – zumindest als Auswahlprogramm – in diversen Kinos in weiteren Städten der Schweiz. Auch sonst hat sich das Festivalteam einiges einfallen lassen, um Corona ein Schnippchen zu schlagen: In der Gartenstadt Winterthur gibt es gleich in vier verschiedenen Stadtparks gratis Open-Air-Vorführungen, «mit originellem Sound-Konzept», wie es in der Vorankündigung heisst. Wer nicht gern kalte Füsse kriegt oder sich aktuell davor scheut, unter Menschen zu gehen, kann sich zu Hause aufs Sofa kuscheln: Ausgewählte Programme sind auch online zu sehen.

Nicht dass nun der Eindruck entsteht, die 24. Ausgabe der Kurzfilmtage setze auf ein Kuschelprogramm: Der grosse Fokus mit sechs Programmblöcken ist ganz dem aktuellen Kurzfilmschaffen in China, Hongkong und Taiwan gewidmet. Unter dem Radar der chinesischen Behörden hält sich eine kleine, widerständige Szene, die Kritik am Regime übt und dabei zu mitunter subversiven Mitteln greift, wie «Cha fang / The Questioning» von Zhu Rikun zeigt: Er hat eine vermeintliche Ausweiskontrolle im Hotelzimmer mit versteckter Kamera gefilmt. Ziemlich systemkritisch geht es auch im zeitgenössischen Animationsfilmschaffen zu und her, das ausserdem «knallbunt, laut, oft abgefahren und keineswegs an Realismus interessiert» sei. Der Block «Fringes of Animation» könne einen sogar «an den Rand der Überforderung» bringen, heisst es im Programmheft.

Nachdem das Filmschaffen im eigenen Land nach 1989 praktisch zum Erliegen kam, hat sich in der Ukraine, dem diesjährigen Länderschwerpunkt des Festivals, seit der Jahrtausendwende eine neue, vielfältige Filmszene entwickelt. Auch sie setzt sich kritisch mit dem eigenen Land und dessen Vergangenheit auseinander, wie die dokumentarisch-experimentellen Beiträge im Block «Underground Resistances» deutlich machen. Ein ganzes Programm ist der mittlerweile international bekannten Regisseurin Maryna Vroda gewidmet, die 2011 in Cannes für «Cross-Country» mit der Goldenen Palme für den besten Kurzfilm ausgezeichnet wurde.

Aktuelle gesellschaftspolitische Auseinandersetzungen spiegeln sich auch in vielen Schweizer Wettbewerbsbeiträgen: So montiert Anouk Reichenbach in «D’où est-ce que tu viens?» Found Footage aus dem Internet zu einer Anklage gegen die Diskriminierung von Menschen asiatischer Herkunft. Loïc Hobi schlägt sich in seinem experimentellen Dokfilm «Les Nouveaux Dieux» mit einem Incel herum, der im Netz Videobotschaften voller Hass und Gewalt verbreitet. Und Georges Schwizgebels neuster Animationsfilm, «Darwin’s Notebook», handelt von einer Begegnung Darwins mit UreinwohnerInnen aus Feuerland, die in die moderne Welt entführt wurden und nun zu ihrem Volk zurückkehren, das keine hundert Jahre später praktisch ausgerottet sein sollte.

Auch im Spezialblock «Züri Shorts» werden Probleme gewälzt – vorab, und das musste ja kommen, die mannigfaltigen Auswirkungen des Lockdowns in «J’ai arrêté de caresser le chien» von Lisa Gertsch. Zur Aufmunterung sei der Beitrag eines Stammgasts der Kurzfilmtage empfohlen: Wetten, dass in den 189 Sekunden, die Jonas Meier braucht, um in «Tweetators» die Wortschöpfungen aus dem Alltag der Politik zu dekonstruieren, kein Auge trocken bleibt?

24. Internationale Kurzfilmtage Winterthur in: Winterthur verschiedene Spielorte und online, Di–So, 3.–8. November 2020. Details, Tickets und Vorreservation unter www.kurzfilmtage.ch.

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