Nr. 19/2022 vom 12.05.2022

Punkte fürs Sozialkarma

Von Florian Wüstholz

Bologna ist für Verschiedenes bekannt: die zwei mittelalterlichen Türme als Wahrzeichen der Stadt, die Ermordung des Lotta-Continua-Aktivisten Francesco Lorusso durch Carabinieri im Jahr 1977 oder den rechtsterroristischen Anschlag auf den Hauptbahnhof 1980. Studierende assoziieren die Stadt allerdings vor allem mit den ECTS-Punkten, die sie sammeln müssen. Sie sollen die Anforderungen im Studium europaweit vergleichbar machen.

Nun will sich Bologna in Europa erneut einen Namen fürs Punktesammeln machen. Diesmal geht es aber nicht um die Vergleichbarkeit von Studienleistungen, sondern ums Sozialkarma. Ab Herbst können Bewohner:innen in der Stadt Punkte für erwünschtes Verhalten sammeln. Mülltrennung oder die Nutzung des öffentlichen Verkehrs werden belohnt – womit, ist noch nicht klar. Aber es wird sicher toll, digital und agil werden, denn das Ganze nennt sich «Smart Citizen Wallet» und funktioniert freiwillig und mit positiven Anreizen. Sanktionen für unerwünschtes Verhalten sind nicht vorgesehen. Wer ein:e «smarte:r» Bürger:in werden will, lässt sich einfach ein bisschen digital überwachen und verhält sich schön ordentlich und angepasst.

Natürlich vermuten einige dahinter den Geist eines Sozialkreditsystems, mit dem die Bevölkerung konditioniert und standardisiert werden soll. Bekannt sind die chinesischen Versuche mit derlei Überwachungs- und Erziehungsmethoden – nur dass dort auch Reiseeinschränkungen oder Steuererhöhungen drohen, wenn man sich nicht an die Spielregeln hält. Doch was in Bologna gemacht wird, ähnelt eher den Apps mancher Schweizer Krankenkassen: Versicherer belohnen ihre Kund:innen, wenn sie vorgeschlagene Rezepte nachkochen oder regelmässig spazieren gehen.

Bologna folgt also einem längst etablierten Trend, alle Lebensbereiche in ein datafiziertes Spiel zu verwandeln. Die Schattenseiten solcher Bemühungen liegen auf der Hand: Es werden massenhaft persönliche Daten generiert, die, einmal gesammelt, nicht mehr verschwinden; und auch die Nichtteilnahme im «freiwilligen» Spiel lässt sich als Datenpunkt aus- und verwerten. Doch soziale Herausforderungen sind nicht einfach technische Managementprobleme – darüber gibt es sicher irgendwo eine mit ECTS-Punkten belohnte Soziologievorlesung.

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