Nr. 05/2005 vom 03.02.2005

Schuldenerlass für die USA

Die Schlagzeilen lauten überall gleich: Der Dollar reisst die Welt in die Rezession. Was sagen Topbanker und Spitzenpolitiker dazu?

Von Marc Badertscher

Die Kellner brachten ihm gerade das Dessert, aber sonst sass der republikanische Abgeordnete aus den USA etwas vereinsamt am Tisch. Im Raum sprach man über Geld, Schulden und die Weltwirtschaft, wischte sich Essensreste mit der Serviette vom Gesicht und war sich einig: «Liebe USA, so steuern wir auf Crash und Chaos zu.»

Es war der dritte Wef-Tag in Davos, und neben den imagewirksamen Armutsdebatten interessierte ein Themenkomplex: der tiefe Fall des Dollars, die mächtigen Defizite der USA und die Frage: «Wird die Welt neu geordnet?» Die Panels und Sessions folgten sich in hohem Rhythmus. Manchmal wurde dazu diniert, wie hier im Hotel Derby, und manchmal konnte ein Journalist dabei sein.

Zehn Uhr abends war vorbei, und als sich die Tafel der meist europäischen Banker und Finanzpolitiker langsam auflöste, war der US-Abgeordnete noch immer nicht überzeugt, dass die Politik seines Präsidenten gravierende Folgen haben könnte. «Wenn Sie so sicher sind, dass uns ein Desaster droht, dann müssten Sie doch selber vorsorgen!», hielt er dem Vizepräsidenten einer grossen Bank entgegen. Es war ein letzter, verzweifelter Versuch, die Argumentationskette der grossen Mehrheit zu sprengen. Der Banker antwortete trocken, er habe kürzlich die Hälfte seiner Pensionsgelder von Dollar in Euro umgeschichtet.

Der Mann aus dem US-Kongress schwieg einige Sekunden, dann sagte man sich Adieu.

Die Schocker von Übersee

Der Dollar bereitet den Wirtschaftsbossen schon seit geraumer Zeit Kummer. Neu ist, dass die wichtigste Währung auf der Traktandenliste von Krisensitzungen der G7-Staaten topgesetzt ist. Die Finanzchefs der führenden Industrienationen treffen sich dieses Wochenende in London. Es sollen unkonventionelle Massnahmen besprochen werden, heisst es. Doch zuerst die Fakten.

In den letzten drei Jahren ist der Dollar gegenüber dem Euro um 33 Prozent gefallen. Zudem haben die USA ein ziemlich grosses Handelsbilanzdefizit. Sie kaufen im Ausland mehr ein, als sie dorthin verkaufen; der Fehlbetrag beläuft sich auf 1,8 Milliarden Dollar täglich. Kurz gesagt, heisst das: Die Amerikaner leben auf Pump, und ihr Zahlungsmittel ist nicht mehr beliebt. Das geht nicht spurlos vorüber. Das letzte gröbere Problem mit der Handelsbilanz hatten die USA 1986. Im Jahr darauf crashte die Börse. Diesmal steht nicht nur die Börse auf dem Spiel, sondern der Dollar als Leitwährung.

Noch ist die Krise nicht akut, aber die Businessleute am Wef handeln bereits. «Wir setzen vermehrt auf den Euro», sagt auch die türkische Industrielle Fayhan Kalpaklioglu. Und dort, wo sich der Dollar nicht vermeiden lasse, habe sie den weiteren Wertzerfall bereits miteingerechnet. Ein anderer Unternehmer, aus Arabien, schützt sich mit derivativen Finanzinstrumenten. «Das kostet zwar, aber das Wichtigste ist, dass die Geschäftszahlen vorhersagbar sind. Das muss gesichert sein.»

Koloss am Morgentisch

Gesichert ist gegenwärtig nur eines. Die USA bringen sich und die Welt mit ihrer lockeren Finanzpolitik in Schwierigkeiten. Auch über die Ozeane hinweg ist eine Schuldenwirtschaft nur möglich, wenn jemand Kredit gibt. Seit einigen Jahren sind das vor allem Japan und neu zunehmend China.

«China ist ein schlafender Riese. Lasst ihn schlafen», schrieb Napoleon. Heute zweifelt niemand mehr daran, dass der Koloss bereits am Morgentisch sitzt. Chinas Wirtschaft boomt, der Export floriert, dem Land fliessen Gelder zu (aus den USA jährlich netto hundert Milliarden), die irgendwo wieder investiert werden müssen.

China investiert in die USA. Sie kaufen dort Staatsanleihen und geben damit den USA jene Dollars als Leihgabe zurück, die die Amerikaner für chinesische Produkte bezahlt haben. Ein netter Kreislauf. Aber was, wenn die Chinesen die Freude an diesem Spiel verlieren?

Dafür gäbe es Gründe. Die Rendite auf US-Staatsanleihen ist gering und steht in keinem Verhältnis zum Risiko, auf eine von der Abwertung bedrohte Währung zu setzen. Noch ist die chinesische Währung an den Dollar gekoppelt. Das hält den Yuan tief und stützt den Dollar, fördert damit den chinesischen Export und schafft Arbeitsplätze. Auch in China sind diese das Problem Nummer eins. Das Land braucht pro Jahr zwanzig Millionen neue Jobs.

«Mit einer Exportstrategie ist das nicht zu machen», sagt ein irischer Finanzexperte. «Selbst wenn China alle 36 Millionen Industriearbeitsplätze aus den USA übernehmen würde, stünde man in zwei Jahren vor dem gleichen Problem, mehr Arbeitsplätze schaffen zu müssen.» Die Lösung heisst Binnenwirtschaft forcieren, die Nachfrage in China selber steigern.

Dazu aber ist ein fixer Yuan-Dollar-Kurs nicht mehr nötig, zur Bekämpfung der Inflation vielleicht sogar hinderlich. Es drängt sich eine Aufwertung des Yuan auf. Dem angeschlagenen Dollar würde die Krücke wegbrechen. Die Frage lautet: Wann?

Stars aus dem Osten

Die Einzigen, die Sharon Stone und Angelina Jolie am Wef die Show stehlen konnten, waren die Chinesen. Nie drehten sich mehr Köpfe in eine Richtung, als wenn ein chinesischer Banker oder Finanzexperte zum Sprechen ansetzte. Die chinesischen Vertreter taten es bedächtig, etwas furchtsam. Sie wussten, auf ihre Worte wartete die Dollarwaage.

«Ich glaube nicht, dass China seine Währung in den nächsten zwölf bis achtzehn Monaten aufwertet», sagt Min Zhu. Er sagte es «als Privatperson», für die westlichen Banker und Finanzpolitiker sprach hier ein Mitglied der Bank of China. Ihre gespannten Gesichter verrieten es, der kurz darauf steigende Dollarkurs belegte es.

China wird warten. Das Bankensystem ist noch nicht bereit, der Kapitalmarkt zu wenig offen, und gegenwärtig profitiert China noch von der Abschottung wie die Tigerstaaten Südostasiens vor dreissig Jahren.

Und die USA? «Ich habe überhaupt kein Vertrauen in die Bush-Administration. Die wird nichts Substanzielles unternehmen, um das Defizit zu verringern», sagt in Davos ein Harvard-Professor. Ein noch schwächerer Dollar würde zwar die Exporte ansteigen und die Schulden schmelzen lassen. Doch damit entstünden erst die wirklich ernsthaften Probleme: Die ausländischen Geldströme in die USA versiegten vermutlich, die Zinsen in den USA müssten erhöht werden, die Hypotheken auf den Häusern könnten nicht mehr ohne weiteres beglichen werden, der Konsum bräche ein, die US-Wirtschaft begänne zu stottern und Europa zu husten. Es würde eine weltweite Wirtschafts- und Währungskrise drohen.

Taucher in die Vergangenheit

Und hier beginnt das Engagement der G7. «Wir werden über Dinge sprechen, die lange kein Thema mehr gewesen sind», sagt Mervyn King von der Bank of England gegenüber dem «Wall Street Journal». Schon lange nicht mehr gestellt worden sei die naheliegendste Frage: «Sind wir glücklich mit dem gegenwärtigen internationalen Geldsystem?» Die Antwort wollen die Finanzexperten dieses Jahr auch in den Erinnerungen suchen. In den Erinnerungen an die ferne, längst vergangen geglaubte Zeit des Bretton-Woods-Systems, als die Weltwährungen noch fix aneinander gekoppelt waren. In einer ausgesprochen marktgläubigen Zeit ist das aussergewöhnlich.

Dem Vernehmen nach stehen radikale Vorschläge allerdings auf verlorenem Posten. Wahrscheinlicher ist eine Übereinkunft, dass grössere Währungskäufe und -verkäufe künftig aufeinander abgestimmt werden sollen, um eine sanfte Abwertung des Dollars zu ermöglichen. Vielleicht lässt sich China darauf ein. Zumindest ist es als Gast bei der G7-Konferenz in London dabei, zumindest sendet China seit einiger Zeit Kooperationssignale aus.

Nicht alle trauen den Signalen. Ein deutscher Unternehmensberater, der selber hundert Angestellte in China beschäftigt, glaubt nicht an partnerschaftliches Dollarabwerten: «China wird den USA noch fünf, sechs Jahre Kredit gewähren, sich in der Zwischenzeit fit machen und den USA dann die Rechnung präsentieren und das Geld zurückverlangen. Es ist gut möglich, dass das die USA überfordern wird. China könnte dann zum Beispiel all die US-Firmen in China, Nike und andere, pfänden oder beschlagnahmen.»

US-Firmen besitzen Unternehmen im Ausland im Wert von sieben Billionen Dollar. Umgekehrt hält die Welt bei den USA Guthaben in der Höhe von zehn Billionen. Die USA stehen damit knietief im Minus. Wenn heute beglichen würde, dann könnten die USA und mit ihnen der Dollar sofort abdanken.

Noch diskutiert man am Wef den Schuldenerlass für die ärmsten Länder der Welt. Offenbar ein schwieriges Unterfangen. Man kann gespannt sein auf die Argumentation, wenn es dereinst heisst: Schuldenerlass für die USA!

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