Nr. 08/2005 vom 24.02.2005

Ein Leben für gutes Mehl

Seit einem halben Jahrhundert kämpft Werner Schüpbach gegen den Einsatz chemischer Düngemittel und die Marktmächtigen in der Landwirtschaft. Früher als Biobauer, jetzt als Aktivist. Sein aktueller Feind ist die Gentechnologie.

Von Sacha Batthyany

In der Küche des achtzigjährigen Werner Schüpbach steht eine Getreidemühle aus hellem Holz. Jeden Morgen leert er Getreidekörner oben in die Öffnung, dreht an der Kurbel und fängt die Flocken und das Mehl mit einer Schüssel auf. Die Flocken sind zäh, etwas trocken, aber gesund. So wie Biobauer Schüpbach auch.

Schüpbach ist ein Besessener. Für gesunde Nahrung kämpft er schon mehr als ein halbes Jahrhundert. Zurzeit steckt er mitten in den Vorbereitungen für den Abstimmungskampf zum Gentech-Anbau-Moratorium, über das voraussichtlich im Herbst abgestimmt wird.

Vor achtzig Jahren wurde Werner Schüpbach auf einem Bauernhof bei Fehrenberg im Kanton Bern geboren; mit 22 besuchte er die Landwirtschaftsschule in Münsingen, die er mit Bestnoten abschloss. Damals sei er richtig stolz gewesen auf sich, seinen Abschluss und sein Wissen. Doch er blieb es nicht lange.

Fünf Jahre später begleitete er einen benachbarten Bauern, den Stättler Rudolf, nach Bern an einen Vortrag über biologischen Landbau. «Ich erkannte, dass die Kunstdüngerlehre, die vor 140 Jahren vom Chemiker Justus Liebig entwickelt worden war und seitdem bei uns an den Schulen gelehrt wird, ein Irrtum ist. Am Ende dieses Vortrages hiess es, dass die chemischen Düngemittel durch die Böden sickern und das gesamte Quellwasser verseuchen werden. Daran hatte ich nicht gedacht. Das hatte uns aber auch niemand gesagt.» Schüpbach verstummt zum ersten Mal an diesem Morgen und schüttelt den Kopf. «Der Vortrag in Bern war ein Schlüsselerlebnis für mich.» Das war 1954, Schüpbach feierte seinen 27. Geburtstag, und sein Leben hatte seine erste Zäsur.

Er fing an, den Hof der Eltern nach biologischen Kriterien zu bewirtschaften. Statt Chemie mehr Handarbeit, statt unnatürlicher Zusätze nur lebendiger biologischer Abfall. Und wieder kam alles anders: Schüpbach musste die Arbeit wegen Herzrhythmusstörungen und Gelenkentzündungen nach vier Jahren beenden. Für Schüpbach ist der Zusammenhang eindeutig. «Meine Gesundheitsprobleme kamen von der ungesunden Ernährung. Ich ass damals, ohne darüber nachzudenken, was ich ass.» Und dann sagt er etwas leiser: «Ich ass nur tote Nahrung. Alles tote Nahrung.» Diesen letzten Satz wird Schüpbach im Verlaufe des Gesprächs noch einige Male vor sich hersagen. Alles tote Nahrung.

«Das Mehl wird tot gemacht»

Bei allem, was Schüpbach später tat, blieb er der biologischen Landwirtschaft treu. Er versuchte – meist vergeblich – befreundete Bauern zu bekehren und Medien auf Missstände aufmerksam zu machen. Er las Bücher und Broschüren, besuchte Vorträge, trat Organisationen bei. Schüpbach rüstete auf. Mit der Zeit beschränkte sich seine Kritik nicht mehr nur auf den Einsatz chemischer Düngemittel. Schüpbach ging es um eine ganzheitliche Betrachtung, um übergeordnete Zusammenhänge zwischen Landwirtschaft, Ernährung und Gesundheit. Der biologische Landbau war nur der Auslöser, war nur eine Schlacht unter vielen. «Die meisten Konsumenten meinen, dass Lebensmittel, auf denen 'Bio' draufsteht, automatisch gesund seien. Ein Irrtum.» Bei der industriellen Herstellung von Brot beispielsweise werde nie das ganze Korn samt den Keimlingen verwendet. Ausserdem gehe ein Grossteil der Vitalstoffe und der Enzyme beim Erhitzen verloren. Das Mehl verliere an Vitaminen, Mineralien und Spurenelementen. Schüpbach sagt: «Das Mehl wird tot gemacht.»

In der Schweiz essen nur sechs Prozent richtiges Vollkornbrot. Die anderen 94 Prozent, so Schüpbach, glauben, sie ässen Brot, in Tat und Wahrheit essen sie «himmeltraurigen Industriefrass». Allergien, Erkrankungen der Verdauungsorgane, auch Krebs, das sind die Folgen. Für Schüpbach ist das ausgemacht. «Oder nehmen wir Diabetes-2. Diabetes-2 ist eine hochgradige Ernährungskrankheit, nur weiss das niemand. Dabei steht alles in diesen Büchern.» Schüpbach zeigt mit dem Finger auf eine Reihe dicker Bücher. Schüpbach sagt: «Wer die nicht gelesen hat, weiss nichts.»

Prof. Felix Escher vom Institut für Lebensmittel- und Ernährungswissenschaften an der ETH Zürich sagt: «Seit der Industrialisierung haben ernährungsbedingte Erkrankungen und Probleme im Zusammenhang mit der Gesundheit zugenommen. Das stimmt. Wobei man relativieren muss: In erster Linie geht es nicht darum, wie die Lebensmittel produziert werden, sondern wie man sich ernährt. Es geht um die Ausgewogenheit, um den Mix. Einmal Fastfood pro Woche verursacht keine gesundheitlichen Probleme, fünfmal schon. Und nicht alle industriell hergestellten Nahrungsmittel sind schlechter als frische. Tiefgefrorener Spinat beispielsweise hat gleich viel Nährwerte wie frischer Spinat, der zwei Tage lang in einem Regal steht oder im Kühlschrank zuhause.» Auf die Gesundheit, so Escher, hätten viele Faktoren Einfluss: Bewegungsmangel, Medikamente, Stress. Ernährung sei nur einer davon.

Und bei Diabetes-2? Escher sagt: «Auch hier: Diabetes-2 ist eine multifaktorielle Erkrankung. Die Ernährung ist nicht der alleinige Auslöser. Übergewicht und Bewegungsmangel können ebenso zu einer Diabetes-2-Erkrankung führen wie genetische Veranlagungen und Stoffwechselerkrankungen auch. Sonst wäre jeder Diabetes-Patient selber schuld an seiner Erkrankung, und das stimmt nicht.»

Der 80-jährige Schüpbach und der 62-jährige Escher; beide haben viele Bücher gelesen. Wahrscheinlich nicht dieselben.

Schlüsselerlebnis bei Novartis

1998 hatte Schüpbach ein weiteres Schlüsselerlebnis, diesmal im Laborraum von Novartis. Es war das Jahr der Genschutzinitiative. Novartis lud zum Dialog, Schüpbach hörte sich die Fragen aus dem Publikum an, die Antworten von Novartis auch und wusste in diesem Moment, dass die Genschutzinitiative abgelehnt werden würde. «Von wegen Dialog. Kritische Fragen wurden nicht beantwortet. Novartis sprach von Aids, von Parkinson und Krebs. Von einem Geschenk an die Menschheit, der Forschung, der Zukunft. Was konnte man da entgegensetzen.» Aufgeben? Niemals. Schüpbach zitiert Studien von französischen WissenschaftlerInnen, die Veränderungen der Nieren bei Ratten beobachtet haben, die mit gentechnisch verändertem Mais gefüttert worden sind. Er steht auf, zeigt Tabellen und Zahlen und ist nicht zu stoppen. Es ist aussichtslos, ihm jetzt eine Frage zu stellen, Pausen verhindert er geschickt: Ernährungsprobleme der Dritten Welt, US-amerikanische Saatgutfirmen, Medizin, wachsender Fleischkonsum. Alles ohne Unterbruch. «Seine Ausdauer und sein Engagement sind bewundernswert», sagt Daniel Ammann, Geschäftsführer der Schweizerischen Arbeitsgemeinschaft Gentechnologie. Ammann lud ihn ein, im Rahmen der aktuellen Moratoriumskampagne gegen den kommerziellen Anbau von gentechnisch veränderten Nahrungsmitteln einen Vortrag zu halten. «Schüpbach ist ein Initiator von neuen Ideen, einer, der nie aufhört, Fragen zu stellen, zu recherchieren und Missstände aufzuzeigen.»

Gentechnologie und Rinderwahn

Der Keller in Werner Schüpbachs Haus ist gleichzeitig sein Archiv. Hier stehen Kisten voller Zeitungen und Unterlagen wild durcheinander. Eine Lampe ohne Schirm hängt auf Augenhöhe und blendet, die Wände sind kahl. Draussen stehen Bretter, mit denen er Regale bauen will, um alles zu ordnen. Später. «In der Gentechnologie müssen wir jetzt etwas unternehmen. Wir dürfen diesen entscheidenden Moment nicht verpassen. Nicht wie damals beim Rinderwahnsinn.» Rinderwahnsinn? 1970 habe ein befreundeter Futtermittelkontrolleur von der schweizerischen land- und milchwirtschaftlichen Versuchsanstalt Bern-Liebefeld festgestellt, dass sich Fleischabfälle im Viehfutter befinden. Der Kontrolleur, der «Schneider Walter», habe verlangt, die Produktion einzustellen. «Er informierte die Direktion und das Bundesamt für Landwirtschaft. Aber leider vergeblich. Es gelang ihm nicht, diesen Wahnsinn aufzuhalten. Man hat ihn nicht gehört oder nicht hören wollen. Ein ähnlich kritischer Zeitpunkt ist jetzt in der Gentechnologie erreicht. Wir müssen die Gentech-Lobby stoppen und das Moratorium durchsetzen. Wir haben noch viel Arbeit vor uns.» An Schüpbach liegts nicht. Er ist kein bisschen müde – dem frisch gemahlenen Getreidemüsli sei Dank.

Siehe auch das Dossier zu schweizerischen Agrarpolitik.

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