Nr. 31/2005 vom 04.08.2005

Inkassoterror per SMS

Während Präventionskampagnen Jugendliche vor der Verschuldung bewahren sollen, herrscht bei den erwachsenen Zahlungsunfähigen knallharte Repression.

Von Tobias Gasser

Konsum kurbelt die Wirtschaft an. Konsum bringt Geld unter die Leute. Doch was ist mit Konsum auf Pump? Die Konsumfinanzierung (Kleinkredite und Leasing) ist für die einen ein Milliardengeschäft, für die anderen der Schritt ins Verderben. Die Schuldenfalle schnappt auch in der Schweiz immer öfter zu. Das lässt sich aus den kürzlich vom Verband Schweizerischer Inkassotreuhandinstitute (VSI) publizierten Zahlen ablesen: 2004 haben die vierzig VSI-Firmen, die etwa achtzig Prozent Marktanteil abdecken, rund 700 000 Inkassoaufträge von Drittfirmen übernommen. Von den ausstehenden 580 Millionen Franken trieben sie 416 Millionen wieder ein.

Auch die Firmen- und Privatkonkurse haben mit über 10 000 Fällen im letzten Jahr einen Höchststand erreicht. Seit 1993 gingen nicht mehr so viele Betriebe und Personen Pleite. Für das laufende Jahr wird mit einem neuen Rekord gerechnet. Die Betreibungsämter verschickten 2004 mit über zwei Millionen Zahlungsbefehlen doppelt so viele wie 1990.

Den professionellen GeldeintreiberInnen fehlt es also nicht an Arbeit. Der Vizepräsident des VSI, Joachim Lerf, bestätigt: «In wirtschaftlich härteren Zeiten erhalten wir mehr Aufträge.» Sinkt die Zahlungsmoral, herrscht bei den Inkassofirmen Hochkonjunktur. Denn immer mehr Firmen lagern ihr «Forderungsmanagement» aus. Sie wollen sich nicht mit den mühseligen juristischen Detailfragen befassen, wenn die Gelder für bezogene Dienstleistungen und Produkte ausbleiben.

Drei grosse Player

Die Angebote der Inkassofirmen kommen wie gerufen. Nebst dem traditionellen Inkasso wie mahnen, Ratenzahlungen vereinbaren oder Betreibungen veranlassen, bieten sie auch Wirtschaftsauskünfte mit einem 24-Stunden-Onlinezugriff an. Solche Personen- und Firmendatenbanken sind die Goldgruben der Inkassobranche. Sie geben Auskunft über das individuelle Zahlverhalten hunderttausender KonsumentInnen und Firmen. Kauft jemand ein Generalabonnement auf Ratenzahlung, können die SBB innerhalb weniger Minuten die Bonität checken. Schlechte ZahlerInnen sollen erst gar kein GA erhalten. Das Produkt nennt sich «Kreditschutz».

Die drei grossen Player im Schweizer Geschäft - Intrum Justitia, Creditreform und Infoscore - gehören europäischen Firmennetzen an. Auch in anderen europäischen Staaten boomt das Geschäft mit den Schulden. So ist etwa der Aktienkurs der an der Stockholmer Börse kotierten Intrum Justitia im vergangenen Jahr um über ein Drittel gestiegen.

Immer mehr Jugendliche

Doch wer sind die SchuldnerInnen, die in die Fänge der Inkassofirmen geraten? Laut Cornelia Egli von der Schuldenfachstelle Schaffhausen sind drei Viertel der SchuldnerInnen Haushalte mit Kindern. Die Hälfte dieser Haushalte wiederum seien Alleinerziehende oder Alimentenzahlende. «Kinder sind die Schuldenfalle Nummer eins», sagt Egli.

Laut Intrum Justitia gibt es jedoch je länger, je weniger eine typische Schuldnergruppe. Das Phänomen der zunehmenden Verschuldung der Bevölkerung ziehe sich quer durch alle Altersschichten. In den letzten zehn Jahren seien als neue Gruppe die Jugendlichen dazugekommen, schreibt die Medienabteilung der Intrum Justitia an die WOZ.

JedeR vierte Jugendliche in der Schweiz schlägt sich laut Schätzungen mit offenen Rechnungen herum. Dass Mobiltelefonrechnungen dabei eine wichtige Rolle spielen, scheint nahe liegend. «Ja, es gibt unter den nichtzahlenden KundInnen viele Jugendliche», bestätigt Swisscom-Pressesprecher Sepp Huber. Doch wie viele Mahnungen Swisscom monatlich verschickt, wie viele Anschlüsse sie sperren lässt, sagt er nicht. Auch nicht, wie viele Schulden das Unternehmen jährlich von welchen Inkassofirmen eintreiben lässt. Ähnlich bedeckt hält sich die Konkurrentin Orange, wenn es um Zahlen und Fakten geht. «Es wird auch immer wieder behauptet, dass vorwiegend Jugendliche schlechte ZahlerInnen seien. Unsere Erfahrung zeigt, dass gerade die Altersgruppe 18 bis 25 Jahre die Rechnung pünktlich bezahlt», sagt Pressefrau Therese Wenger.

Bei der Post besitzen 180 000 Teenager ein Jugendkonto. «Im Vergleich zu anderen Kundengruppen werden jedoch die Jugendkonten weniger häufig überzogen», sagt Pressesprecher Marc Andrey. Postfinance bietet zwar keine Budget- oder Schuldenberatung für Jugendliche an, engagiert sich jedoch mit dem firmeneigenen Präventionsprojekt budgetgame.ch und unterstützt die Aktion Maxmoney der Basler Schuldenberatungsstelle Plusminus.

Reno Sami, Leiter des Maxmoney-Präventionsprojekts, will die Verschuldung der Jugendlichen nicht dramatisieren. Prävention sei aber wichtig. Laut Sami sind Schulden, Geld und Budgets Tabus unter den Jugendlichen: «Über Schulden wird nicht gesprochen. Man hat sie einfach.» JedeR Jugendliche habe ein anderes Konsumverhalten. Der Gymnasiast verschulde sich wegen eines Apple-Computers. Der serbokroatische Jugendliche, der kaum Deutsch spricht, trage Markenklamotten. Sami setzt darum bei seiner Präventionsarbeit auf das Thema Konsum und Markenartikel.

Auch Intrum Justitia will die Prävention unter den Jugendlichen fördern und hat den Schulwettbewerb My-Money ausgeschrieben. Reno Sami von der Beratungsstelle Plusminus sieht jedoch «bei dieser PR-Kampagne» keinen direkten Nutzen für die Jugendlichen.

Ungerechtfertigte Forderungen

Stattdessen wünscht er sich eine bessere Kommunikation zwischen den Schuldenberatungsstellen und den Inkassofirmen. Auch die Verzugskosten der Inkasso-Abrechnungen sollten endlich diskutiert werden. Sami spricht ein heikles Thema an: Die Inkassofirmen geraten immer wieder in die Kritik, weil sie «ungerechtfertigte Beträge» einfordern würden. Laut Michael Claussen, Leiter von Plusminus, machen die Inkassofirmen mit den Bezeichnungen «Verzugsschaden oder Forderungen gemäss Artikel 106 des Obligationenrechts» Zahlungen geltend, auf die sie keinen Anspruch hätten.

Oft kämen noch weitere Fantasiebezeichnungen hinzu wie «Wirtschaftsexpertise» oder «Rechtsberaterkosten». Dem widerspricht VSI-Vertreter Joachim Lerf: «Lehre und Rechtsprechung anerkennen heute unbestrittenermassen, dass die Rechtsverfolgungskosten, sofern diese notwendig und objektiv gerechtfertigt sind, dem Gläubiger entschädigt werden müssen.» Er kritisiert, dass die Schuldenberatungsstellen leichtfertig ihren Klienten empfehlen, den Verzugsschaden nicht zu bezahlen. Später würden die Forderungen dann trotzdem fällig.

Den Beratungsstellen fällt auch immer wieder das direkte und einschüchternde Auftreten der Inkassofirmen auf. So erinnert Intrum Justitia mit automatisierten Telefonanrufen und Computerstimme die SchuldnerInnen an ihre fällige Überweisung. Auch SMS aufs Handy als Zahlungserinnerung werden verschickt. Für Reno Sami von Plusminus sind das die «die modernen Formen des Baseballschlägers». In einer schriftlichen Antwort hält Intrum Justitia fest, dass viele SchuldnerInnen schwer erreichbar seien und darum Computeranrufe und SMS eingesetzt würden.

Schlechtes Image

Mit dem Baseballschläger warten sie in der dunklen Ecke des Hauseingangs auf das Opfer. So kennen wir die Geldeintreiber aus dem Kino. Doch von solchen «Hausbesuchen» distanzieren sich die professionellen Geldeintreiber.

Die Inkassofirmen sind sich des schlechten Images bewusst. Hans Gerig von Infoscore: «Oft bestimmen einzelne Firmen den Ruf des gesamten Gewerbes.» Infoscore setze darum auf «anständige Briefe und telefonisches Nachfassen».

Joachim Lerf vom Inkassofirmaverband sagt: «Wir wollen nur Mitglieder, die sich in der Rechtsordnung bewegen und ihre Arbeit seriös machen. Unsere strengen Standesregeln verbieten das Einschüchtern der Schuldner.» Laut Lerf sind aber der Versand von SMS und Computertelefonanrufe rechtens.

Wie lässt sich das Schuldenproblem besser in den Griff bekommen? Markus Hoby von der Schuldenberatung der Caritas im Kanton Thurgau und selbständiger Schuldenberater in St. Gallen stellt die Inkassobranche in Frage. Er appelliert an die Unternehmen, das Eintreiben von Forderungen nicht an Inkassofirmen auszulagern. Dies treibe bloss die Kosten in die Höhe, weil eine Stelle mehr im Wirtschaftskreislauf mitverdienen wolle. Das verteuere die Schuldensanierungen und erschwere Einzelfalllösungen. Sein Fazit: «Der Mehraufwand lohnt sich schlussendlich nicht.» ?

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Überweisung

PC-Konto 87-39737-0
BIC POFICHBEXXX
IBAN CH04 0900 0000 8703 9737 0
Verwendungszweck Spende woz.ch