Nr. 42/2005 vom 20.10.2005

Dort oben die Freiheit

Wolfgang Hafners Streifzüge sind eine Fundgrube von Anekdoten aus der Regionalgeschichte. Auch der linken.

Von Judith Huber

«Vater verteidigte sein Bedürfnis nach Ruhe und Erholung auf dem Berg mit Nachdruck. Wenn uns wieder mal zwei, drei Autos von der Strasse vertrieben und mit Staub eingehüllt hatten, hiess er uns jeweils die Strasse mit Steinen und Ästen verbarrikadieren. Der Berg sollte den Wanderern gehören.» Wolfgang Hafner, Sohn eines Solothurner Arbeiters der von Roll’schen Eisenwerke, wanderte wie andere Solothurner Kinder an schönen Sonntagen mit der Familie auf den Jurahöhen. Der Berg bedeutete Freiheit und Erholung vom Alltagsstress. Auf dem Berg entzog man sich dem Zugriff und der Kontrolle der Gemeinschaft, der Hetze des immer mehr industrialisierten Tals. Ein geradezu manischer Juragänger war Willi Ritschard (SP-Bundesrat von 1973 bis 1983), der aus dem solothurnischen Arbeitermilieu stammte. Ein wichtiger Teil seines Lebens spielte sich im Jura ab. Als Solothurner Regierungsrat duldete Ritschard die Errichtung von Zäunen oder anderen privaten Abschrankungen auf den Jurahöhen nicht. Er wollte den Jura allen zugänglich erhalten und vor Verbauung schützen. Ritschards Frau, so Hafner, hätte die Alpen bevorzugt. Doch die waren damals das Revier der Bürgerlichen.

Die Solothurner begegneten ihrem Berg mit Achtung, ja Liebe, schreibt Hafner. So wird auch verständlich, dass die Solothurner Regierung 1942 eine raumplanerische Pioniertat vollbrachte: Sie rief die Juraschutzzone aus. (Es war eine der ersten raumplanerischen Massnahmen in der Schweiz.) Auf dem Jura sollten keine Ferien- und Wochenendhäuschen erstellt werden dürfen, um die Gegend so vor Überbauung und Verunstaltung zu schützen. Bis heute fallen beim Wandern auf den Jurahöhen die Folgen dieser Massnahme auf: Im Solothurnischen gibt es weniger Ferienhäuschen als etwa im Bernischen. Mit der Verordnung, so Hafner, wurde bloss geregelt, was dem allgemeinen Volksempfinden entsprach: Die Idee des Juraschutzes war bei den Solothurnern äusserst populär.

Mit der Industrialisierung, die sich im Kanton Solothurn rasch und tiefgreifend durchsetzte, wuchs im Tal die Sehnsucht nach einer heilen Welt und nach Ruhe und Erholung. Die Solothurner ArbeiterInnen konnten es sich nicht leisten, in der Freizeit ins Ausland oder in die Alpen zu fahren. Sie wichen deshalb in den Jura aus. Viele schlossen sich - wie Hafners Vater - den Naturfreunden an, einer Freizeitorganisation der Gewerkschaften und linken Parteien. Die Naturfreunde bauten zahlreiche Häuser im Jura. Und es waren ausgerechnet die Naturfreunde, die mit dem halblegalen Bau eines solchen Hauses den Erlass der Juraschutzordnung provozierten. Sie tricksten den Regierungsrat und auch den Natur- und Heimatschutz aus. Die Regierung reagierte prompt und erliess die Juraschutzverordnung.

Ein Naturfreundehaus im Solothurner Jura war es auch, das 1927 führende Köpfe der Kommunistischen Partei Italiens, Palmiro Togliatti und Luigi Longo, beherbergte. Diese hielten im September 1927 in der Naturfreundehütte auf dem Passwang einen antifaschistischen Schulungskurs für die Mitglieder des Zentralkomitees. Zu viel Schulung kam es allerdings nicht: Kaum waren alle auf dem Berg angelangt, stand schon die bis auf die Zähne bewaffnete Polizei vor der Hütte und verhaftete die gesamte Gesellschaft. Nach drei Tagen Untersuchungshaft in Balsthal erhielten die Verhafteten zwanzig Jahre Einreiseverbot in die Schweiz. Einzige Ausnahme war Togliatti, der unter einem Pseudonym «legal» in die Schweiz eingereist war. Togliatti kam auch für die Gerichtskosten der Genossen auf, da er laut Polizei über «grössere Geldmittel» verfügte.

Das sind nur zwei der zahlreichen Anekdoten aus der Regionalgeschichte des Solothurner Jura, die der Wirtschaftsjournalist Wolfgang Hafner in seinem Buch liebevoll aufgezeichnet hat. Jedes Kapitel wird von einer Wanderung begleitet, die mit dem Thema des Kapitels verknüpft ist. So erfahren wir allerlei aus dem Leben des berühmt-berüchtigten Wilderers Tschan, nehmen staunend zur Kenntnis, welche gigantische Dimensionen der im Ersten Weltkrieg errichtete Bunker auf dem Belchen hatte, und werden auf einen Rundgang in die skurrile Eremitage im (basel-landschaftlichen) Arlesheim mitgenommen, den grössten englischen Landschaftsgarten in der Schweiz. Ein Anstoss also, den doch recht unbekannten Solothurner Jura endlich zu entdecken.

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