Nr. 43/2005 vom 27.10.2005

Ausgezeichnete Überwacher

Wer besonders dreist in die Privatsphäre anderer eindringt, wird seit 2000 mit einem Preis bedacht. Noch nie gab es so viele Kandidaten wie dieses Jahr.

Von Nick Lüthi

Wer lässt sich schon gerne als Schnüffelratte titulieren - den Vergleich mit dem Nagetier muss in der Schweiz fürchten, wer ein ungebührlich grosses Interesse an der Privatsphäre Dritter zeigt. Und das tun offenbar nicht wenige. Jahr für Jahr gibt es jeweils rund fünfzig heisse AnwärterInnen für den unbeliebten Titel eines Big Brother. Beworben hat sich keines der Unternehmen, keine der Behörden oder Einzelpersonen freiwillig. Viel mehr empfiehlt man sich mit seinem Verhalten für eine Auszeichnung als Big Brother.

Vor fünf Jahren haben das Archiv Schnüffelstaat Schweiz (ASS), die Swiss Internet User Group (SIUG) und die Rote Fabrik in Zürich erstmals die Big Brother Awards verliehen. Am nächsten Samstag ist es wieder so weit. Bereits zum sechsten Mal geht dann die etwas ungewöhnliche Zeremonie über die Bühne; die OrganisatorInnen selber bezeichnen den Abend als «satirischen Anlass». Für Thomas Bader, Mitglied des Organisationskomitees, hat das einen guten Grund: «Die satirische, humorvolle Art der Preisverleihung ist sicher eine Möglichkeit, um das Interesse an der Thematik bei vielen zu wecken.» Doch humorvoll ist nur die Form, der Inhalt ist ernst. Immerhin stehen brisante gesellschaftspolitische Fragen im Zentrum der jährlichen Veranstaltung: Welchen Wert geniesst die Privatsphäre? Wer setzt den zahlreichen Überwachungsbestrebungen von Staat und Privaten Schranken? Und: Bedeutet ein Mehr an Sicherheit zwangsläufig ein Weniger an Freiheit?

Abschliessende Antworten liefern die OrganisatorInnen keine, sie schaffen mit ihrer Veranstaltung den Rahmen für einen Überblick im Jahresrhythmus über Machenschaften, die sich oft hart an der Grenze der Legalität bewegen, sich über Datenschutzregelungen hinwegsetzen. Viel verändert habe sich in den letzten Jahren nicht, hat Thomas Bader beobachtet. So finden sich auf der Liste der diesjährigen Nominationen zahlreiche alte Bekannte, sozusagen die Unverbesserlichen. Praktisch jedes Jahr als Kandidaten oder gar Preisträger mit dabei sind etwa das Telekommunikationsunternehmen Swisscom, Geheimdienste, Polizeibehörden sowie Bundesparlamentarier oder gleich ganze Kommissionen der eidgenössischen Räte. «Was sich hingegen in den letzten Jahren weiterentwickelt hat, ist die Technik», sagt Bader. «Und das nicht unbedingt zum Guten.» Vor allem das Kürzel RFID bereitet den PrivatsphärenschützerInnen grosse Sorge. Hinter diesem Kürzel verbirgt sich eine Technologie namens Radio Frequency Identification, mit der kleinste Computerchips versehen werden können, die dereinst auf sämtlichen Handelswaren haften sollen, gleichsam als Nachfolger des veralteten Strichcodes.

«Die perfekte Voraussetzung, um ‹gläserne Konsumenten› zu schaffen, da auch Drittpersonen die auf dem Chip gespeicherten Daten lesen und somit feststellen können, wer welche Waren eingekauft hat oder welche Geldkarten jemand besitzt», sagt Bader. Noch kommen die KundInnen kaum direkt mit den Schnüffelchips in Kontakt, mit einem flächendeckenden Einsatz wird erst in den nächsten Jahren gerechnet. Zwar beteuert jedes Unternehmen, die Datenschutzrichtlinien einzuhalten. Überprüfen lasse sich das nur bedingt, weiss Catherine Weber vom Archiv Schnüffelstaat Schweiz. «Vieles läuft im Geheimen. So spürt man physisch nichts, wenn ein Unternehmen Kundendaten unerlaubterweise an Dritte weitergibt.» Mit der Big-Brother-Preisvergabe solle gezeigt werden, was sonst unsichtbar bleibt.

Catherine Weber findet, dass den Themen Datenschutz und Überwachung in der Öffentlichkeit zu wenig Beachtung geschenkt werde. «Dabei sind das omnipräsente Phänomene. Aber die Leute reagieren erst, wenn es sie direkt betrifft.» Das sei vergleichbar mit den Fichen des früheren Staatsschutzes. Alle hätten damals gewusst, dass Informationen gesammelt werden, doch die Empörung folgte erst, als das Ausmass der staatlichen Schnüffeltätigkeit bekannt wurde. «Mit der Vergabe der Preise wollen wir Mut machen.» Auch wenn man im konkreten Fall, beispielsweise bei der Überwachung des eigenen Arbeitsplatzes, wenig unternehmen kann - die Möglichkeit, Schnüffelratten für eine Negativauszeichnung vorzuschlagen, bietet sich allen. «Nicht lamentieren - nominieren!» heisst das Motto der Big Brother Awards.

Doch nicht nur die grossen Brüder erhalten Preise. Jedes Jahr kürt die Jury auch einen Datenschutz-Winkelried - eine Person, die sich erfolgreich gegen Überwachung zur Wehr gesetzt hat. Das Nominieren lohnt sich also gleich doppelt.

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