Nr. 25/2006 vom 22.06.2006

Immer draufhalten

Ruckelbilder vom Familienfest und alberner Teenagerkram: Digitaltechnik und beschleunigte Datenübertragung verhelfen hausgemachten Videos zu einem Boom.

Von Nick Lüthi

Des einen Freud ist des anderen Leid: Vor ein paar Tagen hat das Plattenlabel EMI erklärt, dass man nicht länger bereit sei zuzuschauen, wie Musikvideos seiner Künstler ungefragt im Internet auf Videoportalen wie youtube.com abgespeichert würden. Bislang waren die Videoclips nur auf den Websites des Labels oder der Band zugänglich. Seit sich die Möglichkeiten zum kostenlosen Abspeichern und Präsentieren von bewegten Bildern vervielfachen, finden Filme jeglicher Provenienz den Weg auf Seiten wie youtube.com, revver.com und google video; zehntausendfach täglich. Neben Musikvideos - seien dies nun aktuelle Produktionen oder die digitalisierten VHS-Kassetten aus den achtziger Jahren - sind es vor allem Eigenproduktionen, die nicht mehr im privaten Archiv abgelegt, sondern einem ebenso unbegrenzten wie unbekannten Nutzerkreis via Internet zugänglich gemacht werden.

Mehrere Faktoren haben in jüngster Vergangenheit dazu beigetragen, dass eine globale Amateurfilmszene im Entstehen begriffen ist. Der Siegeszug der Mobiltelefone, bei denen die eingebaute Digitalkamera inzwischen zum Standard gehört, ist eine Triebfeder. Handy draufhalten und Film ab. Qualität ist Nebensache. Bei Teenagern ebenso beliebt wie die mobile Telefonkamera ist die Webcam. Galt diese mit dem Internet verbundene Computerkamera lange Zeit als entbehrliches Zusatzgerät, so sind heute bereits zahlreiche portable Laptopcomputer standardmässig mit einer solchen Kamera ausgerüstet. Aber Filmen alleine ist nur die eine Hälfte des Phänomens. Ohne die Möglichkeit, die digitalen Bilddaten überallhin zu verschieben, bliebe alles beim Alten. Denn gefilmt und fotografiert wird nicht erst, seit Handys und Computer mit Kameras ausgestattet sind. Die zahlreichen Speicher- und Präsentationsplätze für bewegte Bilder im Internet fungieren deshalb als zweite Triebfeder.

Einer der beliebtesten Orte, wo HobbyfilmerInnen ihre Videos ablegen, ist youtube.com, ein gigantischer Gratisspeicher für unzählige Stunden Videomaterials jeglicher Qualität. Vom Dreissig-Sekunden-Nonsens bis zu historischen Leckerbissen findet sich hier alles - gratis und franko. Sowohl das Hochladen als auch das Betrachten der Filmchen ist kostenlos. Mehr als 50 Millionen Videos werden hier täglich von rund

40 000 Personen angesehen. Youtube ist nicht alleine auf dem Markt. Das Jungunternehmen aus Kalifornien sieht sich der Konkurrenz von potenten Mitbewerbern wie Microsoft, Google und Yahoo ausgesetzt. Doch scheint Youtube gegenwärtig das populärste Angebot zu sein. Grund für den Erfolg ist zum einen die Funktionalität, die sich in entscheidenden Punkten von den Konkurrenzangeboten unterscheidet. Zum anderen haben einige Videos für grosses Aufsehen gesorgt und neue NutzerInnen angezogen, die bis heute Youtube treu geblieben sind. Anders als etwa bei Google Video visioniert bei Youtube keine Redaktion die Filmbeiträge vor der Veröffentlichung und prüft den Inhalt auf mögliche Urheberrechtsverletzungen oder Gewaltdarstellungen. Erst wenn jemand verdächtiges Material entdeckt und die Fundstelle dem Unternehmen meldet, machen sich vier StudentInnen, die eigens zu diesem Zweck angestellt sind, auf die Suche nach den kritischen Stellen. Ein weiterer Grund, weshalb Youtube gegenwärtig mehr NutzerInnen anzieht als andere vergleichbare Videospeicherplätze, sind die vielfältigen Kommunikationsfunktionen. So lässt sich jedes einzelne Filmdokument bewerten, kommentieren, kopieren und verlinken. Was denn auch rege getan wird. Selbst absolut sinnfreie Kürzestproduktionen erregen beim Publikum so viel Aufmerksamkeit, dass es sich die Mühe nimmt, einen Kommentar abzugeben oder den Beitrag auf einer Skala von eins bis fünf zu bewerten. Der Film wird so zu einem Vehikel für die Kommunikation wildfremder Menschen im Internet. Einzelne Beiträge erreichen so sogar Kultstatus. So etwa jener einer jungen Frau aus dem US-Bundesstaat Oregon, die sich im Internet Bowiechick nennt. Die Siebzehnjährige hatte sich Mitte März von ihrem Freund getrennt und dies dann zum Anlass genommen, ein paar Gedanken zu diesem Ereignis auf Video zu bannen und auf Youtube zu veröffentlichen. Bis heute wurde das Trennungsvideo mehr als eine Million Mal angeschaut. Die meisten ZuschauerInnen interessieren sich jedoch weniger für das zwischenmenschliche Drama als für die Gerätschaft, mit der Bowiechick die Botschaft aufgezeichnet hat. Denn mit einem neuen Webcammodell des Schweizer Herstellers Logitech lassen sich lustige Effekte generieren und direkt während der Aufzeichnung ins Bild einblenden. Davon hat die junge Frau während ihres 75-Sekunden-Trennungsberichts exzessiven Gebrauch gemacht. Mal erscheint sie mit Gasmaske bewehrt, mal mit Katzenschnauze und verfremdeter Stimme. Der Tenor der ZuschauerInnen, die sich in hunderten von Kommentaren dazu geäussert haben, lautet denn auch: So eine Kamera will ich auch!

Ob die Verkaufszahlen nun tatsächlich hochgeschnellt sind, konnte oder wollte eine Unternehmenssprecherin von Logitech nicht bestätigen. Als Unwahrheit taxierte sie hingegen das Gerücht, wonach das Unternehmen die junge Frau dazu animiert habe, mit ihrer neuen Webcam ein Filmchen zu drehen. Kontakt hat es zwischen der Firma und Bowiechick aber nach Veröffentlichung des populären Dokuments gegeben. Wann immer sie etwas von Logitech wolle, könne sie sich bei dem Schweizer Unternehmen melden, schreibt die inzwischen zu Internetberühmtheit gelangte Webcamfilmerin in ihrem Weblog: «Dann habe ich mir überlegt: So würde ich denen nur helfen, einen Haufen Geld zu machen.» Und dafür würden Leute normalerweise bezahlt, schliesst die Siebzehnjährige. Sie will sich nicht vor den Logitech-Karren spannen lassen.

Andere haben Youtube längst als billigen Marketingkanal entdeckt. So etwa die Filmindustrie, die man sonst immer nur über das Internet jammern hört von wegen NetzpiratInnen und anderer UrheberrechtsverletzerInnen. Die Möglichkeit, gratis abertausende von KonsumentInnen zu erreichen, ist natürlich verlockend. So hat das unabhängige Filmstudio Weinstein Company die ers-ten acht Minuten seiner aktuellen Produktion «Lucky Number Slevin» mit Bruce Willis exklusiv auf Youtube bereitgestellt. Davon profitieren sowohl das Studio, das auf kostspielige Werbekampagnen verzichten kann, wie auch das Unternehmen Youtube, das exklusive Inhalte zur Verfügung gestellt erhält. Doch vorderhand bleibt Youtube ein Rätsel, was seine Finanzierung angeht. Trotz der hohen Zugriffszahlen verkauft das Unternehmen keine Werbefläche. Einzig Textanzeigen werden auf der Website eingeblendet. Selbst in Fachkreisen wird über das Geschäftsmodell gerätselt. Gut möglich, dass das mit rund elf Millionen US-Dollar Risikokapital ausgestattete Jungunternehmen nur darauf wartet, von einem der Internetgiganten übernommen zu werden. Es wäre nicht das erste Unternehmen, das so endet.

Achtung: Feind guckt mit!

Nicht nur Filme, auch Fotos aus der privaten Sammlung, persönliche Notizen, Tagebucheinträge finden heute den Weg ins Internet. Seit einigen Jahren erleben soziale Plattformen wie Youtube einen veritablen Boom. Wer sich mit wem zu einem Netzwerk, zu einer virtuellen Gemeinschaft zusammenschliesst, ist nicht nur für die Hobbyfilmerinnen und -schreiber von Belang. Grosses Interesse zeigt auch der US-Nachrichtendienst NSA. Wie die Fachzeitschrift «New Scientist» vor zwei Wochen berichtete, intensiviert der auf das Abfangen und Auswerten von elektronischer Kommunikation spezialisierte US-Dienst seine Bemühungen, systematisch das Internet nach verwertbaren Informationen zu durchkämmen. Erste Anlaufstelle sind hierbei die sozialen Netzwerke. Kombiniert mit den Daten aus der Telefonüberwachung lassen sich so sehr detaillierte Profile von einzelnen Personen aufzeichnen. Denn auf vielen Kommunikationsplattformen im Internet werden die NutzerInnen gebeten, ein paar Angaben über sich selbst zu hinterlassen. Dazu gehören etwa die politische Einstellung, sexuelle Präferenzen, Rauch- und Trinkgewohnheiten, musikalische Vorlieben und Hobbys. Je präziser diese Angaben, desto grösser ist die Wahrscheinlichkeit, Gleichgesinnte zu finden - was ja auch Sinn und Zweck solcher Plattformen ist. Gleichzeitig liefert man damit einer Behörde wie der NSA wertvolles Material. Nachrichtendienste haben schon immer öffentlich zugängliche Quellen ausgewertet. Früher waren das in erster Linie Massenmedien, heute gehört auch das Internet dazu. Schützen kann sich nur, wer entweder nichts von sich preisgibt oder fürs Internet eine eigene Pseudoidentität schafft.

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