Nr. 48/2013 vom 28.11.2013

Ein kleiner Unternehmer mit nur 2 750 136 AbonnentInnen

Längst ist Youtube über die Phase der Hobbyfilmchen hinaus. Google stellt mittlerweile eine professionelle Infrastruktur für YoutuberInnen zur Verfügung. Einige wenige werden mit ihren Filmen reich. Vor allem aber profitiert der Medienkonzern.

Von Anina Ritscher

Die Revolution der Medien ist sehr blond, stark geschminkt und heisst Jenna Marbles. Jenna, eigentlich Jenna Mourey, ist auf Platz sechs der beliebtesten FilmemacherInnen auf Youtube. In ihren Videos erklärt Jenna zum Beispiel, wie man sich schminkt, wenn man betrunken ist. Oder sie macht sich lustig über Popstar Miley Cyrus. Das Ergebnis ist für einige eine wahre Freude und für andere komplett befremdlich, aber auf jeden Fall erreichten ihre Videos bisher fast achtzehn Millionen Menschen. Jenna ist Vertreterin eines neuen Berufs: eine «Youtuberin». Das sind FilmerInnen, die Filme ausschliesslich für Youtube produzieren. Wer auf Youtube Videos hochladen will, muss einen Kanal einrichten. Andere NutzerInnen können diesen Kanal abonnieren und werden dann jedes Mal, wenn ein neues Video hochgeladen wird, informiert. Man stellt sich so sein eigenes Fernsehprogramm zusammen. Wenn eine Youtuberin mit ihren Filmen auf Youtube 10 000 AbonnentInnen erreicht hat, kann sie ihr Hobby vermarkten und sich für das Partnership-Programm mit Youtube anmelden. In die Videos von Youtube-PartnerInnen platziert Youtube Werbungen und beteiligt die VideokünstlerInnen an den Einnahmen. Das sind je nachdem, welche Art von Werbung platziert wird, bis zu fünf US-Dollar pro 1000 Klicks. Jenna Moureys Videos erreichen im Durchschnitt etwa 15 000 000 Klicks und haben sie reich gemacht.

Kurse für die «Creators»

Das Partnership-Programm, in Amerika seit 2007 stetig am Wachsen, hat auf Youtube eine eigenständige Filmbranche von hauptberuflichen Youtube-FilmemacherInnen hervorgebracht. Jede und jeder kann im eigenen Wohnzimmer eine Karriere starten. Alles, was man braucht, um berühmt zu werden, sind ein Computer und eine einfache Filmkamera, die in fast jedem Handy und Computerbildschirm eingebaut ist – und eine gute Idee. Was anfing mit ein paar gelangweilten Jugendlichen, die in ihrem Kinderzimmer Videos mit einer Webcam aufnahmen und ins Netz stellten, hat sich zu einer Plattform mit viel kreativem Potenzial und einem lukrativen Geschäftsmodell entwickelt. Youtube ist längst nicht mehr nur eine Sammelstelle für Videos von Klavier spielenden Katzen.

Dieses zweite Hollywood hat sogar seine eigenen Veranstaltungen: Am ersten Novemberwochenende fand das erste Buffer Festival in Toronto statt, das sich nur um Youtube-Filme drehte. Neben Vorführungen einiger Videoperlen gab es Podiumsdiskussionen. Die Vidcon, eine ähnliche Veranstaltung in Kalifornien, fand im Juni schon zum fünften Mal statt.

Google, seit 2006 Inhaber von Youtube, hat grosses Interesse daran, dass der Inhalt auf Youtube professionell ist und regelmässig viele ZuschauerInnen anlockt. Deshalb investiert der Konzern in seine «creators», wie die Youtube-RegisseurInnen genannt werden. Er bietet ihnen Onlinekurse zu Themen wie «Wie erstelle ich eine Produktionsstrategie?» oder «Wie optimiere ich meinen Content?». In Los Angeles, London und Tokio stellt Google zudem sogenannte Youtube Spaces zur Verfügung. Die professionell ausgerüsteten Studios dürfen YoutuberInnen, die eine bestimmte ZuschauerInnenzahl erreichen, gratis benutzen. Sie können sich so von der billigen Heimproduktion zur professionellen Studioproduktion hocharbeiten.

Koch- und Dokukanäle

Das Partnership-Programm ermöglicht es den YoutuberInnen, viel zu experimentieren, da das Risiko und der finanzielle Aufwand gering sind. Schliesslich können sie nichts verlieren. Die Vielfalt ist entsprechend gross: Sehr beliebt sind sogenannte «vlogs» oder «video-blogs». Das sind meist kurze Filme von YoutuberInnen, in denen sie von ihrem Leben berichten. Erfolgreich sind ausserdem Videos, in denen junge Frauen Schmink- und Stylingtipps teilen, oder Gamingkanäle, in denen man einem Youtuber beim Spielen und Kommentieren eines Videospiels zuschauen kann. Comedykanäle, die Sketches und Slapstickvideos bieten, sind ebenfalls stark vertreten.

Interessanter als die vielen SelbstdarstellerInnen sind aber die kunstvollen Kurzfilme. Mit ihnen ist Joe Penna erfolgreich geworden. Penna spielt Gitarre und trägt immer eine Sonnenbrille. Seinen Youtube-Kanal hat er deshalb «mysteryguitarman» getauft. Er macht manchmal experimentelle, manchmal witzige, aber immer unterhaltsame, animierte Musikvideos zu bereits vorhandener Musik. Wie die meisten YoutuberInnen ist er Filmer, Produzent, Animationstechniker, Regisseur und Schauspieler in einem. Ein Kleinunternehmer. Er hat 2 750 136 AbonnentInnen.

Die Liste hört hier noch lange nicht auf: Kochkanäle, How-to-Kanäle, Interviewkanäle, Dokukanäle, Bildungskanäle, Nachrichtenkanäle – alles ist auf Youtube mehrfach vorhanden.

Neben den arrivierteren und lukrativeren Kanälen sind aber auch kleine Nischenkanäle mit wenigen AbonnentInnen zu finden. Casey Neistat etwa versteht sich als Videokünstler und veröffentlicht Kurzfilme, die auf originelle Art sein Leben in Manhattan dokumentieren und kommentieren. Er hat bescheidene 189 534 AbonnentInnen.

Einige der YoutuberInnen können von ihrem Kanal leben, wenige werden richtig reich damit. Für viele ist es ein Sprungbrett, und sie werden nach anfänglichen Interneterfolgen von grösseren Firmen für Werbefilme engagiert.

Die vorherrschenden Kanäle stammen fast immer aus dem englischsprachigen Raum. Aber auch in Deutschland ist eine aktive Youtube-Gemeinschaft entstanden. Zu den berühmtesten deutschen Kanälen gehören der des Comedy-Triso Y-titty mit 2 521 654 AbonnentInnen und der Comedykanal Ponk. Im April 2013 hat Youtube das Partnerprogramm auch in der Schweiz lanciert. Hauptberufliche YoutuberInnen gibt es hier allerdings erst wenige.

Das Youtube-Monopol

Ganz so demokratisch, wie es wirkt, ist Youtube dann aber doch nicht. VideokünstlerInnen sind abhängig von der Anzahl der Klicks auf ihre Filme, und deren Ermittlung ist undurchsichtig. Klicks und «likes» können von HackerInnen gekauft werden. Die Website voogen.com beispielsweise bietet 100 000 Klicks für 75,99 US-Dollar an. Google beteuert auf Anfrage der WOZ, dass manipulierte Klicks aufgespürt und rückgängig gemacht werden. Wie das bewerkstelligt werden soll, ist bei zehn Stunden Videomaterial, das pro Minute hochgeladen wird, schwer nachzuvollziehen. KünstlerInnen mit vielen Views verdienen nicht nur automatisch mehr, ihre Videos erscheinen auch auf Youtube weiter oben und sind einfacher zu finden.

Es besteht ausserdem die Gefahr, dass Google die Inhalte der Filme zensiert. Der Konzern bekräftigt zwar, dass weder Youtube noch die WerberInnen den Inhalt der Videos beeinflussen. WerberInnen können ihre Werbung aber gezielt in Videos ihrer Zielgruppe platzieren.

Im Unterschied zur Filmwelt besitzt Youtube ein Monopol. Es gibt keine Videoplattform mit vergleichbarem Erfolg und somit keine Konkurrenz, wie sie unter Filmproduktionsfirmen stattfindet. Das Geld, das das digitale Hollywood einspielt, geht immer über Youtube beziehungsweise Google. Das bedeutet für Google ausserdem eine weitere Quelle für persönliche Daten der NutzerInnen.

Sturgeon’s Law

Anstatt dass eine grosse Firma in einen Künstler investiert und ihn unterstützt, bis er erfolgreich ist und Gewinn abwirft, wartet Youtube, bis die Künstlerin selbst, ohne Hilfe, zu Erfolg kommt, und geht erst dann ein Geschäft mit ihr ein. Die FilmerInnen tragen das Risiko selbst. Youtube kann dabei nicht verlieren und ist grosser Gewinner des Systems.

Das Partnership-Programm ist deshalb sehr ambivalent: Einerseits bedeutet es eine Dezentralisierung und ermöglicht AmateurfilmerInnen mit eigenständigen Ideen, von ihren Videos zu leben und die üblichen Fernseh- und Hollywoodriesen zu unterlaufen. Die Auswahl der Kanäle findet nicht, wie beim Fernsehen, bei den grossen Produktionsfirmen und Fernsehsendern statt, sondern direkt bei den KonsumentInnen. Andererseits werden sie alle vom grössten aller Medienriesen Google finanziert und sind von ihm abhängig.

Es entsteht auf Youtube zwar viel Mittelmässiges und noch mehr Schlechtes, aber die Förderung durch Google ermöglicht eben auch das eine oder andere echte Kunstwerk. Das nach einer Aussage von Theodore Sturgeon benannte Gesetz Sturgeon’s Law trifft auch auf die Inhalte auf Youtube zu: «Ninety percent of everything is crap» (neunzig Prozent von allem sind Mist). Es gilt also, die restlichen zehn Prozent ausfindig zu machen.

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