Nr. 31/2006 vom 03.08.2006

Neuer Kitt

Die israelischen Angriffe lassen die libanesische Bevölkerung zusammenstehen. Doch nach Ende des Krieges könnten zwischen den verschiedenen Parteien neue Konflikte aufbrechen.

Von Alfred Hackensberger, Beirut

Im Café Gondole in Beirut zeichnet Siad Saab sorgfältig das Schlachtfeld um Bint Dschbeil auf ein Blatt Papier. Der etwa Fünfzigjährige ist Sprecher der Neuen Linken Bewegung, die mit einem Sitz im Parlament vertreten ist und zur Koalition von Premier Fuad Siniora gehört. In der letzten Woche konzentrierten sich um Bint Dschbeil, ein Dorf im libanesischen Grenzgebiet, die Kämpfe zwischen der Hisbollah und der israelischen Armee. Auf beiden Seiten starben insgesamt über fünfzig Soldaten.

«Hier ist Masrun ar-Ras», sagt Saab und zeichnet einige kleine Kreise für den 900 Meter hohen Hügel. Links davon markiert er das Dorf Bint Dschbeil und direkt darunter zwei kleine Hügel, mit einem Kreuz versehen für israelische Stellungen. «Die Hisbollah ist von hinten auf diese beiden kleinen Hügel los, hat acht israelische Soldaten getötet und so die Offensive gestoppt.»

Krimineller Kerl

Siad Saab hat 1983 während des libanesischen Bürgerkriegs selber in Bint Dschbeil gegen Israel gekämpft, als Mitglied der Kommunistischen Partei. Trotz seiner soldatischen Bewunderung für die Hisbollah-Kämpfer hat er sonst wenig Sympathien für die religiöse Widerstandsbewegung. «Sie hören letztlich alle auf Ajatollah Chameini in Teheran. Auch Hassan Nasrallah, der Generalsekretär.» Chancen auf einen irgendwie gearteten militärischen Sieg der Hisbollah sieht er nicht. «Falls es keinen Waffenstillstand gibt, ist spätestens am kommenden Wochenende alles vorbei», meint er. Über das Schicksal der Hisbollah macht er sich wenig Gedanken. Für ihn führten sie einen Stellvertreterkrieg im Namen des Irans und Syriens. «Der Iran will von seinem Atomprojekt ablenken und Syrien von seiner Schuld am Mord an Rafik Hariri.»

Diese Position vertritt auch Walid Dschumblatt, der Vorsitzende der Progressiven Sozialistischen Partei. Wie am Fliessband empfängt der Drusenführer Tag für Tag in seinem schlossähnlichen Anwesen in den Schuf-Bergen internationale JournalistInnen. Er warnt vor dem «kriminellen Kerl in Damaskus, der den Libanon total zerstören will». Ausserdem vor dem Iran, der die USA ausgerechnet auf libanesischem Territorium bekämpfe und gerne die islamisch-schiitische Weltherrschaft antreten würde. «Wir müssen den USA dankbar sein, dass sie uns bei der Vertreibung der Syrer und bei der Errichtung unserer Demokratie geholfen haben. Nasrallah muss gestoppt werden», sagt er. Nervös rutscht der Drusenführer dabei auf seinem Stuhl herum, als wäre ihm nicht ganz wohl bei der Sache. Selbst bei einem nur moralischen Sieg der Hisbollah könnten derartige Aussagen zu seinem politischen Testament werden. In Kriegszeiten ist das Wort «Verräter» schnell bei der Hand, wenn Menschen reihenweise an der Front im Namen des Libanon sterben.

Wie fast alle Linken im Libanon ist auch Siad Saab und seine Neue Linke Bewegung ein strikter Gegner Israels. Jedoch möchte der Familienvater nicht mehr wie früher mit der Waffe in der Hand kämpfen, sondern mit friedlichen Mitteln. «Wir brauchen einen demokratischen, souveränen und von allen Mächten unabhängigen Libanon», betont er mehrmals mit Nachdruck. Saab ist froh darüber, dass Premierminister Fuad Siniora den Besuch von Condoleezza Rice einfach absagte. «Unser Land steht doch nicht zum Verkauf. Nach den 56 Toten von Kana gibt es noch weniger Chancen für einen Kompromiss.» Das Mass sei übervoll. Man müsse jetzt die Forderungen der Regierung nach einem sofortigen, bedingungslosen Waffenstillstand sowie die Rückgabe der besetzten Schebaa-Farmen und die Freilassung aller libanesischen Gefangenen aus israelischen Gefängnissen durchsetzen. Danach könne man über die Waffen der Hisbollah verhandeln, die unter den Oberbefehl des libanesischen Staates gestellt werden müssten.

Die Angst vor dem Bürgerkrieg

Siad Saabs Aussagen decken sich mit dem Positionspapier, das Premierminister Siniora letzte Woche bei den Verhandlungen in Rom präsentierte. Saab hofft, dass der Tod von 750 Menschen nicht umsonst war und ein freier, unabhängiger Libanon entsteht. «Hoffentlich gibt es keinen zweiten Bürgerkrieg», sagt er, ohne weitere Erklärungen dazu geben zu wollen. «Ich will nicht als Defätist gelten. Zuerst kommt der Krieg, dann sehen wir weiter.»

Ähnliche pessimistische Vorahnungen hat auch der Journalist Hassan Daud, der bei der Zeitung «al-Mustakbal» arbeitet. Diese gehört zum Konzern des ermordeten ehemaligen Premierministers und sunnitischen Multimillionärs Rafik Hariri. «Es könnte zu Konfrontationen zwischen Sunniten und Schiiten kommen, wenn nach Beendigung des Konflikts die Verantwortung für die katastrophale Zerstörung und die Toten der Hisbollah angelastet wird.» Die Christen seien obendrein auch uneins. Es gebe grosse Animositäten zwischen den AnhängerInnen von Michel Aun von der Freien Patriotischen Bewegung und Samir Dschadscha, dem Führer der rechtsradikalen Falangisten.

Der ehemalige General Aun, der erst 2005 aus dem französischen Exil in den Libanon zurückgekehrt war, bekundete in den ersten Kriegstagen seine Sympathie für den «libanesischen Widerstand». «Nicht die Hisbollah ist das Problem, sondern Israel», sagte er. Schon vor Ausbruch des Krieges hatte Auns Bewegung mit der Hisbollah-Partei eine Art Koalitionsvereinbarung und Unterstützungspakt abgeschlossen. Die beiden Gruppierungen repräsentieren zusammen mit der schiitischen Amal-Bewegung mehr als die Hälfte der libanesischen Bevölkerung.

Der Premier stützt die Hisbollah

Tatsächlich gab es auch schon vor der Tragödie in Kana eine ungewöhnliche solidarische Bewegung, die sich gegen Israel richtete. «Mit dieser unglaublichen Zerstörung und der kaltblütigen Bereitschaft, reihenweise Zivilisten zu ermorden», sagte die Autorin Iman Humaian Junis bereits vor zwei Wochen, «erzeugt Israel nur eine Erinnerung des Hasses.» So hat sich auch der jetzige Premierminister Fuad Siniora von der Hariri-Partei al-Mustakbal beim Hisbollah-Generalsekretär Hassan Nasrallah sowie bei «allen Märtyrern, die für den Libanon ihr Leben liessen», für ihren Einsatz im Kampf gegen Israel bedankt. Die Kriegsereignisse haben die Meinungsverschiedenheiten zwischen der Hisbollah und dem Premierminister beinahe vollständig ausgeräumt.

«Wir ziehen am gleichen Strang», bestätigte Ibrahim Musauwi, der Verantwortliche der Hisbollah-Zeitung «al-Ahed» und des TV-Senders «al-Manar». Musauwi ist einer der ganz wenigen Hisbollah-Offiziellen, die nicht völlig abgetaucht sind. Aber auch er ist schwer zu treffen. Erst nach zwei Tagen und unzähligen Telefonanrufen ist es so weit. Kaum hat er Platz genommen, ist er schon wieder auf dem Sprung. «Ja, wir und die Regierung haben die gleiche Agenda. Wenn es ein langfristiges Friedensabkommen gibt, kann man auch über eine Entwaffnung sprechen.» Premierminister Siniora sei der Mann, der alle künftigen Verhandlungen führen soll. Ausserdem wiederholt Musauwi, was Hassan Nasrallah fast wörtlich bei seiner TV-Ansprache am letzten Wochenende sagte: «An einem Sieg der Hisbollah ist nicht zu zweifeln. Israel hat nicht einmal ein Prozent unserer militärischen Infrastruktur zerstört. Es wird noch einige Überraschungen geben.» Dann verschwindet er eilig wieder.

Aussicht vom «Mövenpick»

Draussen am nächtlichen Himmel von Beirut ist wie immer das Brummen israelischer Kampflugzeuge zu hören, die über der libanesischen Hauptstadt ihre Runden drehen oder zum Kampfeinsatz in den Nordlibanon weiterfliegen. Trotz der von Israel angekündigten 48-stündigen Bombardierungspause wird weiterhin auf alles geschossen, was als verdächtig gilt: MotorradfahrerInnen, Kleintransporter mit Gemüse, Privatautos und Lkw. Wenn die Kampfjets verschwunden sind, fliegen Drohnen über Beirut, surrend wie kleine Propellerflugzeuge.

Im Mövenpick Hotel logieren TV-Teams aus aller Welt. Selbst am Abend tummeln sich Gäste am Swimmingpool. Vom achten Stock der Luxusherberge kann man im Mondlicht noch immer die dicken Rauchschwaden sehen, die von den Öltanks des Elektrizitätswerkes in Dschieh aufsteigen, das in den ersten Kriegstagen bombardiert wurde. Der Wind treibt den Rauch Richtung Beirut.

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