Nr. 35/2006 vom 31.08.2006

Das Berliner Tor zu Vietnam

Jede Nacht entsteht in Berlin das vietnamesische Onlinemagazin «Talawas». Seine Leserschaft findet sich in der weltweiten Exilgemeinde, in Vietnam selber ist die Website jedoch verbannt.

Von Marina Mai, Berlin

Zum Zeitpunkt unseres Besuchs bei Pham Thi Hoai besteht der Schwerpunkt für den kommenden Tag erst aus einigen Telefonnummern. Wie jeden Abend sitzt die 46-Jährige vor dem Computer in Berlin. Die vietnamesische Schriftstellerin ist Chefredaktorin des Onlinemagazins «Talawas» und plant einen Themenblock über das vietnamesische Leben in der deutschen Hauptstadt. Darin soll es um Korruption in der vietnamesischen Botschaft, um die vietnamesische Parallelwirtschaft und um Kriminalität gehen. Drei Themen, zu denen drei oder auch mehr AutorInnen gefunden werden müssen. «Talawas» ist das ambitionierteste vietnamesischsprachige Onlinemagazin, das ausserhalb Vietnams erstellt wird. Der Name ist vietnamesisch-deutsches Patchwork: «tala» heisst «wir sind», «was» ist das deutsche Fragewort.

Das Magazin entsteht jede Nacht am Schreibtisch der Schriftstellerin Pham Thi Hoai. Übers Netz ist die Chefredaktorin und Herausgeberin mit sechzehn weiteren RedaktorInnen in Vietnam, Frankreich, den USA, Kanada und Deutschland verbunden. Alle sind Intellektuelle, Universitätsprofessorinnen, Informatiker, Journalistinnen und Künstler. Entsprechend hoch ist das Niveau des Magazins. Reine Nachrichten oder gar Agenturmeldungen sucht man vergebens, stattdessen finden sich kontroverse Debattentexte, die die politischen Diskussionen in Vietnam kritisch begleiten und in Vietnam oft nicht erscheinen dürften. Daneben gibt es Porträts, Konferenzberichte und Reportagen über Tabuthemen wie etwa Homosexualität. «Täglich entstehen vier Essays und viele Forenbeiträge mit Leserdiskussionen», sagt die selbstbewusste Vietnamesin. Darin geht es etwa um Literatur und Kunst, um Politik, Sport, Philosophie und Religion.

Etwas Besonderes ist die «Talawas»-Sonntagsausgabe. Sie stellt jedes Mal eineN SchriftstellerIn vor, auch solche, die in Vietnam vom Buchmarkt verbannt sind. Aber auch internationale AutorInnen sind darunter - etwa der Schweizer Friedrich Dürrenmatt, dessen vietnamesische Übersetzerin Pham Thi Hoai ist. Alle Beiträge sind vietnamesischsprachig, bei Übersetzungen wird das jeweilige Original angehängt oder verlinkt.

Existenz dank Zensur

Neben ihrem Broterwerb als Übersetzerin, ihrer Berufung als Schriftstellerin («die bringt mir das Geld für meine Reisekasse ein») und ihren Pflichten als Mutter eines Sohnes redigiert die Berliner Vietnamesin seit fast fünf Jahren jeden Abend eine aktuelle Ausgabe des Onlinemagazins. In einem Forum kann die LeserInnengemeinde über die Texte diskutieren. Mit «Ich würde mich zu Tode langweilen, wenn es da keine Kontroversen gäbe» spricht sie etwas aus, das in der auf Harmonie bedachten vietnamesischen Kultur alles andere als selbstverständlich ist.

Wie alle anderen Redaktorinnen, Fotografen und Autorinnen arbeitet sie ehrenamtlich. Die kleine Frau weiss genau, warum ihre MitstreiterInnen auch ohne Honorar mitziehen: In Vietnam gibt es Medienzensur, die «Talawas» von Berlin aus umgehen kann. «Ohne Zensur in Vietnam gäbe es unsere Website nicht», sagt sie. Glanzstück des Projektes, sagt die studierte Archivwissenschaftlerin, sei die Onlinebibliothek. In aller Welt sammeln ihre MitarbeiterInnen in Bibliotheken vietnamesische Belletristik, die in Vietnam der Öffentlichkeit vorenthalten wird - darunter viel vor 1975 in Südvietnam entstandene Literatur, die in Hanoi nicht zum Kulturgut zählt.

Zu tief eingedrungen

Zwischen 6000- und 8000-mal täglich wird «Talawas» in 87 Staaten der Welt aufgerufen. Vietnam selbst steht dabei nur an zehnter Stelle, denn seit Mai 2004 verwehrt ein Filter der ZensorInnen in Hanoi den Zugang, er ist nur noch über einen mühevollen Umweg möglich. Aktueller Anlass dafür war in den Augen von Pham Thi Hoai die Werbung für eine Lesung im Hanoier Goethe-Institut im Mai 2004. Gelesen hatte der Schriftsteller Bui Ngoc Tan, der in Vietnam viele Jahre in Arbeitslagern zugebracht und seine Hafterinnerungen aufgeschrieben hatte.

Am Tag nach der Lesung war die «Talawas»-Website von den Computern in Vietnam verbannt. «Natürlich haben die Zensurbehörden uns keine Begründung geliefert. Aus Insiderkreisen haben wir gehört, das Verbot ginge auf eine Sitzung der Abteilung für Kultur und Ideologie der Parteiführung zurück. Dort soll man zur Erkenntnis gekommen sein, unsere Website sei bereits zu tief in den politischen und gesellschaftlichen Dialog in Vietnam eingedrungen.» Die Vietnamesin ist stolz darauf, dass unzählige LeserInnen in Vietnam gegen das Verbot protestiert haben. «Damit haben wir doch ein Stück Zivilgesellschaft in Vietnam gefördert. Das lässt sich nicht rückgängig machen.»

www.talawas.de

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