Nr. 41/2021 vom 14.10.2021

Kleingeistige Kritik

Gekannt hat ihn im deutschsprachigen Raum kaum jemand: den neuen Literaturnobelpreisträger Abdulrazak Gurnah. Das sagt mehr über den hiesigen Buchmarkt aus als über die Qualität seiner Werke.

Von Silvia SüessMail an Autor:in

Abdulrazak Gurnah

Es war eine grosse Überraschung, die da vergangenen Donnerstag verkündet wurde: Der Literaturnobelpreis ging an keine:n der Favorit:innen, sondern an einen Autor namens Abdulrazak Gurnah. Der 72-Jährige, der auf Sansibar geboren wurde, seit langem in England lebt und auf Englisch schreibt, erhält den Preis «für sein kompromissloses und mitfühlendes Durchdringen der Auswirkungen des Kolonialismus und des Flüchtlingsschicksals in der Kluft zwischen Kulturen und Kontinenten», so die Begründung der Jury.

Auch viele Literaturkritiker:innen hörten seinen Namen vergangene Woche zum ersten Mal. Aus der eigenen Unkenntnis auf die Irrelevanz des Autors zu schliessen – wie es der Kritiker der NZZ tat – greift jedoch zu kurz. Die schwedische Akademie scheine sich nicht darum zu kümmern, dass sich die wichtigste literarische Auszeichnung der Welt mit solch kapriziösen Entscheidungen in die Bedeutungslosigkeit verabschiede, schimpfte die Zeitung – überzeugt, dass das ohnehin schon ramponierte Ansehen des Literaturnobelpreises weiter Schaden nehmen werde.

Die Argumentation, die den Fehlentscheid beweisen soll: Der Autor selbst sei überrascht gewesen von dem Entscheid; seine Bücher hätten keine Leserschaft und seien nicht einmal auf Deutsch lieferbar. Ausserdem thematisiert Gurnah in seinen Werken Fragen der Migration – weswegen der NZZ-Kritiker glaubte, zur Vorsicht mahnen zu müssen: «Indessen sind weltbewegende Themen noch keine Garantie für eine weltbewegende Literatur.»

«Globalität avant la lettre»

Wie provinziell dieses Urteil ist, wird spätestens bei einem Blick in die Medien jenseits der Schweizer Landesgrenze offensichtlich. «Gurnah ist einer der bedeutendsten zeitgenössischen postkolonialen Romanautoren, die heute in Grossbritannien schreiben», meint etwa die Autorin Lizzy Attree, eine Expertin für afrikanische Literatur. Und die äthiopisch-US-amerikanische Schriftstellerin Maaza Mengiste bezeichnet Gurnah als «einen der bedeutendsten Autoren unserer Zeit». Der Autor Ilija Trojanow nennt ihn «einen Erzähler des Indischen Ozeans mit dessen vielen Zusammenflüssen zwischen Oman und Indien und Sansibar und Dar-es-Salaam. Quasi Globalität avant la lettre, kosmopolitisch seit mehr als einem Jahrtausend.» Und Bhakti Shringarpure, Englischprofessorin und Herausgeberin des Magazins «Warscapes», schreibt: «Gurnahs eigene Überraschung über den Preis zeigt, wie wenig Liebe der riesigen, vielfältigen und schillernden Literatur aus Afrika geschenkt wird.»

Tatsächlich ist es 18 Jahre her, seit mit J. M. Coetzee ein afrikanischer Autor den Nobelpreis erhielt. Und 35 Jahre liegt es zurück, dass der Preis an Wole Soyinka und damit an einen Schwarzen afrikanischen Autor ging. Dass der Entscheid auch ein politischer ist, lässt sich nicht von der Hand weisen – was aber nicht bedeutet, dass Gurnahs Literatur nicht herausragend wäre.

So erzählt sein 2020 erschienener Roman «Afterlives» vom Maji-Maji-Aufstand, der sich zwischen 1904 und 1907 im heutigen Südtansania gegen die deutsche Kolonialmacht richtete. Dieser Kolonialkrieg, dem zwischen 200 000 und 300 000 Menschen zu Opfer fielen, ist jedoch aus dem kollektiven Gedächtnis der Deutschen verschwunden. Dass nun dank des Literaturnobelpreises Gurnahs Bücher auf Deutsch übersetzt werden, ist eine grossartige Folge dieser Preisvergabe. Denn dass dies bisher kaum der Fall war, sagt wenig über die Qualität von Gurnahs Literatur aus, dafür aber umso mehr über die jahrzehntelange Ignoranz des hiesigen Buchmarkts gegenüber afrikanischen Autor:innen.

Einer der ganz Grossen

Ob auch er überrascht worden sei von der Wahl des Nobelpreisträgers, wurde der Journalist Ulrich Noller im WDR gefragt – Noller hatte vor zwei Jahren in Köln eine Veranstaltung mit Gurnah organisiert. «Es ist so eine zweistufige Sache», antwortete er. Im ersten Moment sei man zwar überrascht, dass ausgerechnet dieser Autor prämiert wurde. Doch dieser Eindruck verflüchtige sich schnell. «Er ist einer der ganz Grossen der Literaturen vom afrikanischen Kontinent», sagte Noller; man könne Gurnahs Bedeutung gar nicht hoch genug einschätzen – zumal er schon in den achtziger Jahren über Migration geschrieben und diese literarische Tradition mitbegründet habe.

Vielleicht also sollte auch so mancher Literaturkritiker besser zweimal nachdenken, ehe er in die Tasten greift.

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