Nr. 42/2006 vom 19.10.2006

Auf beiden Seiten des Gesetzes

Ein jüdischer Countrysänger und Krimiautor und Spassvogel will der nächste Gouverneur von Texas werden. Am 7. November wird gewählt.

Von Franz Dobler

Im amerikanischen Bundesstaat Texas kämpft ein Mann, der Politiker nicht leiden kann, darum, am 7. November 2006 zum neuen Gouverneur gewählt zu werden. Kinky Friedman, ein parteiloser Kandidat, der aus Notwehr dazu getrieben wurde: «Ansonsten wird ein Dummkopf und sein Geld gewählt werden», warnt er die Texaner, und meint damit den amtierenden Gouverneur, den Republikaner Rick Perry. Für sich selbst wirbt Kinky (was gelocktes Haar, aber auch verrückt heisst) stolz mit dem Hinweis, er habe keine politische Erfahrung. Wenn man hinzufügt, dass er Marihuana und die gleichgeschlechtliche Ehe legalisieren möchte, ist klar: Das wird nicht leicht für ihn. Nicht in Texas, wo der Spruch «ein Mann, der Frauen mehr liebt als Football, ist schwul» nicht nur ein Witz ist. Ein Texaner, der sagt, «ich habe keine Kanone, wer mich töten will, muss schon seine eigene mitbringen», wird nicht so leicht Gouverneur. Nicht in Texas.

«Einen Nixon abdrücken»

Als Richard Friedman (61) im November 2003 verkündete, den Gouverneurssitz in Austin einnehmen zu wollen, räumte die «New York Times» gleich eine ganze Seite frei. Schliesslich ist der Mann nicht irgendein Spinner. Sondern war schon von den Präsidenten Clinton und Bush jr. ins Weisse Haus eingeladen worden, die sich beide öffentlich als Fans der Kinky-Kriminalromane outeten. Die sind populär in den USA und - das erklärt, was denn an dieser bescheuerten Texaswahl für uns so interessant sein soll - seit ihrer Entdeckung durch den Haffmans-Verlag 1992 auch im deutschsprachigen Raum. Diese Krimis sind nicht nur so komisch wie melancholisch, sondern zeigen einen tiefschwarzen Humor, der gegen Jogger, Nichtraucherinnen, Schlaumeier, Antisemiten oder religiöse Fundamentalistinnen jeder Art gerichtet ist, geschrieben mit herzlicher, grosser Klappe und einer Tonne dirty words. Fortsetzung der Songs, mit denen Countrysänger Kinky in den siebziger Jahren ein wenig bekannt und sehr berüchtigt geworden war. Wenn der New Yorker Privatdetektiv Kinky Friedman, vom Autor und Meister der Selbstinszenierung perfekt als sein eigenes Ebenbild gestaltet, scheissen geht, dann heisst das, konsequent durchgezogen über die Jahre, etwas anders: Er geht «einen Nixon abdrücken». Der Watergate-Präsident als Synonym für Scheisse: Das ist vielleicht keine sensible Satire, aber eine klare Haltung.

Wer also irgendwas von diesem verrückten Huhn gelesen hatte, war sicher, dieser Politplan war nichts als eine grosse Parodie auf Arnold Schwarzenegger, ein neuer Marx-Brothers-Film mit Groucho-Fan Kinky als Groucho, die ultimative Promotion. Und der Held selbst befeuerte diesen Verdacht durch den Spruch, er werde aus der Sache zumindest mit einer neuen Frau oder einem neuen Buch herauskommen. Dass der Politclown den gefürchteten Politprofi und Exsenator Dean Berkley, der schon in Minnesota für die Unabhängigen den Exwrestler Jesse Ventura zum Gouverneur durchgeboxt hatte, als seinen Wahlkampfleiter präsentierte, machte den Coup jedoch perfekt. Friedman gelang es dann, sein Spassvogelimage etwas verblassen zu lassen, um mit seinen echten Themen, wie Kampf gegen Kinderarmut, Förderung neuer Energiesysteme oder stärkere Unterstützung für alle im sozialen Bereich Tätigen, akzeptiert zu werden. Der selbst bei den Republikanern nicht übermässig beliebte Perry ignorierte den Gegenkandidaten, der als Erster in den Wahlkampf zog, bis zum Mai dieses Jahres. Da schaffte Kinky Friedman die entscheidende Hürde: statt der 45000 Unterschriften von BürgerInnen, ohne die ein Unabhängiger nicht zur Wahl zugelassen wird, schaffte er mehr als das Dreifache. Er bedankte sich - wie üblich eine illegal eingeführte Kuba-Zigarre qualmend unter dem grossen schwarzen Cowboyhut, wie immer fern vom manierlichen Politgesäusel: «All I can say is, thank God for bars and dance halls.»

«Noch bekloppter als üblich»

Mit gutem Grund konzentriert sich Friedman auf die Nichtwähler, die nicht ins Wahlregister Eingetragenen, die Studenten, die von allen Politprofis Verdrossenen, die versprengten Haufen der Linken und Alternativen, die Hillbillies, Latinos und Schwarzen, die Konservativen, die den Turbo-Kapitalismus so misstrauisch betrachten, wie sie einen immer schwächer werdenden Gemeinschaftssinn bedauern, und alle, die es wie der stolze Low-Budget-Kandidat Friedman für eine Schweinerei halten, dass im Wahlkampf wieder mal 100 Millionen Dollar verpulvert werden: Denn Rick Perry hatte die letzte Wahl nur knapp gewonnen und hatte, bei einer Wahlbeteiligung von dreissig Prozent, tatsächlich nur etwa fünfzehn Prozent der Wahlberechtigten hinter sich. Deshalb hören die Besucher der Kinky-Politshow ständig: Nehmt eure Zukunft endlich selbst in die Hand und geht zur Wahl.

Deshalb geht der Arsch von Rick Perry (56) jetzt wohl doch etwas auf Grundeis, wie man so sagt. Er hat auch noch den Demokraten Chris Bell (45) gegen sich, und neben dem beliebten Excountrysänger und Buchautor Kinky sogar eine zweite bekannte unabhängige Kandidatin: Carole «Grandma» Strayhorn (66), seit vielen Jahren oberste Rechnungsprüferin des Staates Texas und, by the way, ehemaliges Mitglied beider grossen Parteien. Demokrat Bell, farbloser Erster in einer zerstrittenen Partei, und Republikaner Perry geben in dieser Schlacht die üblichen, irgendwie seriös scheinenden Standards ab; Grandma Strayhorn schiesst scharf gegen Perry, das Volk möge diesen «faulen und unfähigen Drugstore-Cowboy», der so viele Wahlversprechen gebrochen habe, endlich rauswerfen; und Kinky kippt Kritik und Spott sowieso über die Politprofis und Perry zuerst.

Die Wortwahl, die KandidatInnen, der Kampf, die Konstellation: Von allen Staaten im Wahlkampf liefert Texas die heisseste Action. Die erste grosse Prognose im Juli, der «Rasmussen Report Poll», bestätigte das: Perry 40 Prozent (schwach für einen Amtsinhaber), Grandma Strayhorn 20 Prozent (nicht überraschend), Kinky Friedman 19 Prozent (irre), Demokrat Bell 13 Prozent (mies). Seitdem ist die Truppe beliebtes Thema in allen US-Medien. Jerry Polinard, Politikprofessor an der University of Texas-Pan American, kommentierte, man sei in Texas an «seltsame Wahlkämpfe und seltsame Politik» gewöhnt, aber dies schlage alles («Midland Reporter-Telegram», 5. August), und die Zeitung resümierte es mit der Schlagzeile: «Beklopptheit herrscht, noch mehr als gewöhnlich, in der texanischen Politik». Eine neuere, im September erstellte Prognose giesst Öl ins Feuer: Perry 35 Prozent, Friedman 25 Prozent, Strayhorn und Bell bei etwa 20 Prozent.

Irre und Profis

Ich muss gestehen, ich habe diesen berühmten Satz des Gonzo- und auch Politikjournalisten Hunter S. Thompson («Fear And Loathing In Las Vegas») erst jetzt ganz genau kapiert: «Wenn die Sache irre wird, werden die Irren zu Profis.»

Und die Profis versuchen dann, den Irren richtig in die Mangel zu nehmen. Das war zu erwarten, das kennt man, Kandidaten wurden auch schon mit längst vergessenen Geliebten aus dem Weg geräumt. Republikaner-Gouverneur Perry redet inzwischen gern vom «Rassisten» Friedman. Weil der in einem Statement das Wort «Negro» benutzte und sogar eine Entschuldigung ablehnte, weil er das Wort charmant finde. Ein Verstoss gegen die Political Correctness: Deren bizarre Auswüchse abzuschaffen, wie zum Beispiel die Verbannung von Mark Twains «Huckleberry Finn» aus Bibliotheken, gehört zu Friedmans Wahlprogramm. In den «Daily News» vom 24. September, und damit landen wir bei den wirklich schönen Details, wurde der Jude Kinky von einem bekennenden Republikaner verteidigt. Man müsse schon schwer auf den Kopf gefallen sein, wenn man bei den Songs, den Bücher, den Reden von Friedman nicht sofort merke, dass er in keinster Weise ein Rassist sei, schrieb Kolumnist Dolph Tillotson, sondern dagegen kämpfe und sich nie über Christinnen oder Juden lustig mache, vielmehr über Leute, die glauben, «ihr Weg sei der einzige Weg». Nun kämen also die «Meister der Verdrehung», attackierte er das Perry-Team, um Friedmans Bücher und Aufnahmen durchzukämmen, und solange «Kinky eben Kinky ist, wird es nicht schwer sein, beleidigende Bemerkungen zu finden».

Die «Meister der Verdrehung» haben es leicht, denn Friedman hat zu seinen Büchern immer erklärt, er erfinde darin nur das Verbrechen. Ganz offen erzählt er in seinen Romanen von seiner Kokainsucht, seiner Weigerung, in den Krieg gegen Vietnam zu ziehen, seinem grundsätzlich lässigen Lebensstil inklusive vorehelichem Geschlechtsverkehr, den er bis heute praktiziert. Mit seiner Band The Texas Jewboys, die 1971 die Bühne der Countrymusik enterte wie ein Kommando aus der Protestbewegung, das man vergessen hatte einzubuchten, lieferte er mit «Rapid City, South Dakota» den ersten Pro-Abtreibungssong. Wegen des Songs «Put your biscuits in the oven and your buns in the bed» kürte ihn eine Frauenorganisation zum «Sexisten-Schwein des Jahres 1974» (man muss schon schwer auf den Kopf gefallen sein, um die Parodie nicht zu erkennen). Auch seinen Standardgag «Baptisten haben nur einen Fehler: Sie werden bei der Taufe nicht lange genug unter Wasser gehalten» kann man im stark christlichen Texas gut gegen ihn verwenden (ohne zu bemerken, dass der Jude auch orthodoxen Juden harte Witze hingeworfen hat). Die einfache Erwähnung, dass Friedman für die Legalisierung von Marihuana ist, ist so wirkungsvoll wie verzerrt: Er reagiert damit nur auf die von allen Seiten eingestandenen, erfolglosen Antidrogenmassnahmen, sagt, «schlimmer kann es ja nicht werden», und fordert genug Platz für echte GewalttäterInnen in den Gefängnissen.

Interessante Freunde

Die «masters of spin» werden natürlich nicht bezahlt, um die Details zu beachten, sondern um direkte Treffer zu landen. Kinky-Unterstützer Jesse Ventura, der Ex-Wrestler, der Gouverneur in Minnesota geworden ist, wird angegriffen, weil er 1999 in einem Playboy-Interview die AnhängerInnen jeder organisierten Religion als «geistesschwach» bezeichnete. Kinky-Unterstützer und Country-Ikone Willie Nelson ist ein bekennender Kiffer! Und so könnte auch - hey, ich wäre ein guter Spin Doctor! - Kinky-Kumpel Steven Rambam alias Rombom mit reingezogen werden, echter und jüdischer New Yorker Privatdetektiv mit starker Nebenrolle in den Krimis, einer der erfolgreichsten Jäger von deutschen Altnazis und bekennender FBI-Hasser: Er wurde im Juli während eines Vortrags bei einer Computerhackerkonferenz von FBI-Agenten in Handschellen abgeführt und steht unter der Anklage, sich als FBI-Agent ausgegeben und Zeugen eingeschüchtert zu haben. Nächster Gerichtstermin: Los Angeles, 23. Oktober. Sein Freund Kinky verteidigt ihn öffentlich mit den Worten: «Er ist ein guter Typ, der sehr unkonventionell arbeitet - manchmal auf beiden Seiten des Gesetzes» (AP New York, 14. 9. 2006).

Der etwas andere Cowboy

Es ist unwahrscheinlich, dass Friedman Gouverneur wird, aber warum eigentlich hat der Typ eine Chance? Weil ihn mehr Prominente wie Robert Duvall, Billy Joe Shaver, Billy Bob Thornton unterstützen? Weil Dr. John, Ringo Starr und die halbe The Band damals mit ihm auf einer Platte mitspielten? Weil er mit den Jewboys bei einer Dylan-Tournee dabei war? Weil Präsidentengattin Laura Bush sein Farmprojekt zur Rettung misshandelter und ausgesetzter Tiere unterstützt? Kommt gut, klar. Aber schon eher, weil sein neuester TV-Spot «Cowboy Way» heisst. In Texas, wo sich das Macho-Cowboy-Image am stärksten erhalten hat, macht paradoxerweise ein gemässigt linker Outsider Wahlkampf mit dem «Cowboy Way». Friedman gibt damit nicht den Macho, sondern den im guten Sinn konservativen Romantiker. Im Sinn des jüdischen, von den Nazis ermordeten Mädchens Anne Frank: Die hatte Bilder von Cowboys über ihrem Bett, als Symbol für Gerechtigkeit, Freiheit, Mitmenschlichkeit. Seine Forderung, politische Entscheidungen dürften sich nicht nach dem Interesse der Finanzmächtigen richten, scheint verstärkt anzukommen. Wie sein Respekt für Feuerwehrleute, Lehrerinnen, Krankenschwestern, Polizisten, die unterbezahlt seien und damit Symbole für ein kaputtes Bildungs- und Sozialsystem ausgerechnet im reichsten Staat der Staaten. Dass er die Renovierung nicht durch Steuererhöhung finanzieren will, was im Steuerparadies Texas politischer Selbstmord wäre, sondern durch die Einführung von staatlich kontrolliertem Glücksspiel, klingt gut. Die Todesstrafe will er nicht abschaffen (eine Enttäuschung für seine europäischen Fans natürlich), aber die skandalös hohe Zahl von vollstreckten Todesurteilen radikal senken: durch strengere Überprüfung der Fälle und Nichtvollstreckung an Geisteskranken und Jugendlichen. Sein Hinweis an die Wähler, dass in den Todestrakten überwiegend Schwarze sitzen und niemals ein reicher Weisser, ist geradezu revolutionär. Sein Plan, sich mit erprobter Bioenergie von herkömmlichen Energiestoffen unabhängiger zu machen, klingt angesichts der Nahostkrisen immer besser.

Kurzum, Friedman zeigt sich als Kandidat mit einem guten Herzen, gegen das Geld-regiert-die-Welt-System, gegen aalglatte Politiker, und im Gegensatz zu denen, sagt er, glänzte sein Cowboy-Ideal eben nicht mit Worten, sondern mit Taten. Ich glaube, das hat damit zu tun, dass dieser unglaubliche Kandidat so unerwartet stark im Rennen ist. Es scheinen ihn diejenigen zu verstehen, denen die moderne Welt immer unverständlicher wird.

Vor wenigen Tagen hat sich Kinky Friedman wieder weit aus dem Fenster gelehnt. «Wenn ich Gouverneur bin», sagte der Jude, der schon immer Israel gegen seine Feinde verteidigte, «werde ich als einen der Ersten Robert Muhammad anrufen, den Leiter der Nation of Islam in Houston. Sie werden annehmen, dass wir gegensätzliche Ansichten haben, aber das ist nicht so.»

Das erinnerte mich daran, auch an Marihuana und schwule Ehen denkend, was Hunter S. Thompson in seinem letzten Buch «Kingdom of Fear» erzählte. 1970 hatte der Gonzojournalist in Aspen, Colorado, einen harten Wahlkampf um das Amt des Sheriffs geführt. Mit einer brutaleren, weniger charmant-witzigen, aber Kinky Friedman sehr ähnlichen Taktik. Als klar war, dass Thompson im Rennen gleichauf mit seinem Gegner lag, wurde er von seinen Leuten ständig gewarnt: Sollte er die Wahl gewinnen, werde er das Büro nicht lebend betreten.

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