Nr. 50/2006 vom 14.12.2006

Das Kinderheim der Ururgrosstante

Von Stefan Otto

Mit «Ahawah heisst Liebe» begibt sich die israelische Autorin Ayelet Bargur auf Spurensuche. Sie wirft neue Blicke auf die Geschichte des jüdischen Kinderheims Beit Ahawah in der Berliner Auguststrasse. Darüber hinaus sucht sie auch nach den eigenen Wurzeln, denn die langjährige Leiterin des Kinderheims, Beate Berger, war ihre Ururgrosstante. Als gelernte Kinderschwester war sie 1922 nach Berlin gereist, um das Kinderheim aufzubauen.

Ayelet Bargur hat Archivmaterial gesichtet und über Anzeigen in israelischen Zeitungen Kontakt zu ehemaligen Heimkindern aufgenommen. Deren persönliche Erinnerungen nehmen viel Platz im Buch ein. Immer wieder wechselt die Autorin die Perspektiven und schafft so ein facettenreiches Panorama. Einziger Wermutstropfen: Bisweilen bauscht sie die Schilderungen atmosphärisch auf. Das wirkt lebendig, kratzt aber an der Authentizität.

Nach Hitlers Machtübernahme beschloss Beate Berger, die Kinder zu evakuieren und das Heim nach Erez Israel zu verlegen. Bald begannen die Vorbereitungen, begleitet von unzähligen bürokratischen Hindernissen. «Wie auf einem Markt habe ich mit ihnen gefeilscht», beklagte sich Beate Berger bei ihren KollegInnen über die Verhandlungen mit der britischen Mandatsmacht. «Ich habe hier 120 Kinder. Ich wollte sie alle auf einmal herausbringen. Doch eine solche Anzahl von Zertifikaten löst bei den britischen Beamten höchstens Gelächter aus. Also nicht alle zusammen.» Nach dem Pessachfest 1934 siedelten die ersten Kinder mit dem Schiff nach Palästina über; das neue Heim wurde in der Nähe von Haifa mit den Spenden der jüdischen Gemeinde Berlins aufgebaut.

Mehrmals fuhr Beate Berger zurück nach Berlin, um weitere Kinder zu holen, bis die britischen Behörden 1939 die Grenzen Palästinas abriegelten. 1941 wurde das Heim in der Auguststrasse von der SS geschlossen. Die Autorin verzichtet darauf, die Schrecken der Vernichtung zu schildern. Das Buch «Ahawah heisst Liebe» folgt dem hoffnungsvollen Titel. Die Geschichte geht gut aus; das Kinderheim existiert noch immer in Kirjat Bialik, unweit von Haifa.

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