Nr. 50/2006 vom 14.12.2006

Der Sport der Dörfer

Wer im Winter auf ostfriesischen Nebenstrassen unterwegs ist, sollte auf die Schilder «Strassenbosseln» achten und sich vor rollenden Kugeln schützen.

Von Knut Henkel, Schweinebrück

Wenn man in Friesland an einem Winterwochenende auf der Strasse mehrere Dutzend in Ballonseide gewandete Sportler mit dicken Kugeln erblickt, dann kann es sich nur um zwei Bosselteams handeln.

«Lot hum susen», ruft Wilhelm Bödecker und schaut der schwarzen Kugel hinterher, die an ihm vorbeirollt. Zwei Männer sprinten hinter der Kugel her und grölen aus Leibeskräften. Es scheint, als wollten sie die Kugeln antreiben, sie anfeuern, doch schliesslich kommt das faustgrosse Ding von der kurvigen Strasse ab und landet mit einem satten Platsch in einem modrigen Graben. «Dat war een gewaltigen Wurf», meint Altmeister Wilhelm Bödecker beifällig. Bödecker ist die graue Eminenz an der Strecke, und die Spieler aus Schweinebrück und Halsbek grüssen die Bossellegende anerkennend. Bosseln ist der Volkssport der FriesInnen, vor Ort auch «Heimatspill» genannt. «In der dunklen Jahreszeit, in den Wintermonaten, geht es Woche für Woche auf die Strecke», sagt Wilhelm Bödecker, der 38 Jahre lang Vorsitzender des Schweinebrücker Klootschiesser und Bosselvereins Lat’n Rull’n war. Die Strecke ist die Strasse, und jeder Klub in Friesland hat seine eigene Route, die auch gekennzeichnet ist - «Strassenbosseln» steht auf den rechteckigen weissen Verkehrsschildern, die Bödeckers Verein aufgestellt hat. Die Einheimischen wissen Bescheid und warten auch mal geduldig, bis die Kugel ausrollt oder in den Schlot, den Strassengraben, rutscht. Auswärtige verirren sich hingegen kaum auf die abgelegenen Dorfstrassen, auf denen die etwa ein Kilogramm leichten Kugeln - Kloot genannt - dahinsausen. «Sieben, acht und mehr Kilometer lang ist eine Strecke», sagt Kurt von der ersten Mannschaft von Schweinebrück und reibt die schwarze Kloot trocken. Dann nimmt er Anlauf, sprintet los, bremst ab und donnert die Kugel auf die Strasse. Und weil er der runden Kunststoffkugel in letzter Sekunde mit dem Daumen einen Drall gegeben hat, trudelt sie sauber durch die nächste Kurve und schmiert nicht wie die vom Gegner aus Halsbek in den Graben ab. Die Truppe von Kurt jubelt, ein sauberer Schuss war das. Perfekt hat der Werfer die Neigung der Strasse ausgenutzt und so die Kugel durch die Kurve geschickt.

40 000 BosselfreundInnen

Da nickt auch der Gegner anerkennend, und Wilhelm Bödecker brummt zufrieden. Aus sechzehn Personen und vier ReservespielerInnen besteht das Kader eines Teams in der Landesliga Oldenburg, erklärt er. Das ist die höchste Spielklasse bei Männern wie Frauen, und bei beiden geht es darum, die festgelegte Strecke mit möglichst wenigen Würfen zu meistern. Fällt die Kugel in den Schlot - und das ist praktisch der Normalfall -, wird von der gleichen Stelle aus weitergespielt. Punkte, Schoets, gibt es immer dann, wenn es dem einen Team nicht gelingt, den Wurf der anderen mit zwei Würfen einzuholen. Das kommt regelmässig vor, denn der Strassenbelag ist tückisch und Kloots, die ihrem Werfer, ihrer Werferin nicht so recht gehorchen, sind zahlreich. Das zeichnet sich manchmal schon früh ab, so wie heute: Schon beim Einwerfen rutscht den Herren aus Schweinebrück die Kugel reihenweise weg. Neben der schwarzen Kunststoffkugel gibt es auch noch eine rote Gummikugel, die manchmal über die Strasse hüpft, statt zu rollen. Die rote Kugel ist nichts für den Altmeister, der nach wie vor in der Kreisliga bosselt, aber derzeit nicht spielen kann. Ein Zeckenbiss macht es Bödecker senior schwer, sich zu bücken. Die Gelenke schmerzen, und so schaut er zu, wie die anderen die Kugel auf die Strasse setzen. «So um die dreihundert Meter, die habe ich auch schon mal geschafft», erzählt Bödecker, der das Bosseln vom eigenen Vater gelernt hat. Landet die Kugel in einer Spurrille, sind auch schon mal mehr als die dreihundert Meter drin - «mit Rille» heisst es dann, oder «Heel lecker» auf Platt, der offiziellen Bosselsprache.

Tradition ist es, den Nachwuchs mit vier, fünf oder sechs Jahren an die Kugel heranzuführen. Das funktioniert in Ostfriesland noch besser als in Oldenburg, der anderen Hochburg des Sports. Rund 40000 SpielerInnen gehen dem Volkssport Nummer eins in den beiden Regionen nach, und zum Saisonhöhepunkt messen sich die jeweiligen Meister der beiden Landesligen. Bei den Frauen ist Schweinebrück top. «Nur die Ostfriesinnen aus Ihlowerfehn konnten wir bisher nicht knacken», sagt Ute Draschba, die mit ihrer herausragenden Technik eine Bank ist im Schweinebrücker Frauenteam. Das kleine Dorf besteht aus wenig mehr als einer Handvoll Häuser an einer Teerstrasse. Seit 1910 existiert der Verein, der bei Frauen wie Männern etliche Meistertitel vorzuweisen hat. Als Altmeister Bödecker den Sport mit der Kugel aufnahm, wurde noch um fünf Mark Einsatz gebosselt. «Dorf gegen Dorf ging es damals», sagt er. Daran hat sich wenig geändert, denn Bosseln ist nach wie vor das Spiel der Dörfer, die kaum jemand kennt. Reepsholt, Pfalzdorf, Halsbek oder Spohle heissen die Metropolen des Bosselsports. Doch der entfernt an Kegeln oder Boule erinnernde Friesensport ist international. In Irland, den Niederlanden und Italien wird ebenfalls gebosselt, auch wenn die ItalienerInnen wenig mehr zu bieten haben als Luxemburg im Fussball.

Klootschiessen ist schwieriger

Seinen Ursprung hat der Sport jedoch im Klootschiessen, erklärt Wilhelm Bödecker. «Aber dort ging es um das Werfen der Kugeln und nicht ums Rollen.» Geworfen wurde mit Kluten, also mit gebrannten Lehmkugeln, später mit Holzkugeln. Ursprünglich um die Feinde mit gezielten Würfen in die Flucht zu treiben, später aus Spass am Sport. «Doch Klootschiessen ist nicht mehr sehr populär, und es gibt nur wenige, die das noch können», sagt Bödecker. Er warf früher um die achtzig Meter - zu wenig, um bei den Besten mitzukommen. Die werfen um die hundert Meter. Der Rekord des Ostfriesen Stefan Albarus steht bei 106,2 Meter. Gleich dahinter auf der Bestenliste steht mit dem «Bär von Ellens» ein Schweinebrücker. Hans-Georg Bohlken heisst er im Alltag und spielte bis vor wenigen Jahren für Schweinebrück. Er gehört auch im Bosseln zu den Stars. In der zum Saisonende im März und April stattfindenden Champions League gehört Bohlken zum Inventar.

Auch die 44-jährige Ute Draschba, die ihren Sport nicht nur betreibt, sondern auch im Internet darüber berichtet, spielt regelmässig im Einzelwettbewerb der Champions League. «Zehn Würfe haben die Cracks in der Champions League. Wer am meisten Meter macht, hat gewonnen», so Draschba. Beim letzten Auftritt hatte sie aber einen «schlechten Finger aufm Holz» und landete unter «ferner liefen». «Kraft und Technik gehören zum Bosseln. Obendrein muss man die Strasse und ihre Tücken lesen können», erklärt Schweinebrücks Spielleiter Heinrich Röpke die Geheimnisse des Sports. «Von der tiefsten zur höchsten Stelle der Strasse muss die Kugel laufen und nicht mittig. Das versuchen nur Anfänger.» Er spielt selber in der zweiten Mannschaft. Die besteht aus den alten Hasen ab 45 Jahren und hat dieses Wochenende mehr Glück als die erste Mannschaft. Mit einem 9:0-Sieg kommen Röpke und Co. nach Hause, während die erste Mannschaft auf heimischer Strecke mit 0:10 gegen Halsbek unter die Räder kommt. Wilhelm Bödecker, der sich die Schlappe angeschaut hat, nippt im Vereinsheim enttäuscht am Kaffee. Doch dann kommen die Frauen von ihrem Auswärtsspiel zurück, und die Miene Bödeckers klart auf. Mit einem Kantersieg haben sie die Ehre Schweinebrücks gerettet.

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