FUSSBALLFANS : Die Pyromanen als neues Feindbild

Nr.  19 –

Neue Sicherheitsreglemente, Stadionverbote wegen Feuerwerk, Ärger über Anspielzeiten - Themen, die bei Schweizer Fans, Fanbetreuern und Vereinen für hitzige Diskussionen sorgen.

Der Tonfall war fast schon der einer Kriegsberichterstattung: «Das Stadion brennt», hiess es in einem Bericht des «Sportpanoramas» von SF DRS am 17. April über Pyro (vgl. Glossar) in der Schweiz. Stark verbesserte Kontrollen und härtere Strafen für «Chaoten» seien ein Muss, sonst würde die Lage eskalieren: «Die Pyromanen müssen aus den Stadien verbannt werden.» Aktueller Auslöser für den Bericht war der Abbruch des Champions-League-Spiels zwischen Milan und Inter Mailand am 12. April, weil Inter-Fans Dutzende Fackeln, so genannte bengalische Feuer, auf den Platz und den Milan-Goalie Dida schmissen.

Standen vorher meist die Hooligans im Zentrum der Diskussion um die Sicherheit in Stadien, so rücken nun die Ultras und «zündenden» Fans in den Mittelpunkt. Es sei nur eine Frage der Zeit, bis in einem Schweizer Stadion Ähnliches wie in Mailand geschehe, war zu hören. «Wenn die Fans hier so was wirklich wollten, wäre es schon längst passiert», meint dazu der FC-Basel-Fan Nino *. Tatsächlich sind «Pyro-Shows» bei Fussballspielen seit Jahren zu sehen. Doch während früher in der Berichterstattung bei rot leuchtenden Fankurven gerne von «südländischer Atmosphäre» gesprochen wurde und sich mancher Verein auf seiner Webseite mit solchen Bildern schmückte, ist nun von «unsäglichen Zeuslern» (Beni Thurnheer) und «angeblichen Fans» die Rede. Wobei in Medien wie Öffentlichkeit munter Begriffe wie «Hooligans», «Ultras», «Pyromanen» und «Gewaltbereite» vermischt werden.

Zwei Jahre Stadionverbot

Mit Beginn der Rückrunde hat die Swiss Football League (SFL) neue Sicherheitsreglemente für ihre Stadien eingeführt. Darin ist einerseits festgelegt, was als verbotene Gegenstände gilt, die nicht in ein Stadion mitgenommen werden dürfen: neben Waffen auch Pet-Flaschen und Tetrapak-Behälter sowie Feuerwerk aller Art (Vulkane, Wunderkerzen, Rauchpetarden, bengalische Feuer). Andererseits wurde die Kausalhaftung wieder eingeführt (siehe WOZ Nr. 46/04). Neu sind Vereine auch auswärts dafür verantwortlich, dass ihre Fans die Reglemente einhalten. Tun sie dies nicht, drohen den Vereinen Bussen oder Stadionsperre. Der Verein seinerseits kann fehlbare Fans verzeigen und mit Stadionverboten bestrafen.

«Vor allem auswärts entstand ein regelrechter Wettbewerb unter den Fans, wer wen mit Pyro übertrumpft», sagt Peter Landolt, Sicherheitsverantwortlicher bei GC, «nun müssen sich die Leute an die veränderte Situation gewöhnen, weil auch auswärts der eigene Verein haftbar gemacht wird.» Bei GC wurden im vergangenen Dezember nach dem Spiel GC-FC Basel auf einen Schlag zwanzig Stadionverbote wegen Pyro ausgesprochen, die aber wenig später rückgängig gemacht wurden. «Wir haben das Gespräch mit den Betroffenen gesucht, aber auch klar den Tarif durchgegeben: Wer künftig zündet, wird verzeigt, muss mit einer Busse von tausend Franken rechnen und bekommt zwei Jahre gesamtschweizerisches Stadionverbot.» Drei- bis vierhundert solcher Stadionverbote existieren im Moment landesweit, ein Grossteil davon wegen Pyro.

«Die Repression hat massiv zugenommen», sagt Polo Magnaguagno, ehemaliger Mitarbeiter des GC-Fanprojekts. So sah sich etwa die Fankurve des FC St. Gallen am Heimspiel gegen Thun vom 4. Mai plötzlich mit einem der berüchtigten Container beim eigenen Eingang konfrontiert, in dem Leute zum Teil bis auf die Unterhosen durchsucht wurden. Ein solcher existiert für Gästefans im Espenmoos schon seit geraumer Zeit und hat dem Verein eine Nominierung für den Big Brother Award eingetragen. «Wir wurden darüber nicht informiert», empört sich der aktive St.-Gallen-Fan Jürg. «Wir wollten ein Zeichen setzen, dass wir auch bei eigenen Fans keine Pyro dulden. Wenn das nun eine Diskussion auslöst, ist das gut», sagt Ivo Sulzberger, Sicherheitsverantwortlicher des FC St. Gallen. «Aber wir wissen, dass wir unsere Fans mit solchen Aktionen nicht erfreuen und wollen, wenn immer möglich, darauf verzichten.»

Beim FC Basel müssen Auswärtsfans seit diesem Frühjahr grosse Fahnen, Transparente und Doppelhalter mit einem Formular bewilligen lassen, das neben einem Bild und den Massen der Fanutensilien auch detaillierte Angaben zum Besitzer enthalten muss. Wurden früher Transparente direkt beim Eingang auf verbotene politische oder rassistische Inhalte überprüft, so erfolgt diese Massnahme nun vor allem, «weil primär Doppelhalter als Schutz missbraucht wurden, um dahinter Pyro zu zünden», so Gerold Dünki, Sicherheitsverantwortlicher beim FCB.

«Wir wollen zünden»

Punkto Pyro gehen aber auch die Meinungen bei den Fans selber auseinander. Die Vorfälle in Mailand verurteilen die meisten, und auch, dass mit Feuerwerk Gefahren verbunden sind, ist ihnen klar. «Schmeisst einer etwas aufs Spielfeld, waschen ihm die eigenen Fans die Kappe», betont Jürg. Doch für viele gehört Pyro genauso zu ihrer Fankultur wie Choreografien oder Gesänge. «Wir beharren auf dem Zünden», sagt GC-Fan Marcel. Und Nino meint: «Ob Nationalfeiertag, Geburtstagsfest oder Champions-League-Finale - überall wird doch gezeuselt.»

Null Toleranz

Die Situation scheint verfahren, denn: «Pyro ist wohl nicht mehr von den Plätzen zu bringen», ist sich Ivo Sulzberger vom FC St. Gallen bewusst. In einer Stellungnahme zur aktuellen Diskussion fordert das Fanprojekt des FC Basel deshalb: «Es gilt zu überprüfen, ob die kritischen Begleiterscheinungen rund um Pyro-Aktionen nicht eher mit einer kontrollierten Legalität statt mit der Nulltoleranzstrategie angegangen werden sollten.» Der FC Basel selber schlug seinen Fans vor zwei Jahren den Gebrauch von so genannten Indoor-Fackeln (kein Rauch, weniger Hitzeentwicklung) vor, doch diese «lehnten leider ab», so Dünki: «Nun müssten andere Vereine einen Vorstoss machen.» Diesbezügliche Überlegungen macht sich Sulzberger: «In einem gewissen Rahmen erlaubtes Feuerwerk würde sicher helfen, die Situation zu beruhigen. Wir wären dem nicht abgeneigt.» Thomas Helbling, Präsident der Sicherheits- und Fankommission der SFL, zeigt Verständnis für Forderungen nach «kontrollierter Pyro», aber: «Vorerst bleiben die Reglemente so. Vor allem die alten Stadien in der Schweiz sind denkbar ungeeignet für das, was die Fans möchten. Schliesslich trägt der Stadionbetreiber die Verantwortung für die Sicherheit aller Besucher und kann diese nicht delegieren.»

Handlungsbedarf sieht auch Polo Magnaguagno: «Mit der Gleichsetzung von Pyro und Gewalt kriminalisiert man die Falschen - stellt man sie aus den Stadien, drängt man sie genau in eine gewalttätige Ecke.» Für ihn wären statt Stadionverbote «konstruktivere Strafen wie befristete Verbannung aus den Fankurven auf die Sitzplätze oder Strafputzen» gefragt, aber «über so etwas gibt es null Diskussionen». Marcus Meier vom Fanprojekt des FC Basel fordert eine verstärkte Differenzierung: «Stadionverbote werden oft willkürlich verhängt, das Werfen eines Bierbechers kann zur gleichen Strafe führen, wie wenn sich einer prügelt. Der Verband muss dringend über die Bücher, es muss eine Unterteilung zwischen einzelnen Delikten stattfinden und die Strafnorm daran angepasst werden.»

Eine Diskussion zwischen Verband, SFL, Vereinen und Fans ist also gefragt. Seit der Rückrunde schreibt die SFL vor, dass jeder Verein einen Fanverantwortlichen stellen muss, der den Klub in Fanbelangen gegenüber SFL, Fans und staatlichen Behörden vertritt. Da diese erst seit kurzer Zeit im Amt sind, kann ihre Arbeit noch nicht beurteilt werden. Eine vermittelnde Rolle könnten aber vor allem unabhängige Fanprojekte einnehmen, doch einzig der FC Basel verfügt momentan über eines - und entscheidet demnächst über die definitive Weiterführung. «Bis jetzt haben wir vor allem eine Vertrauensbasis geschaffen, nun können wir mit der konkreten Arbeit beginnen», sagt Meier. Der Verein GC hingegen hat die Zusammenarbeit mit dem unabhängigen GC-Fanprojekt aus finanziellen Gründen Ende März nach gut drei Jahren gekündigt: «Weder Stadt noch Bund haben sich finanziell beteiligt, und alleine können wir so etwas nicht tragen», sagt Peter Landolt von GC. Man suche nun das Gespräch mit dem FC Zürich und den Behörden, um allenfalls einen gemeinsamen Neuanfang zu starten, denn «eigentlich ist das eine gute Sache».

Marcel findet Fanprojekte «eine positive Einrichtung, die zur Verbesserung des Dialogs zwischen Fans und Verein führen». Auch für Nino sind solche Projekte «okay», allerdings seien sie bis jetzt «vor allem eine Alibiübung und hätten kaum Kompetenzen». Viele aktive Fans fordern deshalb mehr: Vertreter von ihnen müssten in Gremien der SFL wie die Sicherheitskommission eingebunden werden und dort eine Stimme erhalten. «Bis jetzt nimmt niemand diese Fans und ihre Forderungen ernst», sagt Magnaguagno, «sie spüren, dass ihr Freiraum durch die Kommerzialisierung des Fussballs enger wird, und verteidigen ihre Fankultur.»

Zwölf Anspielzeiten

Dabei sind neben der Diskussion um Pyro und der Forderung nach dem Erhalt von Stehplätzen momentan auch die Anspielzeiten der Fussballspiele ein heisses Thema: Dienstag, 19.30; Mittwoch, 18.45; Mittwoch, 19.30; Donnerstag, 19.30; Freitag, 19.30; Samstag, 17.00; Samstag, 17.30; Samstag, 19.30; Sonntag, 14.15; Sonntag, 14.30; Sonntag, 16.00; Sonntag, 16.15 Uhr - das alles waren in dieser Saison Anspielzeiten im Schweizer Fussball. Wobei vor allem der Anpfiff mittwochs um 18.45 Uhr - um eine Kollision mit der Champions League zu vermeiden - für Empörung sorgte: «Wenn ich dann St. Gallen nach La Chaux-de-Fonds begleiten will, muss ich den Tag freinehmen und bin erst am frühen Morgen wieder zuhause. Das kann ich mir nicht oft leisten», sagt Jürg. Bereits wurde - bis hinab in die Challenge League - in diversen Fankurven mit Transparentaktionen gegen diese Unübersichtlichkeit protestiert, für die vor allem die TV-Sender SF DRS und Sat 1 verantwortlich gemacht werden, die jeweils kurzfristig entscheiden, welches Spiel sie übertragen wollen. Ein Vertreter der Winterthurer Bierkurve, einer verglichen mit Basel oder dem FCZ kleinen Kurve in der Challenge League, fordert sogar eine «nationale Aktion» aller Fans, sollte keine Besserung eintreten.

Ein Kommentator von SF DRS interpretierte ein Protesttransparent der GC-Fans beim Derby gegen den FC Zürich mit der Aufschrift «14.15 isch kei Derbyziit» kurzerhand als «Auch die Fans freuen sich: 14.15 isch Derbyziit!» Solche Aussagen verstärken die Wahrnehmung vieler Fans, dass in einem Teil der Medien, im Verband und in der Politik vor allem über Sicherheit und repressive Massnahmen - neben Stadionverboten auch Hooligan-Datenbank, Rayonverbot und Präventivhaft - im Hinblick auf die EM 2008 geredet wird, aber kaum über ihre Anliegen. «Man wäre gerade für die EM gut beraten, möglichst bald mit Fanarbeitern aus England oder Deutschland Kontakt aufzunehmen, die über langjährige Erfahrung verfügen, und entsprechende fanorientierte Angebote aufzugleisen», sagt Marcus Meier. Und was meinen die Fussballanhänger aus den Kurven zur EM? «Warum soll ich mich darauf freuen? Bis jetzt bringt sie uns wenig Gutes», antwortet Marcel lapidar.

* Alle Namen der Fans geändert.