Nr. 04/2007 vom 25.01.2007

Freiheit für die Volksmusik

Das Überland-Duo zieht mit Gästen und Tänzli aus der Hanny-Christen-Enzyklopädie durch das Land.

Von Eric Facon

Vor dem Fenster zieht die Limmat vorbei, drinnen sitzt Max Lässer, die Gitarre in Händen und lässt die Töne fliessen. Es sind zerdehnte Slideklänge, die ein wenig an den Film «Paris, Texas» und Ry Cooder erinnern, aber eindeutig helvetische Folkloremelodiebögen formen. «Fast Älpler-Blues», nennt Lässer diese Sounds, eine treffende Beschreibung: Den einheimischen Blues sucht er seit langem.

In seiner rund dreissigjährigen Karriere hat Lässer eine selten weite Rundreise durch die Stile gemacht. Vom Singer-Songwriter amerikanischen Zuschnitts über Jazzrock und flächig-flauschige Soundscapes hin zur Zusammenarbeit mit südafrikanischen MusikerInnen. Immer wieder hat er grosse Namen wie Patent Ochsner, Stephan Eicher, Hubert von Goisern begleitet und war der kongeniale Partner von Blues Max. Am nächsten bei sich selbst scheint er aber zu sein, wenn er nach seinen musikalischen Wurzeln sucht. Angefangen hat dies in den späten siebziger Jahren. Ruppige Klänge, Punk und New Wave waren in. Da griff der Gitarrenvirtuose, der gerade in den USA weilte, auf sein musikalisches Erbe zurück. Tänzli aus dem Emmental, dem Engadin oder dem Appenzell waren zwar nicht angesagt, doch das kümmert ihn nicht: «Es war mir ein echtes Bedürfnis, diese Musik zu spielen. Ich war zu Besuch in den Staaten, und da fragte ich mich, was ich meinen Freunden dort vorspielen sollte. Etwa Bob Dylan? Also erarbeitete ich mir dieses Album mit alten Tänzen.»

Es wurde ein Überraschungserfolg. Später zog es Lässer in ähnliche Gefilde wie seinen musikalischen Weggefährten Andreas Vollenweider. Bis er wieder heimatlicher Musik nachspüren sollte, dauerte es fast zwei Jahrzehnte.

Das Überland-Orchester entstand aus dem Bedürfnis, die alpinen Klang-landschaften der CD «Überland» (2001) auf die Bühne zu bringen. Dafür versammelte Lässer einheimische Stars von musikalischen GrenzgängerInnen: die Technojodlerin Christine Lauterburg, den Trümpyspieler Anton Bruhin, den Bluesrocker Hank Shizzoe, den Hornbläser Balz Streiff von Stimmhorn und viele andere. Fünf Jahre später folgt nun - nach einem weiteren Ausflug nach Südafrika - die CD «Überland Duo+».

Aus dem Ensemble ist ein Duo geworden. «Ich habe im Schwyzerörgelispieler Markus Flückiger den perfekten Partner für diese Musik gefunden. Er spielt grandios und kennt diese Musik viel besser als ich. Das gibt uns grosse Freiheiten.» Gemeinsam interpretieren sie Songs aus der Hanny-Christen-Enzyklopädie der Schweizer Volksmusik, und sie tun es virtuos, mitunter mitreissend und vor allem: ohne Respekt. Das heisst nicht, dass Lässer und Flückiger ruppig an diese Musik herangehen. Sie spielen die Stücke ohne Rücksicht auf etwaige Vorgaben der Fraktion der Heimatbewahrer-Innen. «Wer weiss denn schon, wie diese Musik gedacht war, als sie geschrieben wurde? Man nahm schon damals die Instrumente, die zur Verfügung standen. Wenn einer eine Trompete oder ein Klavier hatte, spielte er mit. Da gibt es keine Standards.» Sie nehmen sich die Freiheit, die Walzer, Polkas und Schottisch nicht notengetreu nachzuspielen, sondern Melodieteile einzufügen, die Originale kompositorisch zu ergänzen. Es reihen sich lüpfige Stücke wie «Schottisch Fribourg» an unheimlich eindringliche Stimmungsstücke wie «Allons voir chez les filles». Das ist vergnüglich, garantiert ohne Mief und weder musikethnologisch noch heimatschützlerisch.

«Es gibt diese Volksmusikverbände, die diese Musik festnageln möchten, in einer Zeit festhalten. Sie wollen, dass man diese Tänzli so spielt wie vor achtzig Jahren. Das interessiert uns schon lange nicht mehr, denn mit dieser Haltung ist keine Entwicklung möglich», meint Lässer. Mit diesem Ansatz können er und Flückiger, mit oder ohne Band, jeden SVP-Buurezmorge aufmischen, oder noch besser: an linken Stammtischen auftreten, ohne dass die Anwesenden erröten.

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Überweisung

PC-Konto 87-39737-0
BIC POFICHBEXXX
IBAN CH04 0900 0000 8703 9737 0
Verwendungszweck Spende woz.ch