Zeitgenössische Volksmusik : Lust auf die neue Mazurka

Nr.  33 –

Ländlermusig – darf man das? Die «Stubete am See» sagt ja. Das Festival der Neuen Volksmusik in Zürich erinnert auch daran, dass die Ländlermusik im Zürich der zwanziger Jahre aktuelle Popmusik war.

«Wenn er über die Knöpfe fährt, wird manch altgedientem Amateur schwarz vor den Augen»: Köbi Gantenbein über den Schwyzerörgeler Marcel Oetiker. Foto: Tabea Hüberli

Als unsereins musikalisch erwachte, gehörte Ländlermusik in den Giftschrank. Seit den fünfziger Jahren wird das Örgelen und Juchzen vom hartherzigen Schweizertum in Dienst genommen. Wysel Gyr und Konsorten monopolisierten das Programm von Radio Beromünster und Schweizer Fernsehen mit einer erstarrenden Musik und liessen hemmungslos Propaganda aus Bassgeigen und Klarinetten tropfen. Über Jahrzehnte hat die gut organisierte Vaterlandsvereinigung in Musik-, Tanz-, Jodelverbänden und den Musikredaktionen der SRG stockkonservative Schweiztümelei veranstaltet. Das hat mehrere Generationen Musikanten und Hörerinnen von Ländlermusik ausgeschlossen. Bis heute – welch ein Schlag des Schicksals, dass Toni Brunner mit seinem Ländlerradio fallierte.

Dieses Trauma dürfte begründen, warum Musikanten und Liebhaberinnen zeitgenössischer Volksmusik einen akademischen Habitus mögen. Sie sammeln und forschen. Einen Nagel schlug vor zwanzig Jahren Cyrill Schläpfer ein. Er versammelte Musik aus der Innerschweiz und dem Appenzell zu «Ur-Musig», die er in einen Film über Bauernkultur ohne Kreiselmäher, überdüngte Wiese und Turbokuh übersetzte: ein Anti-Wysel-Gyr voller Klangneugier, der auf der Leinwand auch Blut-und-Boden-Männer wie Dominik «Sity Domini» Marty den Bart schütteln liess.

Historische Neugier

In den Neunzigern reifte die Neugier immer mehr auch am Urtext, an den Noten, nicht nur an ihren InterpretInnen. Die Fränzlis da Tschlin legten grossen Wert darauf, dass sie so spielen wie der Geigenspieler Fränzli Waser im 19. Jahrhundert, obschon der, da blind, keine Noten lesen konnte. Der Cellist Fabian Müller kultivierte mit dem Fund mehrerer Tausend notierter Stückli der Basler Heimatkundlerin Hanny Christen originale Aufführungspraxis. Eindrücklich ist auch die Sammlung «Bauernmusik Unterägeri 1887», wofür jüngst der Klarinettist Florian Walser für seine Kapelle D’Sagemattler 25 Mazurkas, Schottisch und Polkas von Alois und Anton Iten aus der Zentralbibliothek Zürich holte.

So trägt die Liebe zur Geschichte eine Reihe von Kapellen, Konzerten und CDs bei und hat gar eine Oper gestiftet. Der Urner Ethnologe F.  X. Nager schrieb die Geschichte von «Wysel», einem Ländlermusiker im proletarischen Zürich der zwanziger Jahre, Christoph Baumann liefert die Musik und das Rurban-Orchester, in dem etliche mit Rang und Namen ausgezeichnete VertreterInnen der Neuen Volksmusik sitzen, die Aufführung. «Wysel» verbindet Mazurka mit John Coltrane und Polka mit Jimi Hendrix und steht für die Art, wie die Neuen Volksmusikanten ihr historisches Interesse mit Neugier am Weltklang verbinden. Seit Heinz Holliger 1977 für die Oberwalliser Spillit solche Klangwelten miteinander verbunden hat, sind das musikalische Experiment und die Collage der Geschichten der wichtigste Unterschied der Neuen Volksmusik zur herkömmlich landläufigen, die atemlos für den Puurazmorgä stägeli uf und stägeli ab reifelt.

Ländlermusik wurde in den zwanziger und dreissiger Jahren für kurze Zeit ein Geschäft für Berufsmusiker. Sepp Stocker aus der Innerschweiz hatte in Zürich fünf Kapellen auf Tour, Kasi Geisser war landesweit der erste Popstar – ein hochbegabter Musikant aus der Innerschweiz, unterwegs mit Klarinette und Sopransax in den Lokalen von Langstrasse und Niederdorf und im Radio Beromünster. Er lebte eher wie Hendrix als wie Tell und starb früh, einsam und arm.

Seinesgleichen Musik ging im Zweiten Weltkrieg in der geistigen Landesverteidigung auf, und ihre Popularität wurde in der Nachkriegszeit von globalen Musiken abgelöst. Profis gab es fast keine mehr. Peter Zinsli, Ländlerkönig der Siebziger, war untertags Bankangestellter, Polizisten spielten Bass, Zahnärzte Klarinette, Hausfrauen jodelten. Selbst ein paar musizierende Bauern gab es.

Ein Geweih als Mikrofonständer

Viele Neue VolksmusikantInnen sind keine AutodidaktInnen mehr, sondern professionell ausgebildet: Musiker in der Zürcher Tonhalle, Musiklehrerinnen im Thurgau, seit neustem mit einem Volksmusik-Master der Musikhochschule Luzern. Sie spielen schwindelerregend virtuos, und ich kann den HüterInnen der bodenständigen Ländlermusik nachfühlen, dass sie mit diesen Berserkern an Tasten und Ventilen Kummer haben. Wenn ein Schwyzerörgeler wie Marcel Oetiker über die Knöpfe fährt, wird manch altgedientem Amateur an der Steiner Chilbi schwarz vor Augen. Und wenn Marco Stühlinger oder Dani Häusler Klarinette spielen, sehen etliche verdiente Musikanten alt aus.

Oetiker und seinesgleichen sind nicht nur ungemein fingerfertig und rhythmisch versiert, sondern auch weltoffen und klanggierig. Die gemütliche Liebhaberei der Ländlermusik hat ja auch dazu geführt, dass sich in fünfzig Jahren nicht viel bewegte: Da ein paar lustige Männer – das Trio Eugster –, dort das Wunderkind Carlo Brunner – während Freejazz, Rock ’n’ Roll und Punk so ausländisch blieben wie Mauricio Kagel oder Edgar Varèse. Das war zur Zeit von Kasi Geisser und Stocker Sepp anders, sie übernahmen früh Jazz und machten draus den Foxtrott. Und das ist bei den Neuen VolksmusikantInnen anders: Anleihen links und rechts gehören seit dreissig Jahren zum Herzschlag ihres Musizierens. Abende mit dem Appenzeller Hackbrettler Töbi Tobler sind Weltreisen, Auftritte der Geschwister Küng Augensauser und Gehörverzücker.

Die klassische Ausbildung wirkt sich unmittelbar auf die Neue Volksmusik aus. Was einst in Beizen auf kleiner Bühne vor lärmendem Publikum dudelte und örgelte, wird vorzugsweise konzertant aufgeführt. Das Publikum soll hören und nicht schwitzen. Ich sitze also artig auf dem Stuhl und wippe leise mit dem Fuss. Und vorne auf der Bühne intoniert eine Kammermusik eine Mazurka. «Schweizer Oktett» nennt Florian Walser seine Kapelle ironisch, in Schuberts Besetzung spielt sie das «Soso Zäuerli» und die «Kreuzpolka» formvollendet. Wie erhebend, nur – ich mag auch das Kontrastprogramm, das Prätti-Ziller-Fest, das jedes Jahr in Seewis im Prättigau über die Bühne geht. Ein wilder, schwitzender und lauter Anlass mit Ländlerkapellen samt jodelndem Frontmann in Lederhosen und einem Hirschgeweih als Mikrofonständer. Die in Mieder aus Edelweiss-Hemdstoff geschürzten Frauen kommen von weit her und johlen ihm zu – sogar Unterhosen sollen geflogen sein.

Köbi Gantenbein (56), Chefredaktor der Architekturzeitschrift «Hochparterre», 
spielt als fröhlicher Dilettant mit der Kapelle Bandella delle Millelire, nächstens an der 
«Stubete am See» in Zürich oder am Festival Fläscher Töne vom 1. September in Fläsch.