Nr. 26/2007 vom 28.06.2007

Die Übersetzerin

Von Brigitte Matern

Sie hat gestohlen, Wechsel gefälscht, mit Morphium experimentiert, sich mit ihren Affären zum Stadtgespräch gemacht. Als sie dann auch noch den falschen Mann zum Heiraten aussuchte, wies ihr Vater, ein tschechischer Medizinprofessor, die Neunzehnjährige in eine Nervenheilanstalt ein. Befund: «Krankhaftes Fehlen moralischer Begriffe und Gefühle.» Genützt hat es nichts. Die 1896 in Prag geborene höhere Tochter opponierte auch gegen die Anstaltsregeln – bis der Vater sie kurzerhand ohne finanzielle Unterstützung aus dem Haus warf. Sie ging nach Wien, an ihrer Seite ein Mann, der sie bald unglücklich machte. Der Erste Weltkrieg war gerade erst vorüber, und sie musste sich als Tschechischlehrerin und Kofferträgerin über Wasser halten. Doch inmitten des allgemeinen Elends entdeckte sie plötzlich ihr Schreibtalent. Sie kehrte nach Prag zurück und wurde Journalistin. Da sie im Kommunismus die einzig taugliche Waffe gegen den heraufziehenden Faschismus sah, trat sie 1931 der Kommunistischen Partei bei. Ihr Engagement für die Parteizeitung endete jedoch nach den Moskauer Schauprozessen. Eine neue Chance bekam die arbeitslose Mutter einer inzwischen neunjährigen Tochter bei einer liberalen Wochenzeitung, in der sie sich mit ihren politischen Reportagen einen grossen Namen machte. Zum Verhängnis wurde ihr schliesslich die Arbeit im Untergrund: Als Fluchthelferin und Redaktorin einer verbotenen Zeitung geriet sie nach dem Einmarsch der Nazis in die Fänge der Gestapo. Sie wurde ins KZ Ravensbrück überstellt, wo sie 1944 umkam.

Wer war die charismatische Journalistin und Rosa-Luxemburg-Übersetzerin, die einem heute hochberühmten Versicherungsangestellten einen Korb gab, weil das Leben mit ihm «strengste Askese» bedeutet hätte?

Wir fragten nach der Tschechin Milena Jesenska. Der Versicherungsangestellte war Franz Kafka, dessen Werke sie ins Tschechische übersetzte. Relikte dieser Beziehung sind seine «Briefe an Milena». Als abtrünnige Kommunistin wurde die vormals renommierte Journalistin in der Tschechoslowakei der Nachkriegszeit totgeschwiegen. Über ihre KZ-Zeit verfasste die Mitinsassin und Schriftstellerin Margarete Buber-Neumann das Buch «Kafkas Freundin Milena». 1995 verlieh die israelische Gedenkstätte Yad Vashem der Nichtjüdin Milena Jesenska den Ehrentitel «Gerechte unter den Völkern».

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