Nr. 35/2007 vom 30.08.2007

Katzengold, Heldentod, Menschenschau

Seit Jahrhunderten drängen Europäer und Amerikaner Richtung Nordpol. Hunderte von Männern blieben im Eis zurück, sie erfroren, ertranken, verfaulten durch Skorbut oder wurden verrückt. Es kam zu Mord und Kannibalismus. Gigantische Summen wurden in die Expeditionen investiert. Was gab es im eisigen Norden zu holen?

Von Rachel Vogt

Zinn, Bernstein, Blei

Eine der ersten Reisen in den kalten Norden führte ins Innere einer Riesenqualle. Als der griechische Astronom Pytheas in den Jahren zwischen 330 und 325 v. Chr. auf der Suche nach Zinn, Bernstein und Blei von Marseille aus nordwärts segelte, geriet er in dichten Nebel. Er brach die Fahrt ab, als er Erde und Meer nicht mehr unterscheiden konnte, denn er fürchtete, dass er in ein Meeresungetüm gelangt sein könnte, das er als «Seelunge» bezeichnete. Den nördlichsten Ort, den er erreichte (es handelte sich dabei um die Shetlandinseln, Island oder die Küste Norwegens), nannte er Thule.

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Paradies und Unterwelt

Dann passiert fast 2000 Jahre nichts. Bis in die Moderne bleiben Arktis und Antarktis unberührte Flächen, von denen lange Zeit nichts bekannt ist, nicht einmal, ob sie wirklich existieren. Die Griechen etwa schildern ein prächtiges Reich am nördlichen Ende der Welt namens Hyperborea. An diesen Ort der Sonne und der Seligkeit zieht sich der Lichtgott Apoll im Winter zurück. Bei den Römern wird Hyperborea zum Land jenseits der bereits bekannten Eisregionen. Plinius der Ältere schwärmt im 1. Jahrhundert n. Chr., dass die Weiden dort so nahrhaft sind, dass das Vieh, wenn es längere Zeit grast, platzt, die Weizenhalme ganze Brotlaibe tragen und die Menschen in vollkommenem Frieden leben. Den Tod finden sie nur, wenn sie sich, des Lebens müde geworden, von einem Felsen ins Meer stürzen - nachdem sie sich noch einmal «durch Schmauserei und Wohlleben recht gütlich gethan haben. Diess ist die glückseligste Art des Begräbnisses.»

In der Sicht der eisigen Enden der Welt überwiegen ansonsten Bilder des Schreckens. Homer beschreibt in seinem Epos «Odyssee» fürchterliche Reiterhorden aus dem Norden, die neben dem Eingang zur Unterwelt hausen, «schreckliche Nacht umhüllt die elenden Menschen». Immerhin: Beim römischen Geschichtsschreiber Tacitus im 1. Jahrhundert n. Chr. sind die germanischen Nordländer zwar äusserst grausam, aber auch stark und mutig - insgesamt also Vorbilder für die verkommenen Römer. Ihre Schwächen bestünden einzig in ihrer Trägheit zu Friedenszeiten, im Hang zu Würfelspiel und übermässigem Bierkonsum.

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Schutz vor Plünderern

Das kalte Paradies blieb lange Zeit unbesucht. Etwa 12 000 Jahre lang waren die Inuit die einzigen Menschen, die im Gebiet des Nordpolarmeers lebten. Die ersten Fremden, die tief in den Norden vordrangen, waren irische Mönche, die sich im 7. und 8. Jahrhundert vor den plündernden Wikingern in Sicherheit bringen wollten.

Das Horn des Narwals

Im 14. Jahrhundert wurden die arktischen Gegenden vermehrt aufgesucht. Es gab das wohl teuerste arktische Exportgut aller Zeiten zu holen, das Horn des Narwals. Könige und Fürsten verzehrten sich danach, bis zu zwanzig Mal wurde es mit Gold aufgewogen. Denn man hielt es für das Horn des Einhorns, es sollte Gift unwirksam machen - und das Vergiften von Konkurrenten und Familienmitgliedern gehörte damals zu den üblichen Mitteln der Politik am Hof. Ausserdem schütze das Einhorn vor Pfeilen, Pest und Epilepsie.

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Handelsrouten

Seit dem 15. Jahrhundert unternehmen Europäer in der ganzen Welt systematisch Entdeckungsfahrten. Während die grossen Kontinente im folgenden Jahrhundert im Grossen und Ganzen bekannt sind, bleiben die Polargebiete rätselhaft (die Antarktis wird 1820 erstmals gesichtet). Die Forschung im hohen Norden betreiben vor allem Engländer, Holländer und Russen. Da die Spanier und Portugiesen die Seewege nach Indien, China und Amerika beherrschen, sind sie auf neue Handelsrouten zwischen Atlantik und Pazifik angewiesen - die Nordwest- oder die Nordostpassage. Die Pole interessieren zu dieser Zeit keinen vernünftigen Menschen.

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Gold

Als der Engländer Martin Frobisher in den Jahren 1576 bis 1578 drei Reisen in die arktischen Gewässer unternimmt, will er die Nordwestpassage ausfindig machen sowie - so die Hoffnung der Königin und der eigens dazu gegründeten Handelsgesellschaft Company of Cathay - Gold finden. Frobisher bringt schliesslich 1296 Tonnen Gestein nach England, das sich als Muskovit, sogenanntes Katzengold, herausstellt - ein wertloses Mineral. Der Irrtum kostet die Company die damals gigantische Summe von 2 0 345 Pfund.

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Wale und Eisbärenfelle

Mehr Profit bringt eine andere Ware. Spätestens seit dem 17. Jahrhundert sind Fahrten in die nördlichen Gewässer alltäglich. Im Sommer tummeln sich vor Spitzbergen Walfänger aus Frankreich, Holland, England, Dänemark. Tran beleuchtet die Strassen von London, Fischbein federt Sofas und stützt Damen in Korsetts. Ein einziger Wal bringt an den englischen Docks das Zehn- bis Fünfzehnfache davon ein, was ein Arbeiter in einem Jahr an Land verdienen kann. Der Höhepunkt ist 1823 erreicht, es werden 2000 Grönlandwale getötet, welche die Engländer die «richtigen Wale» nennen. Mit den Inuit werden Eisbärenfelle, Walrosshäute und Robbenfelle gegen Stahlmesser und Blechtöpfe getauscht. Der Kontakt hat teilweise fatale Folgen für die einheimische Bevölkerung. 1832, nach nur ein paar Jahren des Handels in der Gegend des Lancaster-Sunds im Norden Kanadas, gibt es bereits Dörfer, in denen alle EinwohnerInnen an europäischer Diphtherie oder Pocken gestorben sind.

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Ursprungsmythen

Die europäischen Intellektuellen sind zunehmend fasziniert vom Norden. Für den französischen Aufklärer Charles de Montesquieu sind die Nordländer zwar geistlos, doch ihre Heimat ist für ihn Ursprungsort der Freiheit und Gleichheit, ja der europäischen Völker überhaupt. Selbst im 20. Jahrhundert noch taucht die Idee auf, die Inuit seien Steinzeitmenschen und damit die Vorfahren der modernen Menschen. Bis in die dreissiger Jahre hält sich zudem die These, dass die Pole entweder Wärmeorte gewesen seien, die durch eine Verschiebung der Erdachse wieder zu solchen werden könnten, oder dass die Eislandschaften unterbrochen seien von oasenhaften Aussparungen - eine eisige Barriere vor warmen Meeren und fruchtbaren Inseln.

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Fantasien

Die eisigen, düsteren und nebelverhangenen Landschaften des Nordens werden besonders bei den Romantikern des ausgehenden 18. Jahrhunderts beliebt. Dabei hält man sich nicht mit geografischen Details auf. Schottland verschmilzt in der Wahrnehmung auch mal mit Grönland. So nennt der britische Entdecker John Ross am Anfang des 19. Jahrhunderts die Inuit «Arctic Highlanders».

Wilde Landschaften galten bis dahin als hässlich. Berge wurden als Schutt oder als Warzen auf dem Antlitz der Erde verhöhnt. Noch 1823 schimpfte Goethe, bereits untypisch für seine Zeit, über seine «unnützen Reisen in die Schweiz» und spricht von den Hochalpen als «diese Zickzackkämme, die widerwärtigen Felswände, die ungestalteten Granitpyramiden, welche die schönsten Weltbreiten mit den Schrecknissen des Nordpols bedecken, wie sollte ein Menschenfreund sie preisen!» Der höchste Gipfel der Alpen wird bis ins 18. Jahrhundert hinein Mont Maudit genannt, der verfluchte Berg. Als er 1786 erstmals bestiegen wird, heisst er Weisser Berg: Mont Blanc.

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Löcher

Obwohl die arktischen Gebiete vertrauter werden, bleiben die Pole mysteriös. In der Antike glaubt man, dass sich dort Himmel und Erde berühren, im späten Mittelalter, dass dort die Erdachse auf die himmlische Sphäre trifft. An den Erdpolen werden auch Löcher vermutet. Noch 1818 verkündet John Cleves Symmes, ein Captain der US Army, die Erde sei hohl und ihr Inneres bewohnbar, die beiden Eingänge befänden sich am Nord- und am Südpol. Sein Antrag, diese These mit einer Expedition zu überprüfen, wird 1822 im US-Senat von 25 Stimmen unterstützt.

Überflüssige Offiziere

Die ersten Jahrzehnte des 19. Jahrhunderts sind die Blütezeit der Polfahrten, vor allem der englischen. Dies hat historische Gründe: Als der Wiener Kongress 1814 bis 1815 sechzig Jahre Kriegswirren in Europa beendet, steht das Königreich vor einer kniffligen Aufgabe. Es will seine militärische Vormacht auf dem Wasser auf keinen Fall aufgeben. Doch die gigantische Kriegsmarine verschlingt Unsummen. Rund drei Viertel der Navyangehörigen niederer Ränge sind zwangsrekrutiert. Sie loszuwerden ist kein Problem, 1817 sind gerade noch 19 000 einfache Seeleute im Dienst. Sie erhalten ihre Befehle von einem unverändert grossen Heer von 6000 Offizieren, drei Matrosen teilen sich demnach einen Offizier. Rund neunzig Prozent dieser Ranghöheren haben keine andere Aufgabe als die stilvolle Repräsentation.

Ein neuer Feind tut not. Er ist niemand geringerer als die arktische Natur. Hier soll die Admiralität in Form bleiben und die englische Fahne hochhalten. Eine harte Aufgabe: Die Nordpolexpeditionen werden in normalen Uniformen und auf Kriegsschiffen unternommen, die nur notdürftig für die Reise ins Eis umgerüstet wurden.

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Grosse traurige Helden

Anfang des 19. Jahrhunderts tritt ein unglücklicher Polfahrer auf den Plan, der durch sein umfassendes Scheitern unvergesslich bleibt: John Franklin. Seine erste Polarexpedition im Jahre 1818 in den Nordwesten Kanadas endet mit elf Toten (einer davon ein Mordopfer), einem Fall von Kannibalismus und einer verhungernden Mannschaft, die sich von Flechten und ihren eigenen Schuhen ernähren musste. Bei seiner Rückkehr wird die «physische, mentale und moralische Überlegenheit» der Engländer hymnisch gefeiert. Niemand konnte sich dem viktorianischen Charme des Scheiterns und der Faszination der absurden Entbehrung entziehen. Frank-lin und seine Begleiter hatten nichts erreicht, aber sie hatten sich in den Augen der Heimat so lange wie möglich nobel verhalten. In bester aristokratischer Jagdtradition hatten sie keine Robben oder Bären geschossen, sondern lediglich Wildvögel. Das Nachtessen wurde von livrierten Dienern auf Silberplatten serviert. Neben einer riesigen Bordbibliothek wurden eine Drehorgel und Mahagonischreibtische mitgeführt.

Derselbe Franklin verursacht einige Jahre später die folgenschwerste Tragödie der arktischen Entdeckungsgeschichte. Er verschwindet 1845 mitsamt seinen 129 Begleitern auf der Suche nach der legendären Nordwestpassage. Es folgt die wohl grösste, längs-te und teuerste Rettungsaktion aller Zeiten. Der Erste Lord der Admiralität setzt eine Prämie von 20 000 Pfund aus, und Dutzende von Expeditionen suchen jahrelang nach Franklin. Die Ursache für das tragische Ende wurde übrigens erst kürzlich geklärt: Die Mannschaft starb halluzinierend und herumirrend im Packeis. Sie waren alle verrückt geworden durch eine Bleivergiftung aufgrund schlecht verlöteter Konservenbüchsen.

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Eiskalte Bestseller

Die Suche nach Franklin ist ein bis dahin beispielloses Medienereignis, allein siebzehn sogenannte arktische Journale befassen sich damit. Das öffentliche Interesse ist gigantisch: Im Sommer 1852 lockt ein populärer Vergnügungspark die Arbeiterklasse Londons mit einer riesigen Schaubühne mit arktischen Landschaften, in den europäischen Metropolen werden pompöse Eispaläste in nordischer Szenerie eröffnet.

Zur Popularität der Entdecker hat auch die Fotografie beigetragen: Seit der Amerikaner Robert Edwin Peary lukrative Verträge mit dem «National Geographic» ausgehandelt hatte, werden die Abbildungsrechte zur wichtigsten Einnahmequelle der Entdecker. Doch nicht nur sie verdienen mit den eisigen Geschichten ihr Geld, auch die erstarkenden Massenmedien profitieren. Der amerikanische Reporter Walter Wellman etwa erhält im Jahr 1905 vom Chicagoer «Record-Herald» den Auftrag, den Nordpol im Luftschiff zu überqueren. Und der amerikanische Marineleutnant George DeLong wird vom Besitzer des «New York Herald» gesponsert. Nachdem er und seine neunzehn Männer beim Versuch, den Nordpol zu erreichen, umkommen, macht der «Herald»-Boss ein Buch über die Bergungsaktion und die Tagebücher der Verstorbenen. Es wird ein Bestseller.

Einige Reiche fröhnen in der Arktis einem anderen Vergnügen: der Eitelkeit. Peary beispielsweise finanziert seine diversen Fahrten zu einem wichtigen Teil durch einen eigens gegründeten Klub, dessen Mitglieder aus der New Yorker Finanzwelt kommen - als Gegenleistung benennt er Berge, Sunde, Buchten nach ihnen.

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«Reinrassige Eskimos»

Seit Mitte des 19. Jahrhunderts sind neben den Briten auch Deutsche, Österreicher, Skandinavier und Amerikaner unterwegs in der Arktis. Das hat keine wirtschaftlichen Gründe: Die Hoffnungen auf grossen materiellen Gewinn sind inzwischen enttäuscht worden, die beiden während Jahrhunderten energisch gesuchten Passagen werden zwar bald erstmals durchfahren (die Nordostpassage 1878 - 1879, die Nordwestpassage 1903 - 1906), doch damit wird klar, dass sie sich wegen ihres Packeises nicht als reguläre Handelsstrassen eignen. Die Expeditionen werden nun vom Staat finanziert und nicht mehr durch Handelsgesellschaften. Die Polfahrt wird zum nationalen Epos.

Ein Beispiel aus Deutschland: 1936 schwärmt der deutsche Autor Paul Gerhard Zeidler in seinem Roman «Helden im ewigen Eis» nicht nur von deutschen Männern, sondern auch von «reinrassigen Eskimos», die «in einer Art vollkommenem Sozialismus» leben. Das weitgehend unbewohnte Gebiet bietet einen idealen Hintergrund für imperiale Gesten, da diese nicht durch unangenehme Nebengeräusche, wie sie durch die Unabhängigkeitsbestrebungen in den Kolonien entstehen, gestört werden. Um die Jahrhundertwende wird die Herausforderung des Pols zunehmend sportlich gesehen - es geht darum, der Erste zu sein. Es ist die Zeit, als der Alpinismus und andere Sportarten populär werden.

Die Ironie der Geschichte: Bis heute ist unklar, wer den Nordpol entdeckt hat. 1909 behaupten dies gleich zwei US-Amerikaner: Zum einen ist da Frederick Cook, ein heiterer Arzt und erfolgreicher Polarbuchautor. Nachdem die Öffentlichkeit ihn einen Betrüger nennt, wird er Grundstücksmakler, spezialisiert sich auf den Verkauf von Ölfeldern, kommt ins Gefängnis und stirbt verbittert. Cooks Konkurrent ist sein ehemaliger Expeditionsleiter, der amerikanische Bauingenieur Robert Edwin Peary. Er verkündet, er habe mit dem Schlitten den Nordpol erreicht, begleitet von vier Inuit und seinem schwarzen Kammerdiener. Der Bericht wird für glaubwürdig gehalten. Seine Positionsmessungen erweisen sich später als falsch.

Die Inuit konnten sich das grosse Interesse der Entdecker am Pol nur wirtschaftlich erklären - durch die Existenz eines wertvollen Objekts. Das Wertvollste, das sie kannten, war das Eisen. Ihr Nordpol heisst deshalb der Grosse Nagel.

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Experimente in der Luft

Um die Wende zum 20. Jahrhundert wird das klassische Heldenepos zum modernen Fortschrittsmärchen, in dem technologische Errungenschaften und zivilisatorische Kraft gefeiert werden. Dazu gehört die Eroberung der Lüfte: 1897 versucht Salomon Andrée, ein schwedischer Patentamtsangestellter, mit einem Ballon von Spitzbergen zum Pol zu fliegen. Er scheitert. 1926 fliegt Roald Amundsen, der erfolgreiche norwegische Polfahrer, Bezwinger der Nordwestpassage und Entdecker des Südpols, mit einem Luftschiff von Spitzbergen nach Alaska. Er wird begleitet vom italienischen Konstrukteur Umberto Nobile und vom Abenteurer Lincoln Ellsworth, Sohn eines Chicagoer Millionärs, der die Expedition mit einem kleinen Vermögen finanzierte unter der Bedingung, dass sein Sohn das Rauchen aufgibt. Sie sind die Ersten, die den Nordpol sehen - ein Ereignis, das sie mit Eierlikör und dem Abwerfen der norwegischen, der amerikanischen und einem ganzen Arm voller italienischer Flaggen feiern. Benito Mussolinis Vorschlag, Amundsen das Armeeluftschiff zu schenken, wenn er unter der italienischen Fahne fliegen würde, lehnt dieser als «plumpe faschistische Propaganda» ab.

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Angst vor dem Eis

Reisende Wissenschaftler sind erst seit dem 18. Jahrhundert die Regel - fortan begleiten Botaniker und Zoologen die Expeditionen. Während des ersten internationalen Polarjahrs von 1882/83 nehmen 700 Wissenschaftler aus zehn Nationen während eines Winters in der Arktis und der Antarktis Daten auf. Weiter angefacht wird die wissenschaftliche Neugier um 1900, als in Europa die Angst vor einem Klimawandel umgeht, allerdings jene vor einer neuen Eiszeit. Eine Flut von wissenschaftlichen Hypothesen zur baldigen Vereisung erscheint.

Forscher sind zudem die ersten, die den Pol mit Sicherheit betraten: 1948 fliegt eine Gruppe von Wissenschaftlern auf Anordnung von Josef Stalin zum Nordpol; 1969 gelangt der britische Forscher Wally Herbert als erster zu Fuss zum Pol.

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Männermythen

Frauen sieht man in diesen unwirtlichen Gefilden nicht gerne. Die einzige Heldin der Polarliteratur taucht in Jules Vernes «Das Land der Pelze» von 1873 auf, sie «war freilich etwas männlich, und ihre ganze Erscheinung atmete weniger Liebreiz als moralische Kraft». Frauen wurden auch bei den tatsächlichen Expedition kaum je zugelassen - ein Umstand, den die Inuit äusserst sonderbar fanden. Bis heute dürfen sie, wenn sie denn wollten, der renommierten Captain Scott Society (benannt nach dem englischen Südpolfahrer Robert Falcon Scott) nicht beitreten.

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Exotik

Die Inuit sind beliebte ethnologische Objekte: Der englische Seefahrer Martin Frobisher nimmt im 16. Jahrhundert einen Inuk gefangen und bringt ihn mitsamt seinem Boot nach England. Die Schau, bei welcher der Mann in seiner traditionellen Kleidung sowie in englischer Tracht und nackt gezeigt wird, erregt grosse Aufmerksamkeit, wenn auch nur für kurze Zeit, da der Inuk bald stirbt.

Auf seiner zweiten Reise trifft Frobi-sher auf der heute Baffin Island genannten Insel wieder Inuik; er nimmt eine Frau und einen Mann gefangen und führt die beiden «in gespannter Erwartung eines dramatischen Schauspiels» zusammen. Die Lebens- und Liebesweisen der Inuit behielten ihren exotischen Reiz für das mitteleuropäische Publikum noch während Jahrhunderten. Die hagenbecksche Völkerschau, bei der sechs Inuit aus Grönland gezeigt wurden, verkaufte allein an Ostern 1877 in Hamburg 44 000 Eintrittskarten. Kurz vor der Jahrhundertwende nimmt auch Peary einige seiner Inuitgefährten mit nach New York. Seine Frau Josephine nennt sie «unsere Huskies».

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Esoterik

In den letzten Jahrzehnten sind eine Menge esoterischer Bücher über die Inuit erschienen, die in elegischem Ton als überlegene Ethnie gefeiert werden. Einer Ethnie, die im Gegensatz zu den durch die Zivilisation verdorbenen EuropäerInnen noch über altes Wissen über die Kräfte der Natur verfügt. «Die Menschen im Norden sind glücklich. Der Schnee ist ihr Freund», schreibt etwa ein Autor namens Farley Mowats Ende der achtziger Jahre in seiner dokumentarischen Geschichte «Der Schneewanderer». Mowats schildert, wie 2500 Jahre zuvor die Griechen, das Eis als Paradies.

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