Nr. 36/2007 vom 06.09.2007

Die mutige Seele

Von Brigitte Matern

Wie viel ihr Leben wert war, wusste sie schon lange, und sie fand es selbst etwas wenig: Ganze 3000 Dollar waren demjenigen versprochen, der sie töten und so für «Frieden auf den Ländereien» sorgen würde. Am Ende boten die Auftraggeber jedoch das Fünffache, was dem Verkaufswert dreier Tropenbäume entsprach. An einem Februarmorgen fand man ihre Leiche. Die 73-Jährige war auf dem Weg zu einer ihrer vielen Versammlungen erschossen worden. Der Präsidentenpalast schickte eilends 2000 Soldaten in die Region, um für Ruhe zu sorgen. Denn die Tote war nicht irgendwer. Die ge­bürtige US-Amerikanerin – sie war 1931 in Dayton, Ohio, geboren worden und hatte sich mit siebzehn für ein Leben als Nonne entschieden – arbeitete bereits seit über zwanzig Jahren in Anapu im nordöstlichen Regenwald Brasiliens. Als sie dorthin gekommen war, hatte sie gebeten, sich um die Ärmsten der Armen kümmern zu dürfen. Von da an setzte sie sich für die landlosen Kleinbauern ein, organisierte Versammlungen, vertrat deren Forderungen, klärte sie über ihre Rechte im Kampf gegen die Holzschlag- und Viehzüchtermafia auf. Mit ihren MitstreiterInnen erreichte sie, dass der Staat 600 Familien bereits gerodetes Waldland zusprach – ein schöner Plan, der die Existenz dieser Menschen gesichert und den Urwald vor weiterer Zerstörung bewahrt hätte. Leider kollidierte er aber mit den Interessen der grossteils illegal zu Eigentumstiteln gekommenen Regenwaldausbeuter: Die Menschenrechtsaktivistin mit der sanften Stimme war nur eine von vierzig weiteren KandidatInnen auf deren Abschussliste.

Wie heisst die Schwester Unserer Lieben Frau von Namur, die 2003 aus Protest gegen den Irakkrieg ihren US-Pass abgab?

Wir fragten nach der Dominikanerschwester ­Dorothy Stang (1931–2005). In ihrer Bedeutung wird sie mit Chico Mendes verglichen, dem 1988 von Grossgrundbesitzern erschossenen Kautschukzapfer und­ Gewerk­schafter.

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