Nr. 40/2007 vom 04.10.2007

Mittelmeerischer Zickzack

In seinem neuen Buch lässt der Schriftsteller mit griechischen Wurzeln einen Schweizer Diplomaten durch den Mittelmeerraum flanieren - auf den Spuren nach einem zuckersüssen Rezept.

Von Paul L. Walser

«Der Junge war unter dem Eindruck der sommerlichen Fremde noch nicht darauf gekommen, dass damit, wo man sich im Augenblick aufhielt, nichts entschieden war. Er musste mitnichten zwischen da und dort, zwischen dieser für ihn beziehungslosen und der vertrauten Welt zu Hause in den Alpen, wählen, gar für immer wählen. Dass die eine Welt die andere nicht ausschloss, ahnte er aber erst als Jugendlicher. Er fasste den Vorsatz, sich beide Welten zugänglich zu machen.»

Der Name des Erzählers weckt deutliche Vorstellungen: Perikles Monioudis muss ein Grieche sein. Aber er ist auch ein Schweizer, 1966 in Glarus geboren. Und das Werkzeug, mit dem er sein Leben verdient, ist die deutsche Sprache. Seit diesem Sommer lebt er wieder in Zürich. Wichtige Preise hat er schon bekommen, 2005 war er in den USA, als Gastprofessor am Massachusetts Institute of Technology. Sein neues Buch «Land» ist eine Hommage ans Mittelmeer, das der Dichter für sich als Heimat beanspruchen darf, wenn es denn so etwas wie Heimat überhaupt gibt. Heimat ist ebenfalls «der kleine Kantonshauptort in den Bergen», wo nicht nur der Dichter, sondern auch die Hauptgestalt seines Romans aufgewachsen ist.

Alexandria - Barcelona

Er heisst «der Reisende», sein Name taucht nie auf. Er ist vielsprachig, kommt überall durch, am liebsten nicht als Einheimischer, aber auch nicht als richtig Fremder. An den nötigen Mitteln, um weiterzukommen, fehlt es ihm nicht. Er fährt von einer Mittelmeerstadt zur anderen, er ist immer unterwegs, auf zumeist alten, verrostenden Schiffen, um sich seinen Beobachtungen hinzugeben. An Land sucht er Hotels der Nobelklasse auf. Trotz seiner zärtlichen Erinnerungen an die Schweiz seiner Kindheit flieht er immer wieder vor dem Festland. Dabei sucht der unstete Zweifler nichts anderes als Land. Daher auch der Titel des Romans. Oder hat er es im Grunde nie richtig verlassen?

Der Roman ist ein poetischer, sehr suggestiver Zickzack übers Mittelmeer, eine Art Monolog, leise gesprochen, fast geflüstert. Von Beruf ist «der Reisende» Schweizer Diplomat und deshalb geübt in der Kunst, nach aussen hin über den Gefühlen zu stehen und sich die Mitmenschen wie die Geschehnisse nicht zu nahe kommen zu lassen. Seine derzeitige Mission ist privater Natur. Er sucht das Rezeptbuch seines Grossvaters, eines begnadeten Zuckerbäckers aus Kleinasien, der 1922 nach der katastrophalen Niederlage der Griechen über Chios nach Alexandria geflohen war, wo er «eine erstklassige Patisserie» aufbaute. In den fünfziger Jahren mussten die Mitglieder der Familie Ägypten verlassen, erneut als Flüchtlinge, und die Eltern des Reisenden landeten in der Schweiz.

«Der Junge hatte von seinen Eltern keine Erziehung zum Einheimischen erwartet. Eine kindliche Illusion, darauf zu vertrauen, auch wenn sie sich darum bemühten. Sie wollten verhindern, dass man die Kinder anders denn als Einheimische behandelte, sie selbst wollten Einheimische werden, so schnell, so gut wie möglich. Allerdings wussten sie nicht einmal, wer die Einheimischen waren.»

Es gelingt dem Reisenden tatsächlich, im ägyptischen Alexandria das wertvolle Rezeptbuch aufzustöbern, und er beginnt nun mit der Übersetzung der griechischen, türkischen und arabischen Texte. Am glücklichsten ist er, wenn er das Rezept seines Lieblingsgebäcks - Kataifi - in einer Backstube selber ausprobieren kann. Dann ist er plötzlich kein Diplomat mehr, sondern der kleine Junge, der seinem verehrten Grossvater nacheifert - dann ist er ganz daheim. Wie er es bewerkstelligt hat, das Rezeptbuch zu finden, wird leider nicht erzählt. Durch Verhandeln sei das möglich geworden, teilt der Autor lakonisch mit, und Verhandeln ist ja schliesslich der Beruf - und das Berufsgeheimnis - des Diplomaten.

Der Reisende verfolgt noch ein weiteres Ziel: Barcelona. Dort lebt seit einiger Zeit seine einstige Geliebte, eine Deutsche, die er in Berlin kennengelernt hat. Sie arbeitet im botanischen Garten der katalanischen Hauptstadt. Auch sie hat keinen Namen. Sie heisst einfach «die Botanikerin». Sie wird eher umschrieben als beschrieben, ein genaues Profil bekommt sie nicht, sie wirkt blasser als ihr Widerpart, den sie «Meinen Diplomaten» nennt. Warum der Dichter für einige Kapitel seine zwei Figuren jeweils in der Ich-Form auftreten lässt, wird nicht ersichtlich.

«Der Reisende war nach Barcelona gekommen, um sich zu verabschieden. Es hatte keinen Zweck, dachte sie, ihn aus der Wüste, die das Meer für ihn war, hinausführen zu wollen. Das musste jemand anderes tun.» Ob es diese andere Person jemals geben wird? Wer das Buch gelesen hat, hat seine berechtigten Zweifel. Die Begegnung der beiden, die offenbar zu einer Beziehung unfähig sind, wird nicht geschildert, nur das Vorher und das Nachher.

Die Reise bestätigt sich als Besiegelung eines unsäglich langen Abschieds, in den hinein der geübte Konditor Perikles Monioudis grandiose Mittelmeerbilder backt - sehr genaue Beobachtungen, die die Lesenden nicht so schnell vergessen und die sie immer wieder zu eigenen Mittelmeererinnerungen führen: Ja, genau so riecht es im wirbligen Alexandria, in der «heissen, auf den ersten Blick überwiegend hässlichen Millionenstadt» namens Athen oder in Izmir, dem einstigen Smyrna, so bedrohlich kann das weisse Algier sein, so gespenstisch die albanische Hafenstadt Durrës beim Einnachten, wenn plötzlich niemand mehr da ist.

Flüchtling und Flaneur

In diesem Buch kann man die Mittelmeerwelt riechen und schmecken. Monioudis bringt uns neben seinem Lieblingsgebäck viele mediterrane Weisheiten und wichtige Einsichten nahe, zum Beispiel: «... dass jemand für sich sein wollte, war nicht vorgesehen. Das galt als Eigenbrötelei, als Sünde, als Abwendung von der grossen Familie.» Oder das Geheimnis vom «bösen Auge». Immer wieder wird an die Gewalt erinnert, die die Geschichte des Mittelmeers prägt, an die grossen Vertreibungen, Zerstörungen, historischen Bannflüche. Immer wieder auch die Erinnerung an die mehrschichtige Flucht der Familie.

«Er wusste, dass es unter Umständen, die vielleicht seine waren, nur eine Generation dauert, bis der Flüchtling zum Flaneur wird.» Das ist ein Kernsatz des Buchs. Die Entwicklung vom Flüchtling zum Flaneur ist ein Bild, das man einem Diplomaten durchaus zutraut, schwingt doch da unterschwellig ein zynischer Zug mit, und Diplomatie ohne Zynismus ist undenkbar. Monioudis spielt geschickt nicht nur mit der Kunst der Zuckerbäckerei, sondern auch - ganz leise - mit zynischen Elementen. Eine Art Würze, wenn man so will.

Das Ganze ist virtuos angerichtet, aber vielleicht ist das Meer, das er uns vorführt, doch um einiges seichter als das wirkliche Mittelmeer. Zumindest hinterlässt es einen entsprechenden Nachgeschmack. Und eine Süssigkeit aus dem mediterranen Südosten als einziger wirklicher Glücksmagnet ist ein bisschen wenig. Obwohl das Buch sehr leichtfüssig daherkommt, ist es nicht heiter. Dabei haftet dem Mittelmeer aller Wehmut und Härte zum Trotz seit je auch eine genuine Heiterkeit an, nicht nur in den Tourismusbroschüren. Die Annahme, der Reisende und die Botanikerin würden diese Seite der mediterranen Welt nicht kennen, wäre falsch. Nur reden sie nicht davon.

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