Nr. 43/2007 vom 25.10.2007

Das Ende der «grossen Solidarität»

Sie strömten zu Millionen in die chinesische Hauptstadt und suchen hier ihr Glück oder zumindest ein bescheidenes Einkommen. Aber im «sozialistischen» Staat haben die WanderarbeiterInnen keine Rechte.

Von Wolf Kantelhardt, Beijing

«Die grosse Solidarität des Volkes lebe 10 000 Jahre!» steht auf dem Tor des Himmlischen Friedens, dem Südeingang zur Verbotenen Stadt. Verboten ist der Zutritt zu dem chinesischen Kaiserpalast schon seit dem Jahr 1924 nicht mehr. Aber der Eintrittspreis in Höhe von 60 Renminbi Yuan, umgerechnet 9.40 Franken, ist für gut ein Drittel der EinwohnerInnen von Beijing unerschwinglich hoch. Die Rede ist hier von einem grossen Teil der nach offiziellen Schätzungen 5,1 Millionen WanderarbeiterInnen, die in Beijing leben. Deren Zahl wird anhand der Fahrkartenverkäufe anlässlich des traditionellen chinesischen Frühjahrsfestes geschätzt. Dann fahren die WanderarbeiterInnen in ihren einzigen, einwöchigen Urlaub. Vielleicht sind es aber auch drei Millionen mehr: Schliesslich wird sich ein Teil der WanderarbeiterInnen nicht nur den Eintritt in die Verbotene Stadt, sondern auch die Heimfahrt mit den obligatorischen Geschenken für die gesamte Verwandtschaft nicht leisten können.

Die U-Bahn-Linie 1 fährt in gut vierzig Minuten vom Tor des Himmlischen Friedens in westlicher Richtung bis zur Endhaltestelle Pingguoyuan. Die einfache Fahrt kostet drei Yuan. Von dort noch einmal drei Yuan und zehn Minuten für eine Fahrt mit der Motorradrikscha, und schon befindet man sich in einer Welt, wie sie ferner von der «grossen Solidarität des Volkes» nicht sein könnte. Denn hier – im WanderarbeiterInnenquartier Liuniangfu – erwartet niemand, etwas geschenkt zu bekommen.

Rikschafahrer Zhang Fuquan erzählt, dass er heute Morgen Glück hatte. Die Polizei hat nicht registrierte Taxis aufgegriffen, ihn aber in Ruhe gelassen. 600 Yuan hätte ihn das sonst gekostet, weil es das zweite Mal gewesen wäre. Beim dritten Mal wird die Motorradrikscha konfisziert. Wen interessiert es, dass er damit den Lebensunterhalt für sich, seine Frau und die vier Kinder verdient?

Seit zehn Jahren lebt Zhang Fuquan in Liuniangfu. Die ersten zwei Jahre hat er Gemüse auf dem Markt hinter der U-Bahn-Station verkauft. Als der Markt geschlossen wurde, kaufte er sich von seinen Ersparnissen eine grosse Motorradrikscha mit vier Fahrgastsitzen. Mit der fuhr er, bis sie 2005 von der Polizei beschlagnahmt wurde. Seitdem fährt er eine kleine Zweisitzige und hatte bisher Glück – bis auf das eine Mal. Drei Yuan für eine Fahrt und das Risiko, 600 Yuan zu verlieren, lohnt sich das noch? Zhang Fuquans Antwort ist einfach: «Von irgendwas muss ich ja leben. Es geht schon.»

Die Kinder von Liuniangfu

Sorgen macht sich Zhang Fuquan eher um die Ausbildung seiner Kinder. Seine älteste Tochter Lisha ist fünfzehn. «Ich habe sie gerade erst von der Schule genommen», sagt er und sieht auf einmal so aus, als hätte ihm jemand einen Vorwurf gemacht. «Wenn ich sie zu meinen Eltern schicke, damit sie die weiterführende Schule besucht, gibt es mit denen Streit wegen ihrer Lebenshaltungskosten», verteidigt er sich. «Sie soll nun irgendwo als Hausmädchen anfangen.» Die achtjährige Tochter Chunyan geht in eine nahe gelegene Schule, auf die dritte Tochter, Zhang (vier Jahre), und den Sohn Zhang Yifan (zwei Jahre) passt die Mutter auf. Zhang Fuquan würde den Kindern gerne eine gute Bildung ermöglichen – denn nur wenn die Kinder in der Stadt Fuss fassen, können auch die Eltern darauf hoffen, dauerhaft zu bleiben.

Aber Wanderarbeiterkinder dürfen die offiziellen staatlichen Schulen nicht besuchen. Seit 2005 besteht zwar die gesetzliche Möglichkeit dazu. Nur zählen in China offizielle Regeln nicht viel, und die staatlichen Schulen in Beijing wehren sich gegen MigrantInnenkinder, wo sie nur können. Denn die BeijingerInnen sind sich einig, dass «waidiren» (Menschen von aussen) «meiyou wenhua» (keine Kultur) oder «suzhi di» (ein niedriges Niveau) haben. Sie befürchten, dass durch die Aufnahme von Wanderarbeiterkindern die Quote der Kinder, die es auf gute Mittelschulen schaffen, sinken könnte. Der Ruf der gesamten Schule und das Einkommen der LehrerInnen wären gefährdet.

Deswegen bleibt den Kindern nur der Besuch einer der illegalen Privatschulen. Diese bekommen vom Staat keinen einzigen Jiao, keinen Rappen, und kosten deswegen nicht nur 450 Yuan pro Schuljahr, sondern sind auch erheblich schlechter als die staatlichen Einrichtungen. Am schlimmsten ist, dass in ihnen nur LehrerInnen unterrichten, die in den offiziellen Schulen keine Anstellung bekommen haben. Wer hier lehrt, tut das nur so lange, bis sich woanders eine besser bezahlte Tätigkeit findet. «Alle drei bis vier Monate hat Chunyan neue Lehrer», sagt Zhang Fuquan.

Das Gesetz des Marktes

Sorgen macht dem Rikschafahrer ausserdem seine Wohnungsmiete. Gerade ist sie von 200 auf 280 Yuan (rund 44 Franken) im Monat erhöht worden, ein stolzer Preis für zwölf Quadratmeter. Der einzige Raum bietet Platz für zwei grosse Betten, einen Haufen Gerümpel, alte Zeitungen, einen grossen Wok, einige Nahrungsmittel, einen kleinen Schwarz-Weiss-Fernseher und ein grosses ferngesteuertes Rennauto. Ohne Fernbedienung, denn es stammt aus einer Mülltonne. Immerhin rollt es noch. Das einzige Spielzeug der vier Kinder.

Die Preiserhöhung ist eine Folge des Beijinger Baubooms. Von Süden her sind die zwanzigstöckigen Wohnhäuser schon bedrohlich nahe an Liuniangfu herangerückt. Dort kostet die Monatsmiete mindestens 2300 Yuan, umgerechnet 360 Franken. Unerschwinglich für die Menschen, die hier leben. Manche vermuten, dass die Regierung auf diese Weise versucht, die Zahl der WanderarbeiterInnen vor den Olympischen Spielen etwas zu reduzieren. Ohne Aufsehen oder Protest erregende Gesetze – nur mit dem Gesetz des Marktes. Spätestens nach den Spielen ist sowieso Schluss. Im Norden von Liuniangfu liegen ein paar Berge, die noch als Landschaft durchgehen können, und der grosse Badachu-Park ist nicht weit: Hier wird ein Villenviertel entstehen.

Käme es für Zhang Fuquan infrage, zurückzukehren? «Nein, das geht nicht», antwortet er. Seine alte Heimat ist Nanyang, eine Region in der Provinz Henan, die vor allem dafür bekannt ist, dass die dortige Regierung Polizeikräfte aussendet, um widerrechtlich enteignete BäuerInnen vor der im Süden Beijings gelegenen Petitionsstelle aufzugreifen und in ein nahe gelegenes privates Gefängnis zu schaffen. Dort werden sie so lange festgehalten, bis sie von einer Beschwerde absehen. In letzter Zeit soll die Nanyanger Verwaltung sogar anderen Lokalregierungen angeboten haben, sich auch um deren BäuerInnen zu kümmern, wenn diese vor Beijing auftauchen – gegen Bezahlung natürlich.

Das ist aber nicht der Grund, warum Zhang Fuquan hier bleiben will. «Mein Bein ist doch behindert. Ich kann nun einmal nicht auf einem Feld arbeiten», sagt er. «Ausserdem würde uns das Haus abgerissen, wenn wir mit vier Kindern zurückkämen. Wenn jemand gegen die Geburtenplanung verstösst, sucht die Dorfregierung ein paar Parteimitglieder, und diese reissen einem das Haus ab. Das ist völlig normal.» Zhang sagt das mit so ruhigem Gesicht, als wäre es die normalste Sache auf der Welt.

Die Konkurrenz der Schulen

Die Schule seiner Tochter Chunyan ist nur fünf Minuten entfernt. Direktorin Zhang Shuhua empfängt in ihrem Büro, das fast so unordentlich ist wie das Zimmer der Familie Zhang. Stolz beginnt sie zu erzählen: Nach ihrer Pensionierung 1995 sei sie nach Beijing gekommen, damals erst 55 Jahre alt, und habe ein Jahr später «aus Mitleid» diese Schule gegründet. Anfangs hatte sie nur einen einzigen Raum und unterrichtete allein. Mittlerweile habe die Schule 12 LehrerInnen, 142 SchülerInnen und sogar einen Sportplatz. Früher sogar mit vier Tischtennisplatten. Doch dann habe sich der nebenan wohnende Beijinger beschwert, dass immer Bälle über die Mauer geflogen kämen. Da mussten die Tischtennisplatten abgerissen werden.

Noch mehr als über diesen Nachbarn ärgert sich die Direktorin über die anderen drei Schulen für die Kinder von WanderarbeiterInnen, die seither eröffnet wurden: «Die versuchen nur, schnelles Geld zu machen und mir die Schüler abzuwerben», sagt Zhang und erläutert, wie das geht: Das lokale Schulamt habe die Schulgebühren auf 450 Yuan festgesetzt, aber die anderen Schulen böten versteckte Preissenkungen an wie beispielsweise das dritte Kind einer Familie kostenlos unterrichten. Einfach eine Woche eher mit dem Unterricht beginnen. LehrerInnen im ganzen Viertel herumschicken, um Lügen über ihre Schule zu verbreiten. Den Kindern fast immer die volle Punktzahl geben, um die Eltern zu täuschen – eine nicht enden wollende Liste.

So sind aus den Schulen für MigrantInnenkinder konkurrierende Wirtschaftsunternehmen geworden. Dasselbe gilt für die Agenturen zur Vermittlung von Hausmädchen, die der kommunistische Frauenverband hier einmal aufbaute: Mittlerweile arbeiten diese Agenturen nur noch auf Gewinnbasis. Den vermittelten Haushaltshilfen wird ein Viertel ihres Gehalts als Vermittlungsgebühr abgezogen.

Beispiel Shangezhuang

Fährt man von dem Solidarität verheissenden Tor des Himmlischen Friedens in die entgegengesetzte Richtung, nach Nordost, führt der Weg nach zwei bis drei Stunden vorbei an riesigen Markthallen: landwirtschaftliche Erzeugnisse, Kleidung, Stahlprodukte, ein Antikmarkt mit riesigen Porzellanvasen, Schnittblumen, tiefgekühlter Fisch, Baumaterial. Dann ein schmiedeeiserner Bogen, der Eingang zu dem Dorf Shangezhuang und die Endhaltstelle des Stadtbusses 476. Früher ein Dorf mit rund 2400 BäuerInnen. Heute eine Wanderarbeitersiedlung mit über 50 000 EinwohnerInnen. So viele sind es aber erst seit einem Jahr, nachdem die in der Nähe gelegenen Wanderarbeiterquartiere Taiyanggong, Laiguangying und Donghu geräumt worden sind. Sie lagen zu nahe am Fünften Stadtring, und die Regierung wollte nicht, dass Olympiagäste, die sich hierher verirren, einen schlechten Eindruck bekommen.

Nahe der Bushaltestelle stehen zweistöckige Häuser, die an besonders erfolgreiche WanderarbeiterInnen vermietet werden. Fünf Minuten Fussweg weiter sind die Häuser nur noch ein Stockwerk hoch: Lang gestreckte Bauten und Höfe mit gut zwanzig Türen auf jeder Seite. Hinter jeder Tür wohnt eine Familie, mindestens drei Menschen, aber meistens mehr. Noch einmal fünf Minuten Fussweg weiter beginnt schon der Randbezirk. Hier haben die langfristigen Pächter – die alteingesessenen, ehemaligen BäuerInnen von Beijing – nur den Boden vermietet, die Häuser wurden von WanderarbeiterInnen selber gebaut. Kleine Verschläge, die sich an Mauern oder aneinander zu lehnen scheinen. Strom und Wasser gibt es, aber die Leitungen sind schlecht verlegt. Toiletten und Müllbeseitigung gibt es auch, aber beides funktioniert nicht immer. 200 Meter vor dem Ende des Dorfes, wo grosse Bagger gerade dabei sind, den Platz für die nächsten Häuser zu ebnen, wohnt die Familie Li.

Daheim zu kleine Felder

«Huanjing Guanglin» (herzlich willkommen), sagt die vierjährige Li Nan und klatscht in die Händchen. Dann holt sie aus dem Zimmer, das gleichzeitig der einzige Raum der fünfköpfigen Familie ist, einen kleinen Plastikhocker. Diesen knallt sie ihrem kleinen Bruder voll auf die Füsse und bittet höflich, Platz zu nehmen. «Vor zwei Jahren», sagt ihre Mutter Yang Yan, gegen das Schmerzgeschrei des zweijährigen Li Rui ankämpfend, «hat Nana plötzlich Fieber bekommen. Hohes Fieber. Im Krankenhaus wurde eine Gehirnhautentzündung festgestellt. Zwei Monate musste Nana stationär behandelt werden. Das hat 50 000 Yuan gekostet.» Umgerechnet 7900 Franken, die ganzen Ersparnisse der gesamten Familie.

Als dann einen Monat später der Rückfall kam, hatte die Familie kein Geld mehr, um die Behandlung fortzusetzen. «Am Anfang ging es Nana sehr schlecht. Sie konnte kaum die Augen öffnen», berichtet die Mutter. «Jetzt ist es schon besser. Sie spricht ein wenig. Aber immer knallt sie alle Sachen so hin. Wie den Hocker.» Manchmal fesselt sie der behinderten Tochter deshalb die Hände.

Eine Krankenversicherung hatte die Familie Li nicht. Aber im Heimatdorf ihres Mannes hat ein Beamter damals erlaubt, rückwirkend eine Versicherung für zehn Yuan im Monat abzuschliessen. Sie bekam dann gleich 4000 Yuan ausbezahlt. Mehr ging nicht. Denn die Quote, die erstattet wird, sinkt mit der Entfernung vom Wohnort: von vierzig Prozent in der Kreisstadt über zwanzig Prozent in der Provinzhauptstadt bis zu acht Prozent in der Landeshauptstadt. «Die Kinder werden hier dauernd krank», sagt Yang Yan. «Jeden Monat muss ein Kind zur Infusion. Jedes Mal kostet das 145 Yuan.»

Woher die Krankheiten kommen? Das weiss sie nicht. Aber neben dem Wasserhahn steht eine übel riechende Pfütze, in der Müll fault, und von der nahen Baustelle weht viel Staub und Russgestank herüber. «Zu Hause in Henan ist es besser», sagt Yang Yan: «Die Umwelt ist sauberer. Wir haben ein richtiges Haus. Aber das Feld ist zu klein, um alle zu ernähren.»

Deshalb kommt auch für sie und ihre Familie eine Rückkehr nicht infrage. Ihr Mann ist einer von denen, die jeden Tag mit einem Lastfahrrad durch Beijing radeln und Plastikflaschen, Pappe, Glas oder Metallteile aus den Mülleimern sammeln. Manchmal kauft er auch alte Waschmaschinen, Kühlschränke und Computer und schlachtet sie aus. Was es gerade gibt. Auch wohin und mit wem er fährt, ist immer unterschiedlich – wie das Einkommen. Durchschnittlich werden es wohl so um die 900 Yuan im Monat sein, so genau weiss Yang Yan das nicht.

Vom Glück der Damen

So willkommen wie bei der Familie Li ist man nicht bei allen in Shangezhuang. «Keine Fotos machen», mahnt Lulu Yang, eine hier wohnende Sozialarbeiterin. Gerade findet in dem Dorf mit seinen 2400 gemeldeten EinwohnerInnen eine Wahl statt – die ebenfalls hier ansässigen 50000 WanderarbeiterInnen haben kein Stimmrecht, eine etwas heikle Sache.

Lulu Yang ist 24 Jahre alt und trägt ein Che-Guevara-T-Shirt, weil sie den Revolutionär «sehr gerne hat», seitdem sie ein Theaterstück über ihn gesehen hat. Hier denken viele, es sei ein Bild des Musterkommunisten Lei Feng, den die Partei während der Kulturrevolution zum Ersten der «neuen Menschen» der neuen Zeit hochgejubelt hat. Die «Sozialarbeit» hat sie jedoch weder aus Che Guevaras Büchern noch aus dem angeblichen Tagebuch von Lei Feng gelernt, sondern als Hausmädchen bei einer Beijinger Professorin. Bisher hat sie vor allem Daten erhoben und mit einer der Wanderarbeiterschulen gearbeitet. Die LehrerInnen dort findet sie wirklich schlecht. Wenn die Kinder nicht gehorchen, würden sie geschlagen oder mit dem Satz eingeschüchtert: «Ihr werdet einmal so enden wie eure Eltern – als Wächter, Strassenkehrer oder Müllsammler.»

Lulu Yang hofft, über die Schulkinder auch deren Eltern erreichen zu können. Die Ausbildung liege allen am Herzen – für WanderarbeiterInnen ohne Rentenversicherung sind Kinder, vor allem Söhne, die einzige Altersvorsorge. Lulu Yang, die für ein von Oxfam Hongkong gefördertes Projekt arbeitet, hat in verschiedenen Beijinger Zeitungen zur Spende von Büchern für eine kleine Schulbibliothek aufgerufen. Viele Bücher bekam sie nicht – ein paar zerfledderte Zeitschriften, ein paar klassische Romane, die in dem Chinesisch der Ming-Dynastie geschrieben sind, ein altes russisch-chinesisches Wörterbuch, die chinesische Übersetzung von «Der beste Weg zum Glück für die Dame» von einer Frau Carnegie, fünf englischsprachige Exemplare einer Unesco-Studie über Geschlechterverhältnisse und Rechtsfragen unter chinesischen Wanderarbeiterinnen, offenbar die Spende einer NGO. Insgesamt 300 Bücher maximal.

Zweiklassengesellschaft

Der Direktor der Schule ist gekommen, obwohl er laut eigenem Bekunden nichts von der Idee hält, Bücher an WanderarbeiterInnen oder deren Kinder auszuleihen. «Die ziehen um, wie sollen wir da die Bücher wiederbekommen?» Arme Menschen, ruft er, «sind am allerwenigsten solidarisch», und macht eine hilflose Geste. Doch Lulu verteilt ungerührt ihre Bibliothekskarten an die Kinder. Ihr eigentliches Ziel ist ohnehin ein anderes: Dass die alteingesessene Beijinger Bevölkerung die WanderarbeiterInnen nicht mehr als Menschen zweiter Klasse sieht. Und dass sich die WanderarbeiterInnen hier in ihrer neuen Heimat so verhalten wie zu Hause, in ihren Dörfern.

Niemand will zurück, und doch leben alle so, als müssten sie schon morgen umziehen: Die Wohnungen sind ein einziges Chaos, der Müll landet auf der Strasse. Kontakte pflegt man nur mit der eigenen Familie oder mit MigrantInnen aus demselben Dorf. Eine langfristige Perspektive und ein Bleiberecht könnten das ändern, hofft Lulu.

Bis dahin wird sie noch viel zu tun haben. Wer zwanzig Zentimeter kleiner ist, ein braungebranntes, breites Gesicht hat und nur Dialekt spricht, kann in Beijing keine Gleichberechtigung erwarten. Die Einführung von Wohnberechtigungen (den sogenannten «hukou») nach der Gründung der Volksrepublik hat die ChinesInnen offiziell in Stadt- und Landmenschen geteilt, und diese Ungleichbehandlung führte in den letzten Jahrzehnten dazu, dass in China mittlerweile zwei Bevölkerungsgruppen leben.

Stadtmenschen hatten bis zur Abschaffung der Lebensmittelkarten Anrecht auf mehr Nahrungsmittel und bis zur Einführung der «sozialistischen Marktwirtschaft» einen gesicherten Arbeitsplatz. Bis heute wird die offizielle Arbeitslosenquote nur anhand der Stadtmenschen berechnet. Sie haben bessere Bildungschancen – und wer sich um eine feste Anstellung bei Beijinger Behörden oder Unternehmen bewirbt, braucht immer noch einen städtischen «hukou». Für solche Arbeitsplätze kommen Landmenschen mit ihrer schlechten formalen Bildung ohnehin nicht infrage. Gemischte Ehen waren zwar immer erlaubt. Aber welcher Städter, welche Städterin wäre je so dumm gewesen, jemanden vom Land zu heiraten, wenn das gemeinsame Kind dann die Grundschule in einem Dorf besuchen müsste? Diese Bestimmung wurde erst vor zwei Jahren aufgehoben.

Immerhin hungert niemand

Dank dieser Trennung und dem riesigen Angebot an billigen Arbeitkräften geht es der Stadtbevölkerung von Beijing nicht schlecht. Viele alteingesessene BeijingerInnen haben mittlerweile eine von WanderarbeiterInnen gebaute Eigentumswohnung. Und bald werden sie diese mit dem von WanderarbeiterInnen gebauten U-Bahn-Netz schneller erreichen können. Zu Hause kommen sie kaum noch ohne die billigen MigrantInnen aus: Das Kind zur Schule bringen, die alte Mutter im Rollstuhl spazieren schieben, den Platten am Fahrrad flicken, das Auto waschen, von der Küchenabzugshaube das Öl abschrubben oder beim Wohnungsumzug die Möbel schleppen – all das übernehmen die WanderarbeiterInnen für einen Stundenlohn von sechs bis acht Yuan die Stunde gern.

Und wie geht es den WanderarbeiterInnen? Die Familien Zhang und Li wohnen ohne richtigen Vertrag zur Miete. Immerhin in richtigen Steinhäusern, alles andere wäre im Winter aber auch zu kalt. Niemand leidet Hunger. Die NachbarInnen, die es nicht schafften, kehrten wieder in ihre Dörfer zurück, wo sie noch ein Stück Land hatten. So sieht man keine BettlerInnen. Es würde aber sowieso niemand etwas spenden. Die einzige Hoffnung für jemanden in Not besteht darin, dass die Familienangehörigen ihm oder ihr etwas leihen. Sie zahlen der Regierung keine Steuern, haben von ihr aber auch nichts zu erwarten: Nicht mal Polizei ist präsent.

Bedroht fühlen sich Zhang Fuquan und Yang Yan aber trotzdem nicht. Wenn man einmal von den Banden absieht, die Velos verschieben, gibt es keine organisierte Kriminalität. Illegale Drogen sind unbekannt, der am Wegrand wachsende Hanf welkt vor sich hin. In Karaokebars, Duschcentern oder Friseursalons ist zwar die (illegale) Prostitution weit verbreitet, aber ein Grossteil der jungen Frauen geht nach zwei, drei Jahren zurück in ihr Dorf, um zu heiraten oder dort für die Familie ein Haus zu bauen. Soziale Unruhen entstehen meist nur dann, wenn vereinbarte Löhne nicht gezahlt werden. Das betrifft aber weder Zhang Fuquan noch Yang Yans Ehemann, da sie beide «selbständig» sind. Nicht einmal bei der Räumung von Laiguangying und Donghu gab es organisierte Proteste. Es wird auch in Liuniangfu keine geben.

Gemessen an der Beijinger Stadtbevölkerung geht es den WanderarbeiterInnen schlecht. Aber für sie ist der Massstab nicht Beijing, sondern ihre alte Heimat: wo der Grundwasserspiegel auf über 300 Meter Tiefe abgesackt ist. Wo immer jemand direkt neben dem Transformator des Dorfes wohnen muss, da dieser sonst sofort geklaut würde. Wo widerrechtlich enteignet wird. Wo das Pro-Kopf-Einkommen 2000 Yuan im Jahr nicht übersteigt und die BäuerInnen ausserhalb der Erntezeiten wochen-, wenn nicht gar monatelang kein Geld in die Hände bekommen, während die rund vierzig staatlichen Fernsehkanäle hauptsächlich Werbung senden. Die WanderarbeiterInnen sind des Geldes wegen gekommen. Mehr erwarten sie nicht.

Wolf Kantelhardt ist Finanzberater einer deutschen Entwicklungshilfeorganisation; er lebt seit sieben Jahren in der Volksrepublik China.

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