Nr. 32/2008 vom 07.08.2008

Lis Zimmer, Ludwigs Schloss

Am Wochenende beginnen in der chinesischen Hauptstadt die Olympischen Spiele - und alle blicken nur noch auf SiegerInnen und Rekorde. Aber wo und wie leben eigentlich die Millionen, die nicht nur für einen Besuch vorbeikommen?

Von Wolf Kantelhardt, Beijing

Fünf Ringe hat die Stadt, die jetzt die Spiele mit dem Fünfringesymbol beherbergt: fünf Stadtautobahnringe, die sich um das Stadtzentrum zwiebeln. Keiner von ihnen ist der erste, denn die Nummerierung beginnt mit dem zweiten Ring. Dieser hat eine Länge von über 32 Kilometern und liegt dort, wo bis zu ihrem Abriss im Jahr 1965 die Beijinger Stadtmauer lag. Aber nicht nur die gibt es nicht mehr, auch die ursprüngliche einstöckige Bebauung innerhalb dieses Rings mit Hofhäusern (Siheyuan) entlang enger Gassen (Hutong) ist weitgehend verschwunden. Das «alte Peking» gibt es nur noch auf einem Fünftel der vom zweiten Ring eingeschlossenen Fläche.

Der zweite Ring

Im Jahr 1673 kam es um das Haus in der Beijinger Gelbreis-Hutong zu einem Skandal: Jia Jiao, ein konfuzianischer Gelehrter und hoher Beamter der Qing-Regierung, beauftragte Li Yu mit dem Entwurf eines Siheyuan. Dabei war Li Yu nicht nur ein Sympathisant der vorherigen, gescheiterten Ming-Regierung, sondern stand auch im Verdacht, Autor des erotischen Romans «Die fleischerne Bastmatte» zu sein. Li Yu war allerdings auch ein genialer Architekt. Besonders der schlichte Innenhof wurde berühmt dafür, keine zentrale Achse, keine geraden Wege, keine erkennbaren Ein- oder Ausgänge zu haben. Über 300 Jahre lang blieben Spaziergänge im Garten interessant, weil kein Weg dem anderen glich.

1980 jedoch wurde die westliche Hälfte dieses Siheyuan abgerissen und durch ein Regierungsgebäude ersetzt. In der östlichen Hälfte wohnen jetzt etwa fünfzig Familien, zum Teil in den alten Gebäuden, zum Teil in billig errichteten Anbauten, die die ursprünglich offenen Flächen zu schmalen, oft mit Fahrrädern und Gerümpel verstellten Durchgängen verengt haben. Es fällt nur noch wenig Licht in die Fenster, die mit Zeitungen, Stoffresten oder Fliesenstücken abgeklebt sind. Die Nachbarn sollen ja nicht alles sehen.

Li Yueying wohnt hier mit ihrem 26-jährigen Sohn auf zehn Quadratmetern - den Holzverschlag neben der Tür, wo der Gasherd steht, nicht mitgerechnet. «Sag selber, ist das eng oder nicht?», ruft sie und öffnet die Tür. Drinnen hört man jemanden telefonieren. Aber es ist der Nachbar von nebenan, der sich irgendwo erkundigt, was für «Möglichkeiten» es gibt, falls seine Tochter die Aufnahmeprüfung in eine gute Mittelschule nicht schaffen sollte. Im Zimmer ist es vor allem dunkel, und es wird gleich noch dunkler: Li Yueying hängt ihre Wäsche im schattigen Zwischenraum vor der Tür auf. Das Etagenbett, eine überladene Anrichte und ein niedriger Tisch sind im Dunkeln nur zu erahnen.

Der Wasseranschluss befindet sich im Hof, die nächste Toilette liegt draussen und wird von allen BewohnerInnen der Gasse benutzt. Immerhin wurde sie dieses Jahr renoviert. Es gibt nun sogar eine Behindertentoilette - eine grosse Verbesserung für die alten Leute, die aus der Hocke nicht mehr hochkamen und ausser Klopapier immer einen Klappstuhl mitnehmen mussten, in dessen Sitzfläche sie ein Loch geschnitten hatten. Zum Duschen ist es noch weiter, ein paar hundert Meter bis zu einem der öffentlichen Badehäuser an der nächsten grösseren Strasse.

1982 bekam Li Yueying das Zimmer zugewiesen von ihrer Arbeitseinheit in einem grossen Beijinger Hotel, wo sie als Zimmermädchen arbeitet. Der Siheyuan gehört dem Hausverwaltungsamt des Dongcheng-Distrikts. Deswegen kommt niemand, auch nicht Li Yueying, auf die Idee, selber zu renovieren. 120 Yuan, umgerechnet 18 Franken Miete zahlt sie im Monat. Wäre ihr Teil des alten Siheyuan ebenfalls abgerissen worden, hätte sie für ihre zehn Quadratmeter eine Entschädigung von bis zu 700 000 Yuan (rund 105 000 Franken) erhalten. Eine hohe Summe, aber vergleichsweise wenig an so zentraler Lage.

In China gehört der Boden dem Staat. Normalerweise hätte die Bezirksregierung die Nutzungsrechte an eine staatliche Entwicklungsgesellschaft weiterverkauft, und diese wiederum an eine staatliche Bank. So wäre der Quadratmeterpreis auf ein Zehnfaches der Entschädigungssumme gestiegen - ein sehr lukratives Geschäft und der Hauptgrund für das Verschwinden der traditionellen Siheyuan. Inzwischen hat die Beijinger Regierung aber deren touristischen Wert erkannt und die Siheyuan unter Denkmalschutz gestellt. Es gibt sogar ein Restaurationsprogramm - die neue Toilette und die frisch gestrichene Aussenmauer sind der Anfang. Li Yueying sieht der Restauration des Innenhofs aber mit Sorge entgegen: Wird der Siheyuan in seiner ursprünglichen Form wiederhergestellt, müssten die privaten Anbauten verschwinden, womit der Wohnraum noch knapper wird.

Der dritte Ring

Insgesamt 48 Kilometer lang sind die Strassen des dritten Rings. Er umschliesst die nach der Staatsgründung gebauten zwanzigstöckigen Plattenbau-Hochhäuser und berührt an der Kreuzung beim World Trade Center Beijings futuristischen Businessdistrikt mit dem architektonisch abenteuerlichen Gebäude des Staatsfernsehens CCTV.

Nach ihrer Hochzeit im letzten Jahr sind Han Yu und seine Frau Wang Chao im südlichen Teil des dritten Rings in die 56-Quadratmeter-Wohnung gezogen, die sich Han Yu schon vor acht Jahren für umgerechnet 25 200 Franken (450 Franken pro Quadratmeter) gekauft hat. Ein Wohnzimmer und ein Zimmer - Küche und Bad sind winzig. Die beiden finden die Wohnung zu klein. Aber obwohl sie ein Auto - einen Jeep Cherokee - besitzen, wollten sie nicht weiter ausserhalb wohnen, wo sie sich eine grössere Wohnung leisten könnten - wegen der Verkehrsprobleme.

Auch der Kauf einer grösseren Wohnung hier am dritten Ring kommt für sie derzeit nicht in Frage: Zwar verdienen die beiden HochschulabsolventInnen - er als Eigentümer einer kleinen Druckerei, sie als Angestellte einer US-Handelsfirma - zusammen über 1500 Franken im Monat. Aber der Quadratmeterpreis für vergleichbar gelegene grössere Wohnungen liegt inzwischen bei über 2000 Franken. Und Han Yu ist überzeugt, dass die Preise nach den Spielen sinken werden: «Von sechzig seit diesem Jahr verfügbaren grossen Wohnungsprojekten sind zwölf noch ohne einen einzigen Interessenten. Jeden Tag erhalte ich haufenweise Werbe-SMS und auf den Gehwegen Werbeflyer. Das heisst doch, dass sie die Wohnungen nicht mehr losbekommen. In Tianjin fallen die Preise schon», sagt er. Ausserdem habe er schon eine Wohnung und bekomme deswegen nur noch schlechte Konditionen von der Bank: «Bei der ersten Wohnung musste ich noch zwanzig, aber für die zweite müsste ich schon vierzig Prozent der Gesamtsumme selber aufbringen, und auch die Zinsen sind viel höher.»

Der vierte Ring

Am nächsten Ring mit einer Gesamtlänge von 65 Kilometern liegen im Norden das Olympiastadion und ansonsten eine Menge von Autozubehör- und Möbelhandelsfirmen. Im Westabschnitt wohnt Ma Lincheng, der Ehemann von Li Yueying am zweiten Ring. Seine Wohnung liegt im 23. Stock und ist 42 Quadratmeter gross. 1990 wurde sie ihm von seiner Arbeitseinheit zugewiesen, einem staatlichen Autounternehmen, das es mittlerweile nicht mehr gibt. Damals hätte er die Wohnung für 40 000 Yuan (nach heutigem Umrechnungskurs rund 6100 Franken) kaufen können, brachte aber das Geld nicht auf. «Jetzt habe ich keine vollen Eigentumsrechte und kann die Wohnung weder weiterverkaufen noch vermieten. Da habe ich Pech gehabt», sagt er.

Sein Sohn, Manager einer Filiale von Kentucky Fried Chicken, hat endlich eine Freundin. Mit ihr möchte er die Hutong-Wohnung am zweiten Ring gerne alleine bewohnen. Darum wird Li Yueying bald zu ihrem Mann ziehen, obwohl dessen Einzimmerwohnung ihrer Ansicht nach dafür zu klein ist. Nichts zu machen: Das Ehepaar erhält zusammen 1600 Yuan (240 Franken) Rente im Monat, und damit eine grössere Wohnung zu kaufen, ist aussichtslos. In Ma Linchengs unverkäuflicher Wohnung haben sie pro Kopf zu viele Quadratmeter, um bei der Regierung ein Lianzhufang (eine Sozialwohnung mit niedriger Miete) oder ein Jingji shiyongfang (eine Sozialwohnung mit niedrigem Kaufpreis) beantragen zu können. Abgesehen davon liegen diese Sozialwohnungen in der Nähe des fünften Rings, wo sie als alteingesessene BeijingerInnen nicht wohnen wollen.

Der fünfte Ring

Noch länger ist das Schnellstrassenoval des fünften Rings: 99 Kilometer. Auf seinen beiden Seiten wohnen die meisten der rund fünf Millionen WanderarbeiterInnen, die vom Land nach Beijing zogen.

Einer von ihnen, er trägt sogar eine der im Westen als «Mao-Anzug» bezeichneten blauen Jacken, ist der ehemalige Shandonger Bauer Liu Zhijun. Unter der zum Anzug passenden blauen Schirmmütze schaut ein tiefbraunes Gesicht hervor, an dem alles eingefallen scheint: Die Wangen sind nur runzelige Haut, die Augen liegen in tiefen Höhlen. Liu Zhijun, 72 Jahre alt, sieht, spindeldürr wie er ist, aus wie eine Mumie.

Jeden Morgen um halb sieben macht er sich von seinem zwölf Quadratmeter grossen Verschlag in der Nähe des fünften Rings, den er für 42 Franken im Monat gemietet hat, auf den Weg ins Stadtzentrum, um nach Wiederverwertbarem zu suchen. Über zwei Stunden benötigt er auf seinem Lastfahrrad für die fünfzehn Kilometer lange Strecke. Für den Rückweg, wenn er Holz, Pappe, Styropor, Metallteile, leere Plastikflaschen und alte Elektrogeräte mit löchrigen Fahrradschläuchen auf der Ladefläche festgeschlungen hat, braucht er noch länger.

Tagsüber durchsucht Liu Zhijun städtische Mülltonnen. Zu jenen von privaten Wohnanlagen oder Bürohäusern wird er nicht vorgelassen - dazu müsste er sich die Erlaubnis beim Wach- oder Reinigungspersonal erkaufen. «Das rechnet sich nicht», sagt er, der rund hundert Franken im Monat verdient. Seine Frau und er sind jedoch nicht wegen der Verdienstmöglichkeiten aus ihrem Dorf in der Provinz Shandong nach Beijing gekommen. Sie mussten vielmehr Platz machen: Ihr Sohn war über dreissig und sollte endlich heiraten. Aber in den Dörfern herrscht Frauenmangel. «Ohne Haus, wie soll das gehen?», fragt Liu Zhijun.

Nun ist Liu Zhijun trotz seines hohen Alters täglich über zehn Stunden unterwegs. Es ist ihm anzusehen, wie müde er ist. Ganz im Gegensatz zu seinem Vermieter: Der hat als ehemaliger Beijinger Bauer ohne offizielle Baugenehmigung auf seinem Feld ganze Strassenzüge mit niedrigen Verschlägen auf beiden Seiten erbaut. Von den Mieteinnahmen lebt er jetzt sehr gut - vormittags um elf Uhr ist er noch im Schlafanzug anzutreffen. Das ehemalige Dorf ist durch teils legale, teils illegale Landverkäufe sowohl an staatliche wie an private Bauherren reich geworden. Die ehemaligen Beijinger BäuerInnen erhalten wie die städtischen ArbeiterInnen unter Mao Zedong kostengünstig Wohnraum zur Verfügung gestellt und eine kostenlose medizinische Grundversorgung - Leistungen, von denen die neue Stadtbevölkerung nur träumen kann.

Der sechste Ring

Ganz aussen führt eine gebührenpflichtige Autobahn von 188 Kilometer Länge um die Stadt. Sie verbindet die fünf Satellitenstädte Changping, Shunyi (in der Nähe des Internationalen Flughafens), Tongzhou, Fangshan und Mentougou miteinander. An ihr wohnen reiche Beijinger Leute und AusländerInnen in grosszügigen Villenanlangen. Diese liegen zwar weit draussen, sind aber durch die Ausfallstrassen verkehrstechnisch gut angebundenen.

Hier ist für jeden Geschmack etwas dabei: Schottische Landhäuser mit Natursteinkamin, weiss gekalkte spanische Haziendas und für TräumerInnen eine Nachbildung des bayrischen Schlosses Neuschwanstein. Das Gebäude ist um 8.30 Uhr schon geöffnet. Zwei Wachposten verbeugen sich und fragen nach den Wünschen. Die für den Verkauf zuständige Angestellte ist noch nicht da, es wird ein bequemer Sessel angeboten. Nach zehn Sekunden wird Tee gebracht - schwarzer Beuteltee, kein Grüner. Noch einmal zwanzig Sekunden später ist die Angestellte da und stellt sich als Hao Lu vor - ihr Vorname bedeutet «Exquisite Jade».

Sie erläutert die Anlage, die auf der asiatischen Baumesse von 2008 den Goldenen Preis für Villenarchitektur erhielt: Das Konferenzzentrum, also das eigentliche Schloss (mit Hotel, Supermarkt, Cafés und Restaurants, Business- und Fitnesscenter, Massagesalon, Musikbar, Schwimmbad, Kino) und die dazugehörigen über 600 Villen im passenden Stil. Hao Lu legt Grundrisse vor: Die kleinsten Villen haben eine Fläche von 417 Quadratmetern. Im Keller: Garage, Gymnastikraum, Spielzimmer, Bedienstetenunterkunft, Heimkino. Neben dem Eingang liegt der über zwei Stockwerke gehende Empfangsraum. Im Erdgeschoss: zwei Schlafzimmer, Wohnzimmer, Kinderzimmer, draussen ein Gartenpavillon. Im zweiten Stock, unter dem Dach, eine kleine Halle: Masters Bedroom. Alles zusammen für 750 000 Franken ohne Innenausbau.

Die 55 Villen der ersten Bauphase sind alle verkauft. An ChinesInnen. «Bisher kamen noch nicht so viele Ausländer», sagt Hao Lu. In einer zweiten Phase entstehen 581 weitere Villen - und ein zwanzig Hektar grosser Park samt künstlichem See. Der Verkauf läuft gut, denn die Villen sind für Beijinger Verhältnisse noch billig: Es gibt auch solche, die mehr als das Zehnfache kosten.

Zum Abschied überreicht «Exquisite Jade» einen in Seide eingebundenen Bildband der Villenanlage. «Giganten der Geschäftswelt, Eliten der Epoche, mit Blick auf die Würde des Individuums und noblem Gehabe, demonstrieren hier die Ritterlichkeit des neuen kommerziellen Zeitalters», heisst es darin, denn: «Hier verharrt der Blick, aufgrund des Staunens über und des Unterwerfens unter das absolut Schöne. Weitergeben und fortführen, beruhend auf Vergötterung und Fortführung der Klassik. Schwanenburg, Burgarchitektur, die zuvorkommende Behandlung eines Königs, stammend aus dem Ideal der europäischen Stadtstaaten, vom selben Ursprung wie das reine Blut des europäischen Adels ...» Dann doch lieber die «fleischerne Bastmatte».

In der klassenlosen Gesellschaft, die das sozialistische China offiziell anstrebte, gab es in Zügen und auf Schiffen keine erste Klasse. Vielleicht hat Beijing deshalb keinen ersten Ring. Auch auf der Website der Neuschwanstein-Villenanlage (www.tianebao.com) steht: «Nicht nach Reichtum bewerten, nicht nach Position oder Klasse trennen.» Doch der Satz hat noch eine zweite Hälfte: «Genuss ist die den Anwohnern gemeinsame Wertanschauung.»

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Überweisung

PC-Konto 87-39737-0
BIC POFICHBEXXX
IBAN CH04 0900 0000 8703 9737 0
Verwendungszweck Spende woz.ch