Nr. 05/2008 vom 31.01.2008

«Eine verdammt leistungsfähige Kampfmaschine»

Von Roman Schürmann

Sowohl in Emmen als auch in Altenrhein scheitern die Versuche, in der Schweiz einen eigenen Kampfjet zur Serienreife zu bringen. Immerhin die Flügel des P-16 werden aber über 2000-mal gebaut. Das kommt so: Nachdem der P-16 für die Schweizer Armee aus dem Rennen ist, fragen die Flug- und Fahrzeugwerke AG (FFA) im Februar 1960 den Testpiloten Bill Lear an, ob er ihren tollen Kampfjet fliegen möchte. Er will und startet am 17. März in Altenrhein zu seinem ersten von insgesamt fünf Flügen. Falls er mit guten Nachrichten zurückkommt, ist dies für die FFA eine brauchbare Referenz, um ihren Jet doch noch loszuwerden.

Bill Lear junior ist eine illustre Figur. 1946 kauft er sich als Siebzehnjähriger eine Lockheed P-38 Lightning, das zu diesem Zeitpunkt beste Kampfflugzeug der US-Army. Er ist bis heute der jüngste Pilot, der diese Maschine je geflogen ist. Später wird er wirklich Pilot in der US-amerikanischen Luftwaffe, ist dann aber bis zum Ende des Kalten Kriegs vorwiegend in Osteuropa für die CIA und andere Geheimdienste aus den USA, Frankreich und Grossbritannien unterwegs. Von 1985 bis 1990 gibt er sich etwa als Schweizer Waffenhändler aus.

In seiner im Jahr 2000 erschienenen Autobiografie «Fly Fast ... Sin Boldly. Flying, Spying & Surviving» (etwa: «Fliege schnell ... sündige kühn. Fliegen, spionieren und überleben») erinnert sich Bill Lear, wie er sich im P-16 «wohl und daheim gefühlt hatte». «Den P-16 zu fliegen war nicht nur ein Vergnügen, ich entdeckte auch, dass [FFA-Chefingenieur] Dr. [Hans] Studer eine verdammt leistungsfähige Kampfmaschine gebaut hatte.» Die Tatsache, dass dieser tolle Vogel von den Schweizern verschmäht worden ist, erklärt Bill Lear mit den unfähigen Testpiloten, die viel zu wenig Erfahrung gehabt hätten. Jean Brunner, der Testpilot, der den zweiten P-16 in den Bodensee stürzen liess, kommentiert im Jahr 2002: «Nachsichtig schmunzle ich über Deine Bemerkungen über die P-16-Geschichte von Deinen fünf Flügen. Da ist leider vieles zu beanstanden und die Qualität der Informationen zeigt 42-jährige Lücken.»

Und die P-16-Flügel? Bill Lear junior ist von den FFA ebenso begeistert wie sein Vater. Bill Lear senior (1902-1978) hat in den späten Zwanzigern gemeinsam mit Elmer Wavering das erste praktikable Autoradio namens Motorola erfunden und sucht jetzt einen Ort, wo er seine Ideen für ein Geschäftsflugzeug realisieren kann. Auch wegen der günstigen Wechselkurse zieht er 1960 nach Altenrhein und gründet die Swiss-American Aviation Company (SAAC). Zusammen mit dem FFA-Team um Hans Studer wird in den nächsten Jahren der düsengetriebene SAAC-23 entwickelt, dessen Flügel- und Tragflächenkonstruktion ziemlich direkt vom P-16 stammen.

Bevor die Serienproduktion anläuft, kommt es 1962 zum Streit zwischen Lear und FFA-Chef Claudio Caroni. Die genauen Umstände sind heute wohl nicht mehr definitiv zu klären, beide Seiten schieben sich gegenseitig die Schuld zu. Auf jeden Fall heuert Lear ein Team an, das bei Cessna Erfahrungen im Bau von Flugzeugen gesammelt hat. Er bricht den in Altenrhein begonnenen Bau eines Prototypen ab und beginnt statt in der Schweiz in Wichita im US-Bundesstaat Kansas die Serienherstellung. Am 7. Oktober 1963 startet der erste Learjet 23, wie der SAAC-23 jetzt heisst, und damit die lange Geschichte des ersten in Grossserie gefertigten Businessjets; vom Learjet werden weit über tausend Stück gebaut. Und damit eben mehr als 2000 P-16-Flügel.

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