Nr. 07/2008 vom 14.02.2008

Die Herren des weissen Staubs kehren zurück

Asbest schadet nicht der Gesundheit. Diese Meinung vertritt die Internationale Asbestarbeitergewerkschaft Chrysotil. Dem Gewerkschaftsbund Bau- und Holzarbeiter Internationale stösst das sauer auf, er fordert endgültig ein weltweites Verbot der giftigen Faser.

Von Maria Roselli, Wien

Die Provokation war perfekt: Als sich letzte Woche achtzig Delegierte des Gewerkschaftsbundes Bau- und Holzarbeiter Internationale (BHI) in Wien trafen, um ihre Kampagne für ein weltweites Asbestverbot voranzutreiben, tagten zugleich im selben Konferenzzentrum abtrünnige GewerkschafterInnen - mit dem exakt entgegengesetzten Ziel. Sie waren zusammengekommen, um eine weltweite Pro-Asbest-Kampagne zu lancieren. Rund zwanzig GewerkschaftsführerInnen aus den drei führenden Förderländern Russland, Kasachstan und Brasilien waren der Einladung der Internationalen Asbestarbeiter-Gewerkschaft Chrysotil gefolgt - eine offenkundige Kampferklärung an die Adresse der BHI.

Seit 2005 in der EU verboten

Mehr als 100 000 ArbeiterInnen sterben jährlich weltweit an asbestbedingten Krankheiten. Deshalb ist das Mineral (vgl. Text unten: «Von der Wunderfaser zum Lungengift») seit 2005 innerhalb der EU verboten. Von den 193 Mitgliedstaaten der Weltgesundheitsorganisation (WHO) haben sich bisher aber nur rund 40 Staaten für ein Asbestverbot ausgesprochen. Und vor allem in Russland und vielen asiatischen Staaten ist Asbest weiter auf dem Vormarsch: Anfang 2007 lagen neunzig Prozent der Länder, in denen der Asbestverbrauch am stärksten wächst, in diesen Regionen (vgl. Text unten: «Anstieg des asiatischen Asbestverbrauchs»). Dabei geht es um Weissasbest, das sogenannte Chrysotil, die einzige der fünf existierenden Asbestarten, die noch abgebaut wird.

Der führende Kopf der Pro-Asbest-Gewerkschaftsbewegung ist der Russe Boris Schoschenko. Der Präsident der russischen Baugewerkschaft - und enger Freund und Berater des russischen Präsidenten Wladimir Putin - hat sich 2006 dem Lager der BefürworterInnen angeschlossen. Seither fliegt er um die Welt, um neue AnhängerInnen zu gewinnen. Bisher allerdings mit mässigem Erfolg: Nur 3 der 350 BHI-Gewerkschaften haben sich bisher hinter ihn gestellt.

An ihrer Konferenz in Wien versuchte die Chrysotil-Gewerkschaft gegen die BHI Stimmung zu machen: Diese ignoriere die neusten wissenschaftlichen Erkenntnisse, die klar beweisen würden, dass Weissasbest der Gesundheit nicht schade. Zudem könne heutzutage Asbest mit Hilfe neuer Technologien «kontrolliert und sicher» verarbeitet werden. Die Forderung nach einem weltweiten Verbot sei ein «Dolchstoss in den Rücken der GewerkschafterInnen der Chrysotilindustrie» und stürze Millionen von Menschen ins Verderben. Denn mit einem Asbestverbot würden Hunderttausende von Arbeitsplätzen vernichtet.

Schoschenko forderte die BHI zudem auf, die Position seiner Gewerkschaft zu prüfen und «mit unabhängigen Wissenschaftlern an einem runden Tisch das Verbot zu diskutieren» - eine Forderung, auf die sich die TeilnehmerInnen der BHI-Konferenz nicht einlassen wollten. Der Präsident der BHI, Klaus Wiesehügel, kommentierte Schoschenkos Vorstoss mit einem einzigen Satz: «Diese Leute suchen die Konfrontation, wir werden uns aber nicht provozieren lassen.»

Der Auftritt der Chrysotil-Gewerkschaften in Wien ist besorgniserregend. Die vielen Hochglanzbroschüren der Pro-Asbest-Kampagne und der Pomp, von dem die Konferenz begleitet wurde, lassen auf eine gefüllte Propagandakasse schliessen.

Seit über einem halben Jahrhundert verwendet die Asbestlobby dieselben Methoden, um die Produktion des Minerals weiter zu fördern und um neue Märkte zu erschliessen. Das Einspannen von GewerkschafterInnen ist nur eines der verwendeten Mittel, um in die Politik einzugreifen und so drohende Asbestverbote zu verhindern - oder zumindest um Jahre hinauszuzögern. Eine weitere Praxis ist die Veröffentlichung vermeintlich wissenschaftlicher Studien: Diese werden bei konzerneigenen oder branchennahen Instituten in Auftrag gegeben, welche die erwünschten Ergebnisse liefern.

Eine Enthaltung

Annie Thébaud, Leiterin des französischen Forschungsinstituts für Arbeitsmedizin Insern, hat einige Studien unter die Lupe genommen: «Sie gehen von der These aus, wonach Asbestfasern schon nach wenigen Wochen vom Körper abgebaut würden» - was aber nicht stimme. «Unter Wissenschaftlern herrscht ein internationaler Konsens, demzufolge Weissasbest krebserregend ist.» Die gesundheitsschädigende Wirkung sei längst durch zahlreiche Studien belegt. Für Igor Fedotow, Asbestexperte bei der Internationalen Arbeitsorganisation ILO, ist deshalb klar: «Die einzig wirksame Prävention gegen Asbestkrebs ist ein weltweites Verbot.» Auch die GewerkschafterInnen der BHI vertreten diese Meinung. Deshalb haben sie in Wien eine Resolution verabschiedet, in der sie ein weltweites Verbot fordern. Nur einer enthielt sich der Stimme: Boris Schoschenko. Er erlaubte sich, an beiden Konferenzen gleichzeitig teilzunehmen.

Die Rotterdam-Konvention

Doch wie kann das Asbestgeschäft in den Entwicklungs- und Schwellenländern gestoppt werden? Ein wichtiger Schritt im Kampf gegen Asbest wäre seine Aufnahme in die Liste der sogenannten Rotterdam-Konvention, wie dies die langjährige Koordinatorin der Internationalen Anti-Asbestvereinigung (IBAS) Laurie Kazan-Allen an der BHI-Konferenz forderte. Die Konvention regelt den internationalen Handel von gefährlichen Chemikalien und Pestiziden. Gemäss dem Abkommen erfordert der Export der aufgelisteten Stoffe eine Bewilligung der importierenden Länder. Damit erhalten die Staaten die Möglichkeit, gefährliche Stoffe von ihrem Land fernzuhalten.

Würde Weissasbest tatsächlich in die Liste der Rotterdam-Konvention aufgenommen - in der die vier anderen gefährlichen Asbestsorten bereits aufgeführt sind - würde dies für die kanadische Asbestindustrie das Aus bedeuten. Kanada exportiert rund 97 Prozent seines Weissasbests. So ist der Versuch, Asbest in die Rotterdam-Liste aufzunehmen, bisher am kanadischen Veto gescheitert.

Für dieses Jahr haben die Mitgliedstaaten der Rotterdam-Konvention einen neuen Versuch geplant, Weissasbest endlich in die Liste der toxischen Substanzen aufzunehmen. Doch die Zeichen stehen schlecht. Abgesehen von der kanadischen und russischen Asbestlobby will nun auch Indien, gestützt auf eine neue Risikostudie, seine Position überdenken - finanziert wird diese Studie einmal mehr durch Beiträge der Asbestindustrie.

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