Nr. 08/2008 vom 21.02.2008

Die entzauberte Nuss

Dass Treibstoffe aus Biomasse Unsinn sind, hat sich mittlerweile herumgesprochen. Nun taucht eine Pflanze auf, die nur Vorteile haben soll. Ein Wundermittel?

Von Marcel Hänggi

Jung und selbstbewusst lacht Elsa Pellet vom ganzseitigen Foto. Das «Pro Natura Magazin» hat die Studentin der ETH Lausanne porträtiert als eine, die sich gegen den Klimawandel engagiert: Sie hat ein Büchlein über die Ölfruchtpflanze Jatropha curcas geschrieben, die «beste der Energiepflanzen».* In einer Art Vorspann zum Büchlein tritt ein Skeptiker auf: «Na, übertreib mal nicht, wir kennen all die Mediencoups, mit denen wieder ein neues Wundermittel versprochen wird ...» Worauf die Autorin antwortet: «Und doch ist es wahr.»

Energiewundergeschichten haben Konjunktur in Zeiten des Klimawandels (vgl. unten: «Thermodynamischer Hokuspokus»). In Zurzach soll sich ab 2009 eine Anlage am Wunder beteiligen und pro Jahr 130 Millionen Liter Diesel produzieren, zu einem Viertel aus Raps, zu drei Vierteln aus Jatropha. Das Baugesuch ist eingereicht.

Auch Klaus Becker von der Uni Hohenheim - es heisst, er sei der beste Jatropha-Kenner im deutschen Sprachraum - schwärmt. In einem Interview mit n-tv sagt die Journalistin: «Was man über die Jatropha hört, klingt sehr nach Wunderpflanze.» Darauf Becker: «Das ist sie ja auch.» Allerdings ist Becker nicht neutral: Sein Geldgeber ist der Automobilkonzern DaimlerChrysler, und Becker sagt offen: «Für DaimlerChrysler ist unsere Forschung eine wichtige Werbeaktion.»

Win-win-win-win?

Jatropha curcas, deutsch Purgiernuss, verspricht den Ausweg aus einem Dilemma. Energieträger aus Pflanzen könnten theoretisch CO2-neutral sein. Doch die landwirtschaftliche Praxis - der energieintensive Einsatz von Agrarchemie und Landmaschinen - lässt nicht viel vom Klimavorteil übrig. Zudem bedrängt der Energiepflanzenboom den Nahrungsmittelanbau, und auch ein grosser Teil des Raubbaus an tropischen Wäldern geht auf sein Konto.

Jatropha dagegen gedeiht in Tropen und Subtropen auf Böden, die so karg sind, dass dort keine Nahrungspflanzen gedeihen. Statt den Nahrungsmittelanbau zu konkurrieren, macht sie neue Flächen nutzbar. Und sie hat viele weitere Vorteile: Weil sie giftig ist, wird sie nicht von Weidetieren gefressen. Sie ist sehr resistent gegen Parasiten und muss nicht gespritzt werden. Sie kann ohne Bewässerung drei Dürrejahre überleben. Sie schützt die Böden vor Erosion. Das Abfallprodukt der Ölpressung ist ein proteinreicher Biodünger. Sie bietet vor allem Menschen in armen Ländern Verdienstmöglichkeiten.

Gut fürs Klima, gut für die Energieversorgung, gut gegen Armut und gut für den Boden? Für viele ExpertInnen ist es noch zu früh für abschliessende Bewertungen. William Dar, Generaldirektor des internationalen Agrarforschungsinstituts für semiaride Tropenregionen Icrisat, sagt, man wisse noch erstaunlich wenig über Jatropha. An der Universität Wageningen arbeiten ein paar Doktoranden daran, die Empa St. Gallen erstellt eine Jatropha-Bilanz. Und eine Studie über Treibstoffe aus Biomasse im Auftrag der mexikanischen Regierung schrieb Ende 2006: «Für Jatropha braucht es noch bessere Kenntnisse.»

Multis und Kleinkooperativen

Franziska Müller-Langer, eine der Autorinnen der Mexiko-Studie, teilt die Euphorie nicht ganz: «Man muss Jatropha als eine Pflanze für lokale Anwendungen im Kleinen sehen, für Lampenöle, Seifen und Ähnliches. Da ist sie sehr sinnvoll. Aber im grosstechnischen Massstab kann es schnell in eine ungewollte Richtung gehen.»

Einige rechnen aber bereits in grossen Massstäben. Der Erdölriese BP und die britische D1 Oil investieren 69 Millionen Franken in Anbau und Verarbeitung von Jatropha. Indien will 11 Millionen Hektar karges Land zum Anbau von Jatropha nutzen, Burma 200 000 Hektar. Green Bio Fuel Switzerland AG will für ihre geplante Anlage in Zurzach Jatropha-Rohöl in Moçambique kaufen, Verhandlungen werden auch in Ghana und Tansania geführt. ProduzentInnen wären kleinbäuerliche Genossenschaften. «In Moçambique gibt es Kooperativen, die haben 10 000 Hektar Land», sagt Ulrich Frei, Sprecher der Green Bio Fuel. «Die suchen regelmässig nach neuen Produktionsmöglichkeiten. Der Ertrag pro Fläche ist kein Kriterium, weil das Land ja sonst ungenutzt bliebe.» Auf ihrer Website schwärmt die Firma: «Eine Jatropha-Plantage von 800 000 Hektar könnte den gesamte Schweizer Dieselverbrauch von 1,8 Milliarden Litern jährlich decken.»

Magere Ausbeute

Mit anderen Worten: Man müsste eine Fläche mit Jatropha bebauen, die einem Fünftel der Schweiz entspricht, um nur den einheimischen Dieselbedarf zu decken (der mittlerweile bei über zwei Milliarden Litern liegt). Erreicht Indien sein Ziel von elf Millionen Hektar, so könnte mit dem Jahresertrag nur etwa ein Tag des Welt-Erdölbedarfs gedeckt werden. Dabei sind die Flächenertragszahlen sehr ungewiss.

Die Ölfrüchte können nicht maschinell geerntet werden. Das kann ein Vorteil sein, denn das schafft Arbeitsplätze, je nach Schätzung zwischen 0,25 und 1 Arbeitsplatz pro Hektar. Aber damit ist Jatropha auch hart an der Grenze des ökonomisch Machbaren. Erntet ein Landarbeiter 2000 Liter pro Hektar, so ergibt das bei den derzeitigen Preisen einen Bruttoumsatz von rund drei Dollar pro Person und Tag. Dazu kommt, dass sich karge Böden oft weit entfernt von besiedeltem Gebiet befinden. Das bedeutet sehr lange Arbeitswege, auf denen das Trinkwasser für den Arbeitstag mitgeschleppt werden muss. Für Mexiko kommt die genannte Studie in einer «sehr groben Abschätzung» zu dem ungünstigen Resultat, dass die Produktion eines Liters Jatropha-Diesel 2,60 US-Dollar kosten würde. Der Energieertrag liegt bei zwei Kilowatt pro Hektar. Das spanische Solarkraftwerk Andasol 1, das diesen Sommer ans Netz geht, bringt hundert Kilowatt pro Hektar.

Der Empa-Praktikant Simon Gmünder, der in Indien über Jatropha forscht, sagt: «Eine pauschale Aussage, 'Jatropha ist umweltfreundlich', kann nicht gemacht werden.» Die Ökobilanz hänge entscheidend von den Anbau- und Verarbeitungsbedingungen ab. «Wird Jatropha tatsächlich auf kargen Böden in semi-ariden Regionen angebaut, sind die Erträge klein, und es muss unter Umständen viel bewässert und gedüngt werden, was wiederum die Umwelt belastet.»

Klimapolitische Augenwischerei

Doch selbst wenn Jatropha das Wundermittel wäre: Weshalb in der Schweiz produzieren? Beispielsweise in Ghana selbst ist eine Jatropha-Dieselanlage in Bau. Für die Schweiz spreche, dass man dort eine den Normen entsprechende Dieselqualität garantieren müsse, sagt Frei von Green Bio Fuel. Zudem müsse die Schweiz ihre CO2-Reduktionsverpflichtungen einhalten, wozu Jatropha einen Beitrag leisten könne.

Nur: Global betrachtet, ist es unerheblich, wo CO2 eingespart wird. Einen Erdölersatzstoff zu importieren aus einem Land, das selbst Erdöl importiert, ist ökonomischer und ökologischer Unsinn - egal, wie gut das Öl ist. Ja, es ist überhaupt nicht damit zu rechnen, dass Jatropha Erdöl ersetzt. Derzeit vermag die weltweite Erdölindustrie weniger zu liefern, als nachgefragt wird. Ein solcher Markt saugt alles auf, was zusätzlich an Öl produziert wird. Jatropha wird nicht anstelle von fossilem Diesel konsumiert, sondern zusätzlich zu diesem.

Dabei entsteht ein Markt, der schnell die Vorteile der Purgiernuss zunichte machen könnte: Diese wächst auf kargen Böden - aber nicht nur. Wenn LandwirtInnen damit mehr verdienen können als mit Nahrungsmitteln, werden sie Jatropha auch auf guten Böden anbauen. Das sei tatsächlich der Fall, sagt Roman Herre vom Food-First-Informations- und Aktionsnetzwerk: «Die derzeitige Expansion ist nicht auf karge Flächen fokussiert. Gerade in Afrika, aber auch in Indien oder Brasilien wird Jatropha auf Flächen angebaut, die von Nomaden oder KleinbäuerInnen genutzt wurden und die nun verdrängt werden.» Simon Gmünder ergänzt: «In Indien sprechen alle von 'unfruchtbarem Land', aber was ist das? Oft sieht man Leute, die sich auf 'unfruchtbarem Land' eine Existenz aufgebaut haben.» Auch in Moçambique werde Jatropha nicht nur auf kargen Böden angebaut, berichtet die jüngste Ausgabe des Journals von Uniterre.**

Vielleicht sind dank Jatropha-Öl AutofahrerInnen mit besserem Gewissen unterwegs, und die nationalen CO2-Werte sinken. Insgesamt allerdings gewinnt das Klima dabei nichts, denn die CO2-Emissionen werden lediglich auf der Welt herumgeschoben. Lokal gedacht, globalisiert gehandelt.

Energietechnik

Thermodynamischer Hokuspokus

Energie ist eine schwierige Sache. Erst um 1850 hat sich der Begriff in der Physik durchgesetzt. Damals wurde verstanden, dass Wärme, Licht, Bewegung oder Elektrizität verschiedene Formen ein- und desselben sind. Mit den ersten beiden Hauptsätzen der Thermodynamik wurden die grundlegenden Energiegesetze formuliert.

Natürlich kennen alle Naturwissenschaftler und Ingenieurinnen diese Gesetze. Aber für Laien ist das Verständnis immer noch schwierig. Da ist die Versuchung gross, an Märchen zu glauben. Dabei würde ein wenig Rechnen oft helfen, die Realität zu bewahren. Drei Beispiele konnten die LeserInnen einer Schweizer Zeitung in den letzten zwei Monaten lesen. Keine Falschmeldungen - und doch Märchen.

Das erste hiess: Treibstoff gewinnen aus CO2: Ein Schadstoff wird plötzlich zum Rohstoff. Genial? Samuel Stucki vom Paul-Scherrer-Institut relativiert die Meldung: Er habe vor zwanzig Jahren die Idee entwickelt, Wasserstoff und Kohlenstoff mittels eines Elektrolyseverfahrens zu Methanol zu binden. Der Kohlenstoff würde der Luft in Form von CO2 entzogen. Die Energie dazu liefert ein Solarkraftwerk. Das ist energetisch ein Verlustgeschäft, weshalb es falsch wäre, das als Energiequelle zu verstehen. Aber Methanol lässt sich, im Gegensatz zu Strom, speichern, und die Speicherbarkeit war das Ziel von Stuckis Überlegungen. Als Verfahren zur Reinigung der Atmosphäre von CO2, sagt Stucki, sei das nicht geeignet.

Das zweite: In Arizona hat die Firma Greenfuel eine Pilotanlage gebaut. Neben einem Erdgaskraftwerk liegt eine Algenplantage. Die Algen sollen 80 Prozent des CO2, das das Gaskraftwerk produziert, schlucken. Aus den Algen kann biogener Treibstoff hergestellt werden, mit denen man dann wieder Autos betanken könnte. Würde der Algentreibstoff wieder im Kraftwerk verbrannt, durchliefe ein Kohlenstoffatom den Kreislauf im Schnitt fünfmal, bevor er in die Atmosphäre gelangte, und gäbe jedes Mal Energie ab. Genial? Das Gute am Algentreibstoff ist wiederum seine Speicherbarkeit. Aber die Anlage ist weit davon entfernt, eine Wundermaschine zu sein: Aus den Herstellerangaben lässt sich eine Energieausbeute von 12 Kilowatt elektrische Leistung pro Hektare errechnen. Solarthermische Anlagen bringen achtmal so viel.

Das dritte war die Meldung eines Gehkraftwerks. Ums Bein gebunden, soll ein 1,5 Kilogramm schwerer Generator 100 Watt liefern. Damit müsste man neunzig Minuten gehen, um ein Tausendstel des durchschnittlichen Schweizer Pro-Kopf-Tagesbedarfs an Energie zu produzieren. Das Gerät kommt also nur für Kleinanwendungen infrage. Aber wer trägt freiwillig einen Klotz am Bein, nur um sein Handy aufzuladen? Das Märchen entpuppt sich als eine Erfindung, die nur für militärische Anwendungen taugt.

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