Nr. 20/2008 vom 15.05.2008

Nichts als Ärger mit den Ladys

Jürg Beeler verschenkt die wirklich interessanten Geschichten. Sein Roman ist trotzdem lesenswert: eine Liebesgeschichte und viel feinsinnige Melancholie.

Von Maike van Schwamen

Johannes Windspiel ist kein Verführer. Die Frauen laufen ihm einfach zu, und er ist zu schwach oder zu gleichgültig, um sie abzuweisen. Seine Ehe mit Eva-Maria, die ihn, den Tenorsaxofonspieler, vor die Tür gesetzt hat, war eigentlich ein Missverständnis. Von Elena, seiner Mailänder Zufallsbekanntschaft, lässt er sich zwar abschleppen, schläft dann aber auf ihrem Sofa ein. Die spöttische Finnin Kaija, die er nach Jahren in der Toskana zufällig wieder trifft, lädt er zum Abendessen in die Ferienvilla seiner abwesenden Geliebten ein und später ins Bett, obwohl sie ihm zuwider ist. Und als die Geliebte Isabel den mittellosen Schweizer aus ebendieser Villa rauswirft, trauert er vor allem der Dolce Vita finita nach.

Ein Teebeutel von Mann

Johannes Windspiel hat den Blues, und er spielt ihn der Kellnerin Angelina auf dem Tenorsax vor, Gershwins «Oh Lady, Be Good!». Denn die Ladys sinds, die Windspiel zu schaffen machen, übrigens nicht nur ihm, sondern auch seinem Onkel Alessandro Ducino, dem Ehemann von Isabel, der mit seinem Neffen nicht nur die Frau, sondern auch die Rolle des Erzählers teilen muss. Im zweigleisig gespurten Roman sind die Frauen die Starken, die Fernen, die Undurchsichtigen. Dass sie alle von ihren Ehemännern betrogen werden, behandeln die Erzähler Windspiel und Ducino mit Understatement. Beide leiden am ewig lockenden Weib, und einzig die Kellnerin Angelina - ihr Name scheint Programm - bleibt während des ganzen Romans sanft und rein. Ausser ein paar tröstenden Worten hat sie allerdings auch nicht viel zu sagen.

Beelers Protagonistenwahl ist schwer nachvollziehbar. Was, bitte, soll so spannend sein an Windspiel, dass er eine Hauptrolle verdient? Er ist ein Mensch, der sich gern selbst beobachtet und sich dabei auch ein bisschen selbst bemitleidet. Er scheint nicht allzu viel zu erwarten und lebt nach dem Motto: Nichts lässt sich ändern. Wozu also den Liegestuhl verlassen? Zu Recht nennt ihn sein Onkel einen «Teebeutel von Mann».

Als sich der Saxofonist vor Jahren von Drogen und Publikum verabschiedet hatte, erklärte er allen, er sei «sein eigener Solist geworden». Nur so gelinge es ihm, mit seinem Tenorsax «die Stille, die Leidenschaft einzufangen». Aber welche Leidenschaft? Der Fünfzigjährige erscheint viel zu phlegmatisch, um Leidenschaft leben zu können. Er schwebt durchs Leben wie ein rauchiger Blues und wiederholt sich dabei wie ein ewiger Chorus. Seine «tale of woe», wie es in «Oh Lady, Be Good!» heisst, seine ganz persönliche Leidensgeschichte, adressiert er, in Kehrreimen mit Variationen, an die Geliebte Isabel und an Angelina. Seine Kapitel heissen konsequenterweise Chorus, von eins bis acht.

Turmzimmer in der Tiefebene

Nach dem Tod seiner Mutter findet Johannes Windspiel 27 Briefe mit verstörendem Inhalt: Die Mutter hatte, jung verheiratet, einen spanischen Geliebten, der sich in seinen Briefen als Johannes' Vater ausgibt - was den Saxofonspieler, der sich bislang für einen Abkömmling galizischer Kerzenmacher hielt, verständlicherweise wenig begeistert. Mit fünfzig fühlt er sich «zu alt, mir einen neuen Vater aufzuhalsen», zumal er sich dem Charmeur und Lebemann, der bisher sein Vater war, eng verbunden fühlte. Doch mehr als wieder einmal die Selbstmitleidstour zu fahren, fällt Johannes Windspiel auch hierzu nicht ein.

Auch Alessandro Ducino lebt ausschliesslich in der Erinnerung an vergangene Leidenschaften. Auch er schwelgt gern in Selbstmitleid, nennt sich einen Mann, der das Leben und die Frauen verfehlt hat, doch seine Reflexionen zeugen von einem gänzlich anderen Niveau - und sie berühren. Der wache Geisteswissenschaftler, der versehentlich zum Geschäftsmann wurde und erst im Alter zur Philosophie zurückfindet, fühlt sich von jeher «für das Chambre séparée geboren». Seine Tage verbringt er am liebsten im Turmzimmer des einst vom Schwiegervater spendierten Hauses in der norddeutschen Tiefebene, unter Artgenossen wie Montaigne, Seneca, Marc Aurel oder Pascal. Seine Frau Isabel hat ihn verlassen und stattet dem Pro-forma-Ehemann ab und zu einen - wie sie es nennt - Gefängnisbesuch ab. Ducino verlässt das Haus kaum noch.

Geschliffene Komposition

In Jürg Beelers Roman dreht sich alles um die Frauen, und doch bleiben sie im Hintergrund. Zu gerne würde die Leserin mehr erfahren über Johannes Windspiels Mutter, diese zartbesaitete Violinistin, eine in sich und ihr Geigenspiel zurückgezogene Frau, die an ihrer unglücklichen Liebe zerbrach. Über die norddeutsch-südfranzösische Isabel, die sich für ihren eigenen Weg entschieden hat und damit gleich zwei Männer verprellt, und über die hungrige Spanierin Corazón, mit welcher der alternde Ducino - hormonell aufgeputscht - über Jahre hinweg seine Isabel betrog.

Der Autor sieht sich nicht veranlasst. mehr von ihnen zu verraten. Schade! So bleibt «Solo für eine Kellnerin» eine sorgfältig geschliffene Komposition ohne inhaltliche Tiefe. Dass der Roman trotzdem lesenswert ist, liegt an seiner feinen Sprachmelodie, der Andeutung einer berührenden Liebesgeschichte, die sich in Gedanken weiterspinnen lässt, und an Alessandro Ducinos feingeistiger Melancholie.

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