Nr. 21/2008 vom 22.05.2008

Fünf Minuten, sonst brennt er

Seit bald zwei Wochen werden am Kap afrikanische AusländerInnen gejagt und getötet. Hat die Regierung von Präsident Thabo Mbeki versagt?

Von Judith Reker, Johannesburg

«Baby», sagt der Maurer Bigboy M. und legt seine Hand zart auf die Schulter seiner Frau, «ich muss jetzt gehen, sonst finde ich keinen Schlafplatz mehr.» Primrose M. steht auf der Treppe in der Polizeiwache der Township Alexandra und schaut ihm nach. Das Paar aus Simbabwe gehört zu den knapp tausend Menschen, die seit vorletzter Woche in diesem Polizeirevier Schutz suchen - und es werden immer mehr. Jeden Abend kurz vor der Dämmerung kommen neue Flüchtlinge mit grossen Koffern. Sie sind afrikanische AusländerInnen in Südafrika, und sie werden bedroht, gejagt, getötet. Frauen und Kinder schlafen im ersten Stock der Polizeistation. Die Männer draussen auf dem Boden in provisorischen Zelten, bei sieben Grad Celsius in dieser Nacht.

Die Gewaltwelle, die derzeit über Südafrika rollt, begann hier in Alexandra, einer der ältesten Townships von Johannesburg, am Abend des 11. Mai. Laut der Zeitung «Mail and Guardian» entsprang sie verschiedenen Versammlungen von AnwohnerInnen und BusbetreiberInnen, an denen über die Kriminalität und einen angeblich zunehmenden AusländerInnenanteil der Beschäftigten bei den Busbetrieben debattiert wurde. Seither laufen Gruppen von Männern und Frauen von Haus zu Haus, und wo sie AusländerInnen finden, folgen Mord, Raub, Vergewaltigung. Mehr als 25 Menschen starben bisher: Die meisten wurden erschlagen, manche lebendig verbrannt, andere aus Fenstern gestossen. Rund 20 000 Menschen suchen mittlerweile Zuflucht in Polizeistationen, Kirchen und sicheren Unterkünften in ganz Johannesburg.

Geschätzte fünf Millionen ausländische AfrikanerInnen leben in Südafrika. Davon allein drei Millionen aus dem zerrütteten Nachbarland Simbabwe. Die aktuellen Ausschreitungen gegen Fremde sind nicht die ersten, aber die bisher gewalttätigsten. Viele SüdafrikanerInnen werfen afrikanischen AusländerInnen vor, für die hohe Kriminalitätsrate verantwortlich zu sein. Ausserdem würden sie den SüdafrikanerInnen die Arbeit stehlen und so zu der hohen Arbeitslosigkeit beitragen. Die tatsächliche Zahl der Gewaltbereiten ist schwer einzuschätzen, ebenso wie die Zahl derjenigen, die sich selbst die Hände nicht schmutzig machen, aber Beifall klatschen, wenn ein Mensch ermordet wird.

«Sie müssen raus»

Einer, der sich die Hände schmutzig gemacht hat, sagt lachend: «Ich finde das okay, wenn Ausländer brennen.» Der knapp zwanzigjährige arbeitslose Schreiner steht in einer Gruppe von Männern in einer engen Gasse, unweit der Roosevelt Road in Alexandra. Zunächst sagen er und seine Kumpane, sie würden «nur nach illegalen Fremden» jagen. «Fünf Minuten gebe ich einem, um zu beweisen, dass er legal ist. Er kann in sein Haus gehen, seinen Pass holen, seinen Stempel zeigen - fünf Minuten, sonst brennt er.» Ein anderer sagt: «Wir warten seit 1994 darauf, dass die Regierung ihre Versprechen hält. Ich lebe immer noch in einer Wellblechhütte, und die Ausländer bekommen die Sozialwohnungen. Jetzt sagen wir der Regierung: Es reicht.» Ein Dritter: «Sie vergewaltigen unsere Frauen, sie arbeiten für Löhne, die wir ablehnen müssen, weil sie nicht zum Leben reichen. Sie müssen raus.» Und ein vierter sagt, er beteilige sich nicht an der Gewalt, aber «die Ausländer müssen gehen, so oder so.»

Auf der Suche nach einer Erklärung für die Gewalt gab es von Anfang an Stimmen, die hinter den Hetzjagden eine organisierte Aktion vermuteten. Zunächst beschuldigte die Regierungspartei ANC die Inkatha Freedom Party (IFP), denn die ersten Mordzüge gingen von einem Viertel in Alexandra aus, das als Hochburg der IFP gilt. Diese wies die Anschuldigungen energisch zurück. Vergangenen Dienstag verkündete eine Ministerin der Provinz Gauteng, dass die Polizei konkrete Beweise für eine Orchestrierung habe. Die Nennung dieser Beweise blieb sie schuldig.

Inkompetent und korrupt

Das Südafrikanische Institut für Rassenbeziehungen (SAIRR) hingegen erklärt den Zeitpunkt der Gewaltausbrüche mit dem Zusammentreffen mehrerer explosiver Faktoren. «Steigende Nahrungsmittelpreise, steigende Benzinpreise - eine hohe Inflation», sagt Mapeete Mohali vom SAIRR, «haben womöglich das Fass nun zum Überlaufen gebracht.» Das SAIRR sieht die Hauptschuld bei der Regierung von Präsident Thabo Mbeki. «Ein Pulverfass aus unerfüllten Erwartungen» sei nun explodiert. «Die Regierung hat in zu vielen Bereichen versagt - die Polizei ist inkompetent, die Behörden sind inkompetent und korrupt - nun fühlen sich die Leute im Recht, selbst zu handeln», so Mohali.

Die Gewalt hat mittlerweile Kapstadt und Durban, die beiden anderen grossen Migrationszentren, erreicht. Schon wurde ein südafrikanischer Geschäftsmann in seinem Haus verbrannt, weil er AusländerInnen beschäftigte. Ein weiterer südafrikanischer Geschäftsmann aus der Township Alexandra will deshalb ungenannt bleiben. Der Unternehmer schickt den Flüchtlingen im Polizeirevier regelmässig Essen und Decken.

Inzwischen werden Forderungen nach einem Einsatz der Armee lauter, unter anderem seitens der südafrikanischen Menschenrechtskommission und der Oppositionspartei Democratic Alliance. Es wäre der erste Militäreinsatz in den Townships seit dem Ende der Apartheid. Die BewohnerInnen verbinden damit noch immer viele traumatische Erinnerungen.

Doch selbst wenn die Staatsmacht die Situation bald in den Griff bekommt, wird es für viele AusländerInnen in Südafrika so schnell keine Rückkehr zur Normalität geben. Übermüdet kommt eine simbabwische Reinigungsfrau zur Arbeit. Ihre Kinder hat sie am Wochenende an einen sicheren Ort gebracht, sie selbst liegt nachts wach und horcht. Im Bus spricht sie kein Wort, während andere Fahrgäste «Ausländer raus» skandieren.

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