Nr. 22/2008 vom 29.05.2008

Hier und nicht am Orinoko

In der letzten WOZ skizzierte Beat Ringger mit Blick auf Venezuela eine postkapitalistische Gesellschaft. Am Samstag diskutierte die Organisation Denknetz über «Alternativen zum Kapitalismus». Der wohl profilierteste Architekt von Utopien hierzulande berichtet.

Von P. M.

Es ist ein grosses Verdienst des Denknetzes, mit der Veranstaltung «Alternativen zum Kapitalismus» die richtigen Fragen zur richtigen Zeit gestellt zu haben. Wenn selbst prominente Vertreter der momentan herrschenden Unordnung von Marktversagen (Singular!) reden, dann muss man sich als besorgteR WeltbewohnerIn ja wohl fragen, wie unser lokaler und globaler Haushalt vernünftiger eingerichtet werden könnte. Dabei spielen eschatologisch aufgeladene Einordnungsdebatten darüber, ob das nun Kapitalismus war und ob das nächste Sozialismus ist, kaum eine Rolle: Es geht um machbare Lösungen.

So, wie ich es empfand, war - bei der Denknetz-Tagung - ein Teil der Antwort relativ unbestritten: Man könnte einfach die heutigen öffentlichen Dienste, die ja schon mehr oder weniger demokratisch gelenkt und gemäss ETH-Studien auch sehr «effizient» sind - was immer das heissen mag -, logisch ausbauen. So könnten zum Beispiel die Zulieferbetriebe der wichtigsten Versorgungsunternehmen selbst unter öffentliche Fittiche genommen werden: Die Verkehrsunternehmen könnten (wie früher) selber Fahrzeuge bauen, die Gesundheitsdienste könnten sich die Medikamentenproduktion und die medizintechnische Industrie angliedern (für die sie ja sozusagen Monopolabnehmer sind), beim öffentlichen (und beim genossenschaftlichen) Wohnungsbau könnte man eigene Bauunternehmen betreiben und damit wahrscheinlich viel Geld und Ärger sparen. Ohne neue Strukturen zu erfinden, könnte so ein Grundversorgungssektor entstehen, der vielleicht 60 Prozent der heutigen Wirtschaftsleistungen erbringt (heute sind es 25 bis 40 Prozent). Wem das Ganze «gehört», spielt weder heute noch danach eine Rolle.

Lustvoll und praktisch

Wenn man allerdings bedenkt, dass unser (westlicher) Ressourcenverbrauch aus verschiedensten Gründen (Gerechtigkeit, Klima, Ressourcenknappheit) um einen Faktor zehn reduziert werden muss, dann liegen die Herausforderungen viel eher darin, neue Lebensweisen zu finden, als bisherige mit neuen Strukturen erhalten zu wollen. Egal ob Kapitalismus oder Sozialismus: Es bleibt von allem nicht mehr viel übrig.

Eine zugleich lustvolle wie praktische Lösung sehe ich hier in der Einführung von vielfältigen Grundhaushalten in der Grössenordnung von 500 Personen. Statt Vielfalt in der Auswahl von Zahnpasta, Mobiltelefonen oder WC-Papier zu suchen, könnte damit global eine kulturelle und soziale Vielfalt an der Basis entstehen, die uns für die unerwarteten ökologischen Engpässe entschädigt. Es ist für mich befriedigend festzustellen, dass zumindest diese Grössenordnung spontan auch in den venezuelanischen «consejos» entstanden ist, von denen einige der MitdenkerInnen im Denknetz sich viel versprechen (andere sind eher skeptisch, vor allem wegen der zwiespältigen Rolle des allzu guten Präsidenten Hugo Chávez).

Wenn sich solche Grundhaushalte zudem mit Bauernbetrieben (um die hundert Hektaren) zusammentun und eine Art «Lebensgenossenschaft» bilden (auch das eigentlich eine uralte Form), dann kann uns nicht mehr viel passieren. Ich glaube, eine auf persönlichen Kontakten aufgebaute Ernährungssouveränität ist sinnlicher und sicherer als eine anonyme «öffentliche Lebensmittelversorgung», wie sie Beat Ringger vorschlägt.

Die globale Kantonalbank

Was bleibt - und was bei der Denknetz-Tagung am meisten zu diskutieren gab -, ist ein «mittlerer Restsektor», der dem ganzen System den nötigen Pfiff und Schwung verleihen soll. Wenn man sich vorstellt, dass der Grundbedarf durch einfühlsame öffentliche Dienstleisterinnen und die Lebensmittelselbstversorgung durch bekannte Mitbauern gedeckt ist, also eine Art Grundeinkommen in Naturalien garantiert ist, dann stellt sich die Frage nach dem Raum für Kreativität, Innovation, Spiel, Spass, Wettbewerb und Abenteuer. Gerade die Grundversorgung öffnet diesen Spielraum, denn sie nimmt den TeilnehmerInnen die Existenzängste, die heute Kreativität und Kooperationslust lähmen. Man könnte sich vorstellen, dass jeder Mensch neben seiner Grundversorgungskarte eine Art Kooperativvoucher aus dem gesamten gesellschaftlichen Investitionsfonds (eine globale «Kantonalbank») bekommt, mit der er - und sie - zusammen mit anderen oder allein Unternehmen aller Art gründen kann. Wenn Ökologie und Menschenrechte beachtet werden, dann kann dieser Sektor weitgehend unreguliert funktionieren. Also können Filme, Abendkleider, Computerprogramme und -games, Möbel, Lampen, Pralinés, Schnabelschuhe, Bücher, Rosen, Zigarren, Masken, Parfums, Billardtische et cetera fröhlich weiterproduziert werden. So kann ein Markt echter Qualitäten entstehen, der in einem global nachhaltigen Haushalt eingebettet ist. Je nachdem können «Nice to have»-Güter dann zu solchen des öffentlichen Sektors des «Need to have» umgelabelt werden.

Ich fand es schade, dass die immer wieder nagenden Fragen nach Wettbewerb, Markt, Regel-Compliance (was tun, wenn Hans im globalen Haushalt nicht abwaschen will?) und so weiter bei der Denknetz-Tagung nicht ausdiskutiert werden konnten. Auch die Diskussion «technischer Details» - braucht es eine Ökopunkt/Grundversorgungs/Privatvermögen-Chip-Karte für alle? - hätte noch Spass machen können. Die durchaus faszinierenden Informationen aus Venezuela nahmen einen zu grossen Raum ein und gehörten eigentlich nicht in diese Veranstaltung. Ich meine: Was sollen wir uns für «Gemeinderäte» am Orinoko begeistern, wenn wir hier kaum noch KandidatInnen dafür finden?

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