Nr. 24/2008 vom 12.06.2008

Käfer mit der Welt im Rücken

Vorhanden sein und trotzdem nicht teilnehmen. Das ist die Aufgabe der Menschen in einer Host City. Eine abendliche Betrachtung.

Von Adrian RiklinMail an AutorIn

«Last Alcohol Station!», steht auf der Tafel vor dem Pub beim Albisriederplatz. Weiter westwärts zwei Armeelastwagen quer in der Strasse, flankiert von Stadtpolizisten. Auch Kantonspolizisten, Securitas-Wächter, ein Kameramann in Schweizer Armeeuniform und Robocops mit Helmen unterm Arm sind auszumachen. Am Strassenrand gegenüber vom Letzigrundstadion ein paar Bundeswehrbeamte aus Biberach bei Ulm.

Über allem dröhnt ein Helikopter. Vor uns der Uefa-Zaun, der das Stadion absperrt. Um 17.55 Uhr, als die Spieler den Rasen betreten, schwappt wohltemperierte Erregung aus dem Stadion. Kaum sind die Hymnen verklungen, dreht der Helikopter ab. Es weht ein Abendwind. Vor der Pizzeria Forno a Legna läuft auf Grossbildschirm jenes Ereignis, das im Original 200 Meter entfernt über den Rasen geht. Der dramatische Ton aus den Bildschirmgeräten steht im krassen Gegensatz zur lauschigen Ruhe draussen vor dem Stadion. Eine Kirchglocke schlägt Viertel nach sechs. Ein Securitas-Wächter schleckt Eis. Die Bundeswehrbeamten aus Biberach haben ein Lächeln auf dem Gesicht.

Permanente Hausaufgabe

Junge Mütter schieben Kinderwagen durch die autofreie Strasse, Kids in Portugal-T-Shirts flitzen auf Rollerblades vorüber, ein Ehepaar nutzt die Strasse für einen Sommerabendspaziergang. Aus dem Hinterhof stürzt eine Joggerin und rennt beinahe zwei rumänische Fans um. Nichts passiert. Wir befinden uns nicht im Ausnahmezustand. Was zu protokollieren ist, ist die kollektive Verwandlung von Menschen in TouristInnen. Selbst jene, die im Quartier wohnen. Möglich ist das, indem diesen Menschen die eigene Umgebung fremdgemacht wird. Vielleicht ist das auch der Grund für das exorbitante Rucksacktragen. Überall Menschen mit Rucksäckchen. Käferartig wirken diese Menschen. Als trügen sie mit sich eine permanente Hausaufgabe. Es ist eine Lebensaufgabe, und sie besteht darin, sich einzufügen. In die hübsche Verhaltensarchitektur, in der soeben zwei junge Französinnen Platz genommen haben, leicht gelangweilt, sehr elegant und irgendwie auf hohem Niveau. So wie das Spiel, das auf dem Bildschirm läuft.

Als wäre das Geschehen auf dem Rasen hinter dem Zaun eine Kopie. Null zu null. Der Abend ist definitiv zur Idylle verkommen. Keine Bewegung zu gross, keine Stimme zu laut, kein Blick zu lang. Als wäre alles inszeniert, marthalerisch massgeschneidert, leicht untertrieben. Nur einmal wird gestört: Ein Mädchen mit Downsyndrom, das einen kurzen Laut der Erregtheit von sich gibt - und von seinem Vater sogleich zurechtgewiesen wird. Inmitten dieser Kulisse, in der man vorhanden ist und doch nicht teilnimmt. Das ist es, was den Touristen ausmacht: Er ist vorhanden. Doch eigentlich ist er nicht wirklich am Geschehen beteiligt.

Lasziv durchsucht

Zu protokollieren ist: Wir sind nicht einmal mehr ZuschauerInnen. Was wir sehen, ist die Reproduktion eines Ereignisses, das an sich bereits schon die Inszenierung eines Ereignisses ist. Unsere Blicke kleben an Wänden, an denen ein Bildschirm hängt. Wir kehren der Welt den Rücken zu. Und damit auch die Rucksäckchen.

Wir befinden uns in der Vorwegnahme. Der Ausnahmezustand haucht uns an. Zwinkert hinter der Strassenecke. Darin zeichnet er sich aus: In dieser diskreten Zurückhaltung. Permanente Bereitschaft. Permanente Zu-, Ab-, Ein-, Aus- und Wegweisungszone. Noch nie liess sich so elegant überwachen, charmant kontrollieren, lasziv durchsuchen, traumwandlerisch kanalisieren. Mit der Beschwörung der simulierten Unruhe kommt die Durchsetzung der organisierten Ruhe. Deshalb sind die PolizistInnen so locker und tragen Ohrringe und romantische Tatoos. Deshalb sind sie schauspielerisch begabt und machen permanent an einer Übung mit. Die Alarmsirenen liefern den durchgehenden Soundtrack, und der Tourist nimmt sie nicht mehr als solche wahr.

Etwas Rocker, etwas Starlet

Das Spiel ist längst vorbei, und die Menschen an den Tischen vor der Fässli-Bar am Albisriederplatz klatschen in die Hände, als Toni Brunner ohne Bodyguards um die Ecke kommt. War ja nur ein Tourist. Und irgendwie selbst auf der Strasse so glatt wie in einem TV-Studio. Und auch wir werden ja Tag für Tag von neuem gecastet. Das Jubeln haben wir in einem Weiterbildungskurs gelernt.

Später werfen wir ein bisschen Abfall auf die Strasse und setzen uns in Bars und machen lustige Rollenspiele. Heute spielen wir ein bisschen Rocker und Pornostarlet und plaudern mit der intellektuellen Polizistin. Dann kommt die Abfallreinigung. Auch das gehört zum Ausnahmezustand: die sofortige Wiederherstellung der scheinbaren Normalität. Null zu null. Beni Turnheer sagt: «Unglaublich langweilig, aber auf sehr hohem Niveau.»

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