Nr. 25/2008 vom 19.06.2008

Feldgraue Geschäfte

Wirtschaftlich eine Geschichte von Profiteurinnen und Kriegsgewinnlern? Nur vermeintlich - die Sache ist komplexer und muss von Fall zu Fall beurteilt werden. Klar ist: Gelitten hat vor allem die Zivilbevölkerung.

Interview: Marcel Hänggi

WOZ: Ihr Buch über Schweizer Unternehmen im Ersten Weltkrieg heisst «Der vergessene Wirtschaftskrieg». Standen die Schweizer Unternehmen in diesem Krieg zwischen den Fronten - oder tanzten sie eher auf zwei Hochzeiten?

Roman Rossfeld: Es gab beides. Die Neutralität ermöglichte es, mit beiden Seiten Geschäfte zu machen. Aber die Unternehmen standen auch unter Druck. Beispielsweise hatten Betriebe mit deutschen Tochtergesellschaften zum Teil erhebliche Probleme in Frankreich. Ob die Vor- oder Nachteile überwogen, muss von Fall zu Fall beurteilt werden. Deshalb ist es wichtig, einzelne Unternehmen zu untersuchen.

Die Deutschschweiz war damals tendenziell deutschfreundlich, die lateinische Schweiz hielt zur Entente. War das auch bei den Unternehmen so?

Nicht generell. Es kam darauf an, was für Traditionen vor dem Krieg bestanden hatten. Hero beispielsweise galt in der Romandie als deutschfreundlich und wurde dort heftig dafür kritisiert. Sulzer wiederum orientierte sich im Krieg um, weg von Deutschland, hin zu den Entente-Mächten.

Wer profitierte, wer litt?

Viele der international tätigen Aktiengesellschaften, die wir untersucht haben, erwirtschafteten sehr hohe Gewinne. Andere Branchen, die wir nicht untersucht haben, wie etwa der Tourismus oder die Bauwirtschaft, erlitten hingegen Verluste. Es ist aber nicht so einfach zu sagen, wer zu den Gewinnern gehörte. Die Interpretation der Geschäftszahlen ist zum Teil schwierig, und es ist entscheidend, ob man nur die Zeit bis 1918 betrachtet oder auch die Jahre danach. Viele Unternehmen verloren in der Nachkriegskrise wieder, was sie zuvor gewonnen hatten; andere profitierten erst jetzt von Entwicklungen, die im Krieg angestossen worden waren.

Zum Beispiel?

Weil die Schweiz weder über Kohle noch Erdöl verfügte, beschloss man schon während des Krieges, vermehrt auf die Elektrizität zu setzen. Das wurde grösstenteils aber erst nach 1918 umgesetzt: Das SBB-Netz wurde elektrifiziert, und die Elektrotechnik wurde wichtiger, wovon etwa die Maschinenfabrik Oerlikon enorm profitierte.

Sie erwähnen im Buch, dass Versicherungen, Finanz und Chemie zu den grossen Kriegsgewinnlern gehörten. Weshalb?

Die Versicherungen und die chemische Industrie profitierten, weil diese Branchen bis 1914 stark von deutschen Firmen dominiert gewesen waren. Die Chemie war damals vor allem eine Farbstoffindustrie. Weil im Ersten Weltkrieg die zuvor noch farbigen, bunten Uniformen vermehrt durch feldgraue ersetzt wurden, war der Bedarf an Farbstoffen sehr gross. Die Banken wiederum profitierten, weil die Vermögensverwaltung durch den Zufluss ausländischer Gelder stark expandierte.

War die Schweiz auch Mittlerin, über die Unternehmen der Mittelmächte mit Unternehmen der Entente indirekt handeln konnten?

Solche Geschäfte lassen sich nur schwierig nachweisen, und die Kriegsparteien versuchten auch, sie zu verhindern. Wenn eine Kriegspartei beispielsweise Rohstoffe an eine Schweizer Firma lieferte, verlangte sie, dass die entsprechenden Produkte nicht an den Kriegsgegner geliefert wurden. Um das zu kontrollieren, schuf man Überwachungsgesellschaften wie die Société Suisse de Surveillance Economique der Entente und schränkte damit die Handlungsfreiheit der Schweizer Wirtschaft immer stärker ein.

Die Welt hatte bis 1914 eine Phase starker Liberalisierung und Globalisierung erlebt. Mit dem Kriegsausbruch änderte sich das innert Tagen. Was bedeutete das für die Wirtschaft?

Für die Schweizer Unternehmen bedeutete der Krieg vor allem eine zunehmende Bürokratisierung: Das Geschäft wurde mühsamer. Wir haben aber immer wieder festgestellt, dass die Unternehmen sehr pragmatisch vorgingen. So vermied man es, grosse Produktionskapazitäten zu schaffen für Güter, die im Krieg zwar gefragt waren, danach aber nicht mehr verkauft werden konnten. Dieser Pragmatismus bedeutete auch, dass moralische Fragen in den Verwaltungsräten kaum diskutiert wurden - während die Unternehmen in ausländischen Zeitungen sehr wohl als opportunistisch kritisiert wurden.

1914 wurden 200 000 Schweizer mobilisiert. Wie ging die Wirtschaft mit diesem plötzlichen Ausfall von Arbeitskräften um?

Die Zahl der Mobilisierten wurde bald wieder reduziert: Bei Kriegsende waren es nur noch 20 000 Mann. Dem Ausfall der mobilisierten Männer und dem Wegzug vieler Ausländer begegnete der Bundesrat mit der Lockerung des Fabrikgesetzes. Die Folge war nicht zuletzt ein Anstieg der Frauen- und Kinderarbeit in den Fabriken.

Führte das zu einer Veränderung der Geschlechterrollen?

Der Aufstieg der «neuen Frau» in den zwanziger Jahren hat möglicherweise auch mit solchen Entwicklungen im Krieg zu tun. Der Anteil der Frauen in der Industrie ging nach dem Krieg aber nicht nur in der Schweiz, sondern auch in anderen Ländern sehr schnell wieder zurück. Vielerorts wurde nach dem Krieg dann das Frauenstimmrecht eingeführt - nicht so in der Schweiz.

Wie gingen die Familien damit um, dass die Männer mobilisiert wurden, ohne dass es einen Erwerbsersatz gab?

Einige Unternehmen zahlten die Löhne zumindest teilweise fort. Die Situation der Arbeiterschaft verschlechterte sich vor allem wegen der wachsenden Teuerung: Die Reallöhne sanken, während viele Unternehmen zugleich hohe Gewinne erwirtschafteten. Das führte zu Spannungen, die letztlich in den Landesstreik vom November 1918 mündeten.

Was bedeutete der Krieg für andere soziale Schichten?

Die grössten Verlierer waren die Angestellten, die vor dem Krieg eine bessere Stellung als die Arbeiter hatten und zugleich kaum organisiert waren. Zu einer Solidarisierung mit der Arbeiterschaft kam es jedoch nicht, weil sich die Angestellten stärker an bürgerlichen Leitbildern orientierten. Vom Krieg profitiert haben insbesondere die Bauern: Ihre Löhne stiegen überdurchschnittlich, und ihr Selbstvertrauen festigte sich, was sich nach dem Krieg auch in der Gründung der BGB - einer Vorläuferin der SVP - äusserte.

Wie ging die Schweiz mit der Verknappung von Rohstoffen um?

Einerseits versuchte man, die Mittel effizienter zu nutzen, und wich auch auf Ersatzprodukte aus. Andererseits waren die Kriegsparteien aber auch daran interessiert, dass die Schweizer Industrie diejenigen Rohstoffe bekam, die sie brauchte. Insgesamt litt weniger die Industrie als vielmehr die Zivilbevölkerung.

Konnte die Schweiz sich mit Nahrungsmitteln selbst versorgen?

Nein, davon war man schon damals weit entfernt, und der Bundesrat handelte insgesamt nur zögerlich. Erst ab dem Herbst 1917 wurden wichtige Produkte rationiert. Vor dem Krieg wurden in der Schweiz pro Tag und Person rund 4000 Kalorien konsumiert, bei Kriegsende waren es nur noch 2800 Kalorien pro Person. Im Vergleich zu Deutschland entsprach das aber immer noch einer guten Versorgungslage.

Die Aufarbeitung der Rolle der Schweizer Unternehmen im Zweiten Weltkrieg war schwierig. Wie waren Ihre Erfahrungen?

Insgesamt sehr gut. Die Quellenlage ist ausgesprochen gut, und die Unternehmen gewährten uns - mit einer Ausnahme - unbeschränkten Zugang zu den Archiven. Vielleicht liegt das daran, dass der Erste Weltkrieg schon länger zurückliegt und trotz aller Schwierigkeiten auch nicht dieselbe Brisanz wie der Zweite Weltkrieg hatte.

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