Nr. 36/2008 vom 04.09.2008

Der Weg ins Freie

Denis Johnson, Schriftsteller und Universitätsprofessor im US-amerikanischen Idaho, überrascht mit einem sehr sensiblen Roman.

Von Michael Saager

Einen geliebten Menschen zu verlieren, ist das Schlimmste; die ganze Familie bei einem Unglücksfall für immer zu verlieren - dafür gibt es keine Worte, da reicht die Sprache nicht aus. Was für Metaphern sollten das sein, die die Achterbahn der Gefühle nach dem Verlust beschreiben, die Wellen der Verzweiflung, die einen immer wieder fortreissen. Sofern man überhaupt in der Lage ist, etwas zu fühlen.

Michael Reed, Assistenzprofessor für Geschichte an einer Universität im amerikanischen Mittelwesten, ein Mann in den mittleren Jahren, hat vor vier Jahren Frau und Tochter bei einem Autounfall verloren. Er sagt «kürzlich», denn so kommt es ihm vor. Reed war damals gelähmt vom Schock, und er ist es noch immer. Eine anhaltende Lähmung, die keinen Platz lässt für Trauerarbeit, für Tränen und all das. Sein universitäres Umfeld deutet seinen Gemütszustand als coole Form ironischer Distanziertheit. Wie viele Zwischenräume der Interpretation es doch gibt, wenn ein Mensch nur wenig genug von sich preisgibt, denkt man. Und ist mittendrin in einem der psychologisch genauesten und nachdenklichsten Romane, die Denis Johnson bisher geschrieben hat. Er heisst «Der Name der Welt», und der Ton, mit dem der Icherzähler sein Leben beschreibt, ist behutsam, beinahe zärtlich schüchtern.

Alles wurde Elsie

Reed erinnert sich am Beispiel eines Stofftieres, wie sehr in der Welt seiner kleinen Tochter Fantasie und Wirklichkeit eins waren: «Durch eine Art Zauber nahm das Kind Huntley den Namen von Elsie, der Bärin, an und behielt ihn. Auch die Bärin behielt ihn. Alle hiessen am Ende Elsie, alle Kuscheltiere, auch Anne. Und eine Weile auch ich. Alles wurde Elsie, und in gewisser Weise ist das noch heute so. Indem ich Anne verlor, verlor ich die Frau meines Lebens. Aber indem ich Elsie verlor, verlor ich uns alle.» Es ist erstaunlich: Hier geht es um nichts weniger als alles, und doch ist da kein Pathos in den Sätzen. In vielen Romanen dieses bedeutenden amerikanischen Schriftstellers wurde schon dicker aufgetragen - so in «Wiederbelebung eines Gehängten» oder in «Engel».

Und obwohl auch hier dunkle Schatten über der Welt liegen, ist die Welt selbst eine andere: Der White Trash, ausgegrenzter Bodensatz der amerikanischen Gesellschaft, spielt in diesem Johnson-Buch ausnahmsweise keine Rolle. Was am Milieu liegt, in dem die Handlung angesiedelt ist. Man hätte wohl mit allem gerechnet, mit einem Campus-Roman aus den Händen Johnsons aber nicht. Andererseits unterrichtet Johnson selbst an der Universität in Idaho. Und vielleicht ist das intellektuelle Geplänkel zwischen Reed und seinen Kollegen, das, inszeniert auf kleinen Partys, beim Rumpunsch oder beim Essen, so etwas wie einen leichteren Zwischengrund der Geschichte abgibt, daher von so eloquent eleganter Beiläufigkeit. Johnson kennt es gut und hat noch besser hingehört. Schreiben kann der Mann sowieso.

Eine einzige Übertreibung

Wer viel fantasiert, braucht weniger Wirklichkeit. Reed führt Selbstgespräche oder imaginiert Gespräche mit anderen. Sex ist ihm völlig gleichgültig, er ist zu taub dafür. So kann es eigentlich nicht weitergehen; und auch Johnson macht bald klar, zuerst in Andeutungen, dann immer stärker, dass er aus einem Zombie einen Menschen machen möchte. Man darf es ruhig ein bisschen platt finden, es ist ausgerechnet die stupende, mehrfach ereignishaft zur Schau gestellte Erotik einer jungen attraktiven Studentin mit dem seltsamen Namen Flower Cannon, die den verlorenen Protagonisten wieder aufleben lässt. Mal rasiert sie sich in einer Performance die Scham, dann strippt sie im Club; sie verdreht Reed in Gesprächen den Kopf und singt sogar im Kirchenchor. Doch wird sie nicht seine Geliebte; sie ist so etwas wie Reeds private Offenbarung, eine Art nichtgöttlicher Engel und fleischgewordene Metapher für die Impulsivität des Lebens. Sie ist das Gegenteil von Reed. Darin besteht ihr literarisches Wesen.

Flower Cannon ist eine einzige Übertreibung, sicher. Doch sollte man nicht vergessen, dass es in Johnsons Romanen immer schon um Varianten der Verdammnis und ihnen entsprechende Erlösungsformen ging. Bei einem Besuch in einer Kirche denkt Reed: «In unser aller Namen fühlte ich mich einsam, und auf einmal wusste ich, da war kein Gott. Auf Gott kann man nicht bauen. Dafür mit etwas Glück auf andere Menschen, und auf das, was sie für einen sein können.» Flower Cannon versetzt Reed ein paar kleine Schocks. Dadurch löst er sich aus seiner schockartigen Starre und macht erste Schritte ins Freie.

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