Nr. 41/2008 vom 09.10.2008

Strategischer Mob

Im Namen des hinduistischen Glaubens werden seit Wochen ChristInnen verfolgt und ermordet. Doch die Hintergründe sind rein weltlicher Natur.

Von Joseph Keve, Bombay

«Wir werden nicht ruhen, bis der letzte Christ vertrieben oder getötet wurde», schrie ein junger Mann vor einer Menge von rund 700 Menschen. «Bis alle ihre Kirchen, Häuser, Läden und Einrichtungen niedergebrannt sind.» Der Mob war mit Äxten, Schwertern und Eisenstangen bewaffnet und hatte soeben ein Klostergebäude des Mutter-Teresa-Ordens zerstört. Das geschah am 25. September. Nur wenige Tage zuvor hatte die Zentralregierung in Neu-Delhi die Behörden im östlichen Bundesstaat Orissa angewiesen, die Situation nach der wochenlangen Gewaltwelle gegen ChristInnen wieder unter Kontrolle zu bringen. Seit Ende August wurden bei den pogromartigen Ausschreitungen in Orissa über sechzig Menschen ermordet und rund 19 000 verletzt. Zehntausende leben seither in Flüchtlingslagern der Regierung oder haben sich in den Wäldern versteckt. Knapp 4500 Häuser und Hunderte christlicher Einrichtungen wurden in Brand gesteckt.

Bereits am 23. September forderten die Anführer des Welthindurates VHP und dessen Jugendorganisation Bajrang Dal, zwei der fanatischsten hindufundamentalistischen Gruppen Indiens, ihre AnhängerInnen dazu auf, die «Operation Christian Cleansing» (Christen-Säuberung) zu intensivieren. Die Zentralregierung sah tatenlos zu und hinduistische Geschäftsleute stellten dem Mob das Benzin für die Brandzüge zur Verfügung. Die Bestrebungen der katholischen Kirche in Indien, die Armen vor den Klauen der HändlerInnen und GeldverleiherInnen zu bewahren, waren schlecht für ihr Geschäft. Einige nutzten die Gelegenheit, ihre Widersacher loszuwerden, andere spekulierten auf eine Übernahme der Ländereien der ChristInnen und ihrer religiösen Einrichtungen.

Die VHP- und Bajrang-Dal-AnführerInnen haben inzwischen den ChristInnen in drei Flüchtlingslagern ein Ultimatum gestellt: Wenn sie bis zum 10. Oktober nicht zum Hinduismus konvertieren, werden sie umgebracht.

Es ist nur Politik

Die Verfolgungen in Orissa haben sich inzwischen zum grössten Massaker an ChristInnen in der Geschichte Indiens entwickelt. Die Pogrome übersteigen gar die Ereignisse im Bundesstaat Gujarat, wo 2002 ein durch dieselben fundamentalistischen Gruppen angestachelter Mob schätzungsweise 2000 Muslime ermordet hatte.

Zwar versicherte Indiens Premierminister Manmohan Singh kürzlich gegenüber VertreterInnen der EU, dass der indische Staat sich für den verfassungsgemässen Schutz der Minderheiten einsetzen werde. Doch vor den anstehenden Parlamentswahlen im Mai 2009 will es sich die indische Regierungskoalition unter der Führung der Kongresspartei auf keinen Fall mit den Hindus verscherzen.

Auslöser der Gewalt war ein Attentat auf den Guru Swami Laxmananda Saraswati im Bezirk Kandhamal im Bundesstaat Orissas. Obwohl die Behörden linke MaoistInnen für das Attentat verantwortlich machen und diese sich auch zum Anschlag bekannten, wird Swamis Tod immer wieder als Grund für die Angriffe auf die ChristInnen genannt. Das Attentat lieferte der VHP die lang ersehnte Gelegenheit, zuzuschlagen. Pravin Togadia, Generalsekretär des VHP, verkündete lautstark, dass «die Christen für den Tod des Hindus Swami verantwortlich sind und wir mit aller Kraft zurückschlagen werden». Togadias Botschaft, die seither in Orissas Hindutempeln verbreitet wird, lautet denn auch: «Indien gehört ausschliesslich den Hindus.»

Bereits kurz nach Beginn der Attacken in Kandhamal kam es auch in neun weiteren Bezirken von Orissa zu Übergriffen gegen die christliche Minderheit. Mitte September berichteten die Medien dann von Zerstörungen christlicher Einrichtungen in anderen Bundesstaaten wie Maharashtra, Uttar Pradesh und Gujarat. Nur die linke Regierung in Kerala, wo viele indische ChristInnen leben, setzte den Attacken der hinduistischen Militanten ein schnelles Ende.

Wer dahintersteckt

In den meisten betroffenen Bundesstaaten stellt die Indische Volkspartei BJP die Regierung oder verfügt über beträchtlichen Einfluss. Die 1980 gegründete BJP hatte Ende der achtziger Jahre nur zwei Sitze im indischen Parlament. Um ihren Stimmenanteil bei der hinduistischen Mehrheit im Land zu vergrössern, verschrieb sich die Parteiführung dem «Hindutva», dem aggressiven Hindunationalismus. Während die BJP eine legale Fassade bewahrte, unterstütze sie in der Folge radikale hinduistische Organisationen wie den VHP oder die Rashtriya Swayamsevak Sangh (RSS) und trieb deren Militarisierung voran. Eine ihrer Methoden ist es, Jugendliche zu rekrutieren, die keine Perspektive haben, und diese dann auf Minderheiten und Randgruppen zu hetzen.

Die Pogrome in Gujarat 2002 galten als Testfall für diese «neuen Krieger». Gleichzeitig benutzte die BJP Gujarat als Labor, um ihre Strategien zu testen: Wie können Massen beeinflusst und mobilisiert werden? Wie lassen sich ein internationales Netz aufbauen und dessen Ressourcen verwenden? Wie kann man Terror einsetzen und danach die Spuren verwischen? Die Gujarat-Pogrome waren entsprechend strategisch geplant und akribisch umgesetzt worden.

Ihre aggressive Politik bescherte der BJP zwar einen Sieg bei den Parlamentswahlen von 1989. Doch als sich die orchestrierte Gewalt auf den Strassen mehrte, distanzierten sich immer mehr InderInnen von der BJP. Inzwischen betrachten Millionen InderInnen die Pogrome in Gujarat als einen Fall für den Internationalen Gerichtshof in Den Haag. Mit Blick auf die nächsten Wahlen hat die BJP dennoch ihr Hindutva-Projekt wieder hervorgeholt, diesmal gegen die Minderheit der indischen ChristInnen, die nur knapp zwei Prozent der Bevölkerung Indiens ausmacht. Die BJP weiss, dass der Rest der indischen PolitikerInnen meist wegsieht. Denn auch für diese gibt es nur ein Ziel: die nächsten Wahlen gewinnen.

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