Nr. 45/2008 vom 06.11.2008

120 000 Euro pro Frau

Eine Ausstellung im Stadthaus Zürich thematisiert das illegale Geschäft mit den Frauen, das auch in der Schweiz floriert.

Von Silvia Süess

Janet war 26 Jahre alt, als sie in die Schweiz kam. Ein Bekannter hatte ihr zu Hause in Argentinien von einem Restaurant erzählt, in dem sie arbeiten und gutes Geld verdienen könne. Sie liess ihre vierjährige Tochter zurück und reiste in die Schweiz. Als sie in Zürich ankam, wurde sie von einem Schweizer Mann abgeholt und direkt in ein Bordell in einer Kleinstadt gebracht. Pass und Ticket nahm man ihr ab. Nun müsse sie die 10 000 Franken Schulden abarbeiten, die sie habe, hiess es. Sieben Tage die Woche arbeitete sie, das Haus durfte sie nicht ohne Begleitung verlassen, sie musste jeden Wunsch der Freier erfüllen. Einen Lohn erhielt sie nie.

Janet ist eine von Tausenden von Frauen, die jährlich dem internationalen Menschenhandel zum Opfer fallen. In der Ausstellung «Ohne Glanz und Glamour», die im Stadthaus Zürich zu sehen ist, wird auf einer der 22 Stellwände, die über die Galerie im zweiten Stock verteilt sind, ihre Geschichte erzählt. Die Ausstellung ist optisch karg gehalten: jeweils ein oder zwei Bilder pro Stellwand, dazu ein informativer Text. «Die Ausstellung ist textlastig, und das ist gut so. Denn es gibt zu viele Bilder zu diesem Thema, die sensationalistisch sind», sagt Doro Winkler vom FIZ, der Fachstelle Frauenhandel und Frauenmigration. Im Auftrag der Kirche Baselland, die die Ausstellung von der Menschenrechtsorganisation Terre des Femmes Deutschland gekauft hat, hat das FIZ die Ausstellung für die Schweiz überarbeitet. «Ziel ist die Sensibilisierung einer breiten Bevölkerung für die Bekämpfung von Frauenhandel und für den Opferschutz», sagt Winkler. Denn obwohl Menschenhandel nach Angaben des Europarats die drittgrösste Einkommensquelle der organisierten Kriminalität ist und auch in der Schweiz floriert, besteht ein grosses Defizit an Information zum Thema und ein noch grösseres bei der Bekämpfung. Zwar sei die Zusammenarbeit unter Fachleuten besser geworden, sagt Winkler, doch noch immer sei sie nicht optimal.

Die Drahtzieher

Gemäss dem Bundesamt für Polizei lautet die international gültige Definition von Menschenhandel: «Menschen anwerben, anbieten, verbringen, vermitteln, beherbergen oder annehmen zum Zwecke der Ausbeutung.» Die International Labour Organisation schätzt, dass achtzig Prozent der Opfer Frauen und Mädchen sind, ungefähr die Hälfte aller Opfer sind vermutlich noch Kinder. Doch Zahlen zu nennen sei unglaublich schwierig, sagt Doro Winkler. Gemäss Schätzungen des Bundesamts für Polizei liegt die Zahl der Opfer des Menschenhandels weltweit zwischen 600 000 und 2,4 Millionen Menschen, in der Schweiz zwischen 1500 und 3000. «Das Problem ist, dass Opfer von Menschenhandel oft nicht identifiziert werden und das Delikt schwierig zu beweisen ist», sagt Winkler. Demzufolge ist auch die Fahndung nach den Verbrechern eine grosse Herausforderung.

Die Ausstellung fokussiert auf drei Themen, die im Zusammenhang mit Frauenhandel von zentraler Bedeutung sind: das Geld, die Freier und die Opferhilfe. Frauenhandel steht meist im Zusammenhang mit Migration: Den Frauen wird in ihren Herkunftsländern Hoffnung auf ein besseres Leben und ein gesichertes Einkommen gemacht. Meistens jedoch verdienen sie hier wenig bis gar nichts. Hingegen lohnt sich der Handel mit den Frauen für die Händler: «Frauenhändler verdienen an einer einzelnen Frau in Jahr durchschnittlich 120 000 Euro», ist auf einer Stellwand zu lesen, die den Titel «moderne Sklaverei» trägt. Winkler selber ist diesem Wort gegenüber kritisch:«Ich bin nicht glücklich mit dem Begriff der modernen Sklaverei, das vermittelt ein falsches Bild; die Frauen sind meist nicht angekettet. Aber durch die Drohungen gegen sie und ihre Familien, die Schulden, die sie abarbeiten müssen, und die Angst vor der Gewalt, die sie erleben, können sie auch nicht einfach weggehen.» Manche Frauen seien über die Arbeitsbedingungen getäuscht worden: «Sie können nicht wählen, welche Freier sie nehmen, welche Praktiken sie ausüben oder wann sie arbeiten.» Drahtzieher sind meist kleine und mittlere Unternehmen, aber auch Einzeltäter, selten handelt es sich um grössere, gut organisierte Banden. Häufig sind staatliche Ordnungshüter als Komplizen in die Händlerstrukturen integriert und verdienen mit.

Die Freier

Ein wichtiger Grund dafür, dass der Frauenhandel überhaupt florieren kann, ist die Nachfrage nach Prostituierten. Schätzungen gehen davon aus, dass rund siebzig Prozent der männlichen Bevölkerung der Schweiz Kontakt mit Prostituierten hatten und haben. Deshalb müssten die Freier in die Bekämpfung des Frauenhandels einbezogen werden, sagt Winkler: «Pro Jahr gelangen etwa zwölf Frauen über Freier zum FIZ, das sind sieben Prozent aller Frauen pro Jahr, die ins FIZ finden.» Es sei für Freier nicht immer leicht zu merken, ob die Frau unter Zwang arbeite. In der Ausstellung sind einige Kriterien aufgelistet: «Macht die Prostituierte einen eingeschüchterten, ängstlichen Eindruck? Erfolgt die Zahlung an einen Zuhälter? Spricht die Frau Deutsch? Hat sie die Freiheit, gewisse Praktiken abzulehnen?» Allerdings deuten diese Kriterien nicht zwingend darauf hin, dass die Frau unter Zwang arbeitet. Auch ist es wichtig, dass ein Freier nur mit Einverständnis der Frau zu helfen beginnt.

Die Opferhilfe

Frauen, die Opfer des Frauenhandels wurden, sind meist schwer traumatisiert. Deswegen ist es wichtig, sie zu schützen und zu stärken. Doch gerade hier lässt die Rechtsgrundlage in der Schweiz zu wünschen übrig: Da die Frauen meist ohne Aufenthaltsbewilligung oder ohne Arbeitsbewilligung in der Schweiz sind, müssen sie damit rechnen, ausgeschafft zu werden, wenn sie nicht als Opfer identifiziert wurden. Wenn sie gegen die Täter aussagen, erhalten sie zwar eine kurzfristige Aufenthaltsbewilligung, der langfristige Schutz wird jedoch nicht gewährleistet. Wenn sie nicht bereit sind auszusagen, erhalten sie gar keine Aufenthaltsbewilligung. «Uns vom FIZ geht es primär darum, die Opfer zu schützen, deswegen fordern wir auch einen besseren Opferschutz», sagt Winkler. Dass es in der Schweiz immer noch kein langfristiges Aufenthaltsrecht für Opfer gebe, sei untragbar. Der schlechte Schutz ist auch einer der Gründe, weshalb die Bekämpfung des Menschenhandels so schwierig ist: Aus Angst vor ihren Peinigern sind die Frauen selten bereit, eine Anzeige zu machen. Nach einer Statistik des Bundesamts für Polizei gab es 2006 nur fünf Verurteilungen wegen Menschenhandels, 2005 waren es noch zwölf, 2004 hingegen zwei.

Auch Janet hat aus Angst vor Repressalien auf eine Anzeige verzichtet und ist, unterstützt vom FIZ, wieder nach Argentinien zurückgereist. Ihren Aufenthalt in der Schweiz wird sie wohl nie vergessen.

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