Nr. 49/2008 vom 04.12.2008

«Soso, hier gibts Mücken?»

Ausländische BesucherInnen fallen im zentralasiatischen Vielvölkerstaat kaum auf und dürfen sich über seltsame Formen der Korruption wundern. Die einheimische Bevölkerung hat sich daran gewöhnt.

Von Wolf Kantelhardt, Peking

«Ja, in der Sowjetunion war der Unterricht sehr gut. Aber jetzt ...» Kopfschüttelnd drückt der Diplomat seine Zigarette aus. Sein fast perfektes Deutsch hat er in der Schule gelernt. Nach einer Rauchpause vor der kirgisischen Botschaft in Peking verschwindet er in der Visaabteilung und zieht die Tür hinter sich zu. Laut dem neben dieser Tür angebrachten Schild ist die Visaabteilung ab 16 Uhr geöffnet. Aber erst nach mehrmaligem Klingeln wird die Tür um zehn nach vier einen Spalt breit aufgemacht. «Wir haben eine Konferenz. Heute öffnen wir erst um fünf», erklärt ein Botschaftsangestellter.

Die kirgisische Botschaft in Peking ist vor kurzem aus dem Tayuan Diplomatic Compound, wo sie ein paar Zimmer in vierten Stock gemietet hatte, in eine Villa in der «King’s Garden»-Wohnanlage umgezogen. Hier gibt es nicht nur Klingeln an der Tür, sondern auch einen grossen künstlichen See. Die Mücken setzen den wartenden ChinesInnen sehr zu. Vielleicht rauchen die kirgisischen Diplomaten zum Vertreiben der Mücken so viel? Alle paar Minuten kommt jemand heraus, um sich eine anzuzünden. Der Konferenz kommt das nicht zugute. Um fünf erscheint der Botschaftsangestellte wieder: «Die Konferenz ist noch nicht beendet», informiert er.

Expressgebühr ohne Quittung

«So ein Mist. Mein Flug ist doch schon morgen», jammert Xu Wen. Der chinesische Geschäftsmann steht an zweiter Stelle der Schlange. Er soll in Kirgisistan eine grosse internationale Hotelkette in Finanzfragen beraten. Als die hinter ihm wartende Chinesin dann zu allem Überfluss erklärt, dass die Visumgebühr von der nächstgelegenen Filiale der Bank of China aus überwiesen werden muss, ist Xu Wen ganz verzweifelt: «Die Banken schliessen doch jetzt!» Offensichtlich hat der kirgisische Staat kein allzu grosses Vertrauen in seine Diplomaten. Und tatsächlich schwärmen die ja sogar gegenüber Wildfremden von der Sowjetzeit ...

Eine junge Chinesin kommt und klingelt heftig. Als die Wartenden ihr erklären, dass die Konferenz noch nicht beendet sei, zuckt sie nur mit den Schultern und telefoniert kurz mit ihrem Handy. Daraufhin wird sie hereingewunken. Als dann zehn Minuten später alle hereingelassen werden, steht sie als Erste am einzigen Schalter. Der Angestellte arbeitet sich durch ihren Stapel von mindestens Visumsanträgen. Xu Wen hat also genügend Zeit, das neben dem Schalter hängende Schild durchzulesen. Es informiert die Wartenden, dass der Visumsantrag nicht bearbeitet wird, wenn er erstens falsche Angaben enthält, der Antragsteller zweitens schon einmal in Kirgisistan gegen Gesetze verstossen hat oder er drittens unhöflich mit den Botschaftsangestellten spricht. Zusätzlich wird darauf hingewiesen, dass die Angestellten nicht verpflichtet sind, Auskunft zu erteilen, aus welchem dieser drei Gründe die Bearbeitung des Antrags abgelehnt wurde. Die junge Chinesin kratzt sich die Beine. «Hier gibt es aber viele Mücken», jammert sie. Der Botschaftsangestellte blickt kurz auf: «Ach, wirklich?», fragt er. Die Chinesin besinnt sich auf Regel drei: «Aber das ist natürlich nicht Ihre Schuld», versichert sie mit strahlendem Lächeln.

Kurz vor sechs kommt Xu Wen an die Reihe. Pass, Passkopien, Passfoto hat er dabei. Aber kein Einladungsschreiben. «Aber ich brauche das kirgisische Visum unbedingt noch heute ...» Das war der richtige Satz: Der Angestellte verzieht zwar keine Miene, aber sein ganzes Verhalten ändert sich. Er schiebt Xu Wen einen Bogen Papier zu, auf dem er sein Einladungsschreiben selbst verfassen darf. Sein Visum wird in den Pass gestempelt, den er gleich mit-nehmen kann. 1300 Renminbi -Yuan, umgerechnet 200 Franken, muss Xu Wen dafür bezahlen. Expressgebühr. Ohne Quittung. Aber er freut sich, dass er morgen doch noch fliegen kann.

Niemand fällt auf

Im Air-China-Flug in die kirgisische Hauptstadt Bischkek sitzen viele chinesische UnternehmerInnen. Einer, der dort eine Legebatterie mit 40 000 Hühnern betreibt, schimpft: «Wir Chinesen werden in Kirgisistan als fettes Stück Fleisch betrachtet, von dem sich jede Regierungsebene und jede Behörde ein Stück abschneiden will.» Das gilt jedoch nicht nur für ChinesInnen. Der Reiseführer warnt alle AusländerInnen vor allem vor den Polizisten in der Nähe des Oschbasars, des grossen Marktes der Stadt. Die sollen nach einer Passkontrolle - zu der sie berechtigt sind - oft auch die Taschen durchsuchen wollen - wozu sie nicht berechtigt sind - und dabei Geld und Digitalkameras klauen. Im Fall, dass man von Polizisten angesprochen würde, solle man versuchen, möglichst viel Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen und ihnen auf keinen Fall in unbelebtere Teile des Basars folgen. Anderseits ist es praktisch, wenn die Diebe uniformiert sind: Man kann ihnen dann besser aus dem Weg gehen ...

Es gibt jedoch noch eine andere Art des Schutzes: Niemand muss in Kirgisistan als AusländerIn auffallen. Es gibt hier über achtzig verschiedene Völker, denn das Gebiet des heutigen Kirgisistan war schon von jeher ein Spielball zwischen den chinesischen Kaisern, den russischen Zaren und den Khanen von Taschkent, die alle ihre Massaker, Vertreibungen und Ansiedlungen vornehmen liessen. Eines der Völker nennt sich sogar «Dongan» (chinesisch für «aus dem Osten vertrieben»). Das sind die Nachkommen der zwischen 1877 und 1878 von den Qing-Kaisern aus den chinesischen Provinzen Gansu und Shaanxi vertriebenen chinesischen MuslimInnen. Danach ermordeten die Truppen des Zaren 1916 eine halbe Million ZentralasiatInnen (vierzig Prozent der Bevölkerung von Nordkirgisistan) und trieben 120 000 Menschen über die Pässe nach China zurück. Dann begannen die stalinistischen Umsiedlungen. Danach der Zweite Weltkrieg.

Nicht nur die Bevölkerung Kirgisis-tans ist eine bunte Mischung. Auch die Landkarte, festgelegt in der Zeit zwischen 1924 und 1936, ist ein Flickenteppich. Im Süden des Landes gibt es vier zum Nachbarland Usbekistan gehörende Enklaven, wobei allerdings die mit 325 Quadratkilometer grösste davon von TadschikInnen bewohnt ist. Zwei weitere Enklaven gehören denn auch zu Tadschikistan. Umgekehrt gehört ein Dorf mit 600 EinwohnerInnen, das dreizehn Kilometer jenseits der Grenze in Usbekistan liegt, noch zu Kirgisistan. Nicht mehr zu Kirgisistan gehört dagegen seit 2002 das gut 900 Quadratkilometer grosse Grenzgebiet, das der damalige Präsident Askar Akajew an die Volksrepublik China abtrat.

Egal ob Fremdsprachen, Geschichte, Geografie oder Politik: Die kirgisischen Schulkinder müssen eine Menge lernen. Trotzdem spielt der zwölfjährige Roslan Isabekow heute Morgen Fussball. Hat er keinen Unterricht? «Doch. Aber dieses Halbjahr gehe ich zur Nachmittagsschicht», sagt er. Offenbar hat der kirgisische Diplomat in Peking wirklich besser daran getan, das Niveau des kirgisischen Schulunterrichts zu verschweigen. Die staatlichen Schulen haben eine Vormittags- und eine Nachmittagsschicht, weil es sowohl an LehrerInnen wie auch an Schulgebäuden fehlt, um alle Schulkinder gleichzeitig zu unterrichten. «Die Lehrer sind nach Russland abgehauen. Da verdienen sie mehr», wiederholt Roslan Isabekow, was er wohl von seinen Eltern gehört hat. Schön - aber was ist mit den Gebäuden?

Immerhin müssen sich Isabekows Eltern keine Sorgen darüber machen, dass ihr Sohn im Winter erst im Dunkeln heimkommt. Weil das Erziehungsministerium Heizkosten sparen muss, wird im Januar und Februar 2009 zwei Monate lang gar kein Unterricht stattfinden. Immerhin zeigt das Erziehungsministerium mit dieser Ankündigung im Voraus, dass es sich noch mehr als Dienstleister für die BürgerInnen versteht als der staatliche Energieversorger National Electric Grid (NEG). Diesem mangelt es an Strom, weshalb es im Herbst NEG-Mitarbeiter losgeschickt hat, um bei privaten Haushalten leistungsschwächere Sicherungen einzubauen oder gar die dritte und zweite Phase durchzuschneiden.

«Erst habe ich gejammert und gesagt, dass ich doch bald mein Baby bekomme und deswegen unbedingt Waschmaschine und Kühlschrank gleichzeitig benutzen muss», erzählt die Hausfrau Guliaschar Tanjew. «Aber die Stromleute waren so unfreundlich und hart. Da lud ich sie zum Essen ein, worauf sie mir sagten, ich könnte ihnen auch Geld geben, damit sie ins Restaurant gehen könnten. Ich habe sie gefragt, wie viel sie denn bräuchten? Es dürfe aber nicht zu viel sein, sonst würde mein Mann mit mir schimpfen. Sie wollten 200 Som.» Das sind umgerechnet etwas mehr als sechs Franken.

Guliaschar Tanjew ist sehr stolz auf ihre schlaue Idee - allerdings war sie nicht die Einzige, die darauf kam: Die NEG-Mitarbeiter haben so oft ihre sechs Franken kassiert, dass es immer noch an Strom mangelt. Deswegen griff NEG zu härteren Methoden: Seit Anfang des Winters werden Stadtviertel wechselweise abgeschaltet, wovon dann auch wirklich alle betroffen sind - Krankenhäuser und sogar Verkehrsampeln, und nicht nur jene, die keine 200 Som zur Hand hatten. Guliaschar Tanjews gute Laune ist dahin. Sie vermutet zudem, dass NEG für das Ausschalten des Stroms ohne Plan und Vorwarnung von den Importeuren chinesischer Generatoren etwas zugesteckt bekommen haben. Denn die Generatorenhändler-Innen verdienen jetzt bestens. Zumindest in den Städten.

Für die Landbevölkerung ist ein eigener Generator ein unerschwinglicher Luxus. Wer das Saatgut auf Kredit kaufen musste, ist nun hoch verschuldet, denn das Land erlitt wegen zu geringer Regenfälle eine Missernte. Die den ärmsten Familien zugeteilte staatliche Nahrungsmittel- und Brennmaterial-hilfe können diese ihren - ebenfalls staatlich zugeteilten - Bürgermeistern zu Marktpreisen abkaufen.

Der armen Bevölkerung bleibt nur die Hoffnung auf nichtstaatliche Hilfs-organisationen (NGOs). Aber viele der ausländischen Hilfswerke haben das Land verlassen - aus Protest gegen die hohen Steuern auf Geldtransfers nach Kirgisistan. Doch auch kirgisische NGOs oder Selbsthilfegruppen haben Schwierigkeiten.

«Eine NGO nach der anderen wird auf mysteriöse Weise bei irgendwelchen Gesetzesverstössen ertappt», erzählt Feliks Konchalowskij, Leiter eines Nonprofitwohnheims für RentnerInnen. «Daraufhin wird das Eigentum der NGO polizeilich sichergestellt und später unter Marktpreisen an private Interessenten weiterverkauft.» Konchalowskijs Wohnheim liegt recht zentral und sogar neben einem schönen Park - eine begehrte Immobilie. Weil die Bewohner-Innen des Heims von ihren 300 Som (umgerechnet 9.30 Franken) Rente pro Monat nicht leben können, betreiben viele von ihnen in der Umgebung einen kleinen Verkaufsstand. «Ich habe schon eine Warnung erhalten, die ich sehr ernst nehme», sagt Konchalowskij und kratzt sich nachdenklich am Kopf. «Aber was soll ich machen?»

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Überweisung

PC-Konto 87-39737-0
BIC POFICHBEXXX
IBAN CH04 0900 0000 8703 9737 0
Verwendungszweck Spende woz.ch