Nr. 10/2009 vom 05.03.2009

«Gott weiss warum»

Mit seinem neuen Roman erinnert der in Payerne lebende Jacques Chessex an ein trauriges Kapitel der Schweizer Geschichte und sorgt in der Region La Broye für Aufregung.

Von Raphael Zehnder

«Einen Juden als Exempel» wollten der Möchtegern-Gauleiter Fernand Ischi und seine Bande 1942 in Payerne töten. Sie lockten den sechzigjährigen Berner Viehhändler Arthur Bloch am 16. April 1942 unter einem Vorwand vom Marktplatz in einen Stall. Dort erschlugen sie ihn, zerstückelten seine Leiche und versenkten sie im Neuenburgersee. Wenige Tage danach wurden sie gefasst, im Februar 1943 fand der Prozess statt: Zuchthaus lebenslänglich für Fernand Ischi, den Anführer, lebenslänglich für zwei weitere Angeklagte, zwanzig Jahre für einen minderjährigen Komplizen, fünfzehn für einen anderen Mittäter. Den Ideologen dieser Nazibande, den pfarreilosen Pfarrer Philippe Lugrin, schleusten deutsche Diplomaten über die Grenze ins Reich, wo ihn US-Soldaten 1945 festnahmen.

Nicht besser als die NachbarInnen

Das Verbrechen dieser fanatischen Figuren hat Chessex sein Leben lang beschäftigt: 1967 etwa veröffentlichte er den Text «Un crime en 1942», und die Figur des Georges Mollendruz im 1973 mit dem Prix Goncourt ausgezeichneten Roman «L’Ogre» (deutsch «Der Kinderfesser») erinnert stark an den hasszerfressenen Antisemiten Lugrin. Der Reminiszenzen ans Verbrechen von Payerne gäbe es noch etliche mehr in Chessex’ Werk. Es geschah in seiner Heimatstadt, als der nachmalige Autor acht Jahre alt war.

Aus dem Fall, der auch verschiedentlich journalistisch aufgearbeitet wurde, macht Jacques Chessex mit «Un Juif pour l’exemple» einen kurzen, präzisen, scharfen Roman. Minutiös schildert er das Milieu, in dem das Gedankengut virulent war, das zu diesem Mord führte. Die Wirtschaftskrise als Nährboden für extremes Gedankengut, Antisemitismus, die Frontenbewegung: Es gibt erfreulichere Kapitel der Schweizer Geschichte.

Chessex’ Roman ist ein Erfolg: 10 000 verkaufte Exemplare innert dreier Wochen in der Westschweiz, wo sonst Auflagen von unter 1500 Exemplaren die Regel sind, 30 000 bereits in Frankreich, Lob von «Le Monde» über «Paris-Match» bis zur Westschweizer Tagesschau. Das Nazithema ist ein Dauerbrenner. Das widerspiegelte unlängst etwa Jonathan Littells SS-Roman «Die Wohlgesinnten», das belegt zurzeit Peter Longerichs Himmler-Biografie. Nur sind bei Jacques Chessex die Bösen nicht im Ausland zu Hause, sondern mitten unter uns. In manchem Schweizer Dorf wissen die Älteren noch heute, wer der Nazi-Ortsgruppenleiter geworden wäre. Der Gedanke kann auch heute noch wehtun, denn er zwingt einen zu erkennen, dass «wir» nicht besser gewesen wären als unsere NachbarInnen.

«Dieses Buch ist zum Kotzen, nichts weiter», schreibt ein Journalist in der Regionalzeitung «La Broye», die in Payerne erscheint. Er wirft Chessex vor, das Verbrechen von 1942 nie verarbeitet zu haben und «fast sein ganzes Leben lang» Gift und Galle gegen seine Heimatstadt gespuckt zu haben. Und der Autor habe - in der Tat sind dies konstante Themen in Chessex’ Werk - «ernsthafte Probleme mit Sex und Blut», was der Journalist mit blutigen Zitaten aus dem Buch zu belegen sucht. Der Stadtarchivar und ehemalige Lehrer Michel Vauthey, eigentlich ein Freund von Chessex’ Stil, fühlte sich von diesem Buch verletzt: Payerne sei eine angenehme Stadt, in der es sich gut lebe, sagte er der Zeitung «24 heures». Es habe da nicht mehr Nazis gegeben als anderswo. «Wenn Jacques Chessex nicht von Zeit zu Zeit mit diesem Thema käme, spräche man nicht mehr davon.»

Eine Strasse für Bloch

Auch Michel Roulin, Stadtpräsident des 8500-Einwohner-Orts Payerne, stört sich daran, dass diese 67 Jahre alte Geschichte zurückkehrt: «Ich denke an die Nachfahren der Schuldigen, die oft zitiert werden. Sie sehen ein weiteres Mal dieses Drama auftauchen, für das sie nicht verantwortlich sind. Wenn ich zur Familie gehören würde, würde mir das missfallen ... Payerne ist eine friedliche Stadt im Aufschwung. Wir sind weit entfernt von jenen Zeiten, auch wenn wir das Gedächtnis an das Opfer und seine Familie respektieren», sagte er gegenüber «24 heures».

Die Emotionen gehen also hoch in der Region La Broye. Man solle die Geschichte ruhen lassen, sagen vor allem Ältere. Andere äussern sich positiv über «Un Juif pour l’exemple», loben, dass Chessex dieses unangenehme Kapitel der Geschichte nicht unter den Teppich kehrt, erinnern - wie Christelle Luisier, die Präsidentin der Waadtländer Freisinnigen - an die Pflicht, diese Untat nicht zu vergessen. Sie unterstützen Chessex bei seinem Begehren, eine Strasse oder einen Platz in Payerne nach dem ermordeten Viehhändler zu benennen.

«Gott weiss warum», liess Arthur Blochs Witwe auf den Grabstein ihres Mannes schreiben. Arthur Bloch habe keine Ruhe gefunden unter der Grabplatte mit dieser Inschrift, knüpft Jacques Chessex an dieses Epitaph an, «das ironisch das Vertrauen und Misstrauen» der Witwe «gegenüber den Entschlüssen des Allmächtigen ausdrückt». Noch jetzt, als alter Schriftsteller, der diese Geschichte als kleiner Junge miterlebt habe, wache er manchmal nachts auf, verfolgt und verletzt davon, «und er glaubt, er sei das Kind, das er damals war und das die Seinen ausfragte. Es fragte, wo der Mann sei, den man ganz in der Nähe ermordet und in Stücke geschnitten hatte. Es fragte, ob er zurückkäme. Und wie man ihn empfangen würde. - Ist es wahr, dass er heute Abend umgeht? - Du sprichst von Arthur Bloch, antwortete man ihm sehr leise. Arthur Bloch, von ihm spricht man nicht. Arthur Bloch, das war vorher. Eine alte Geschichte. Schnee von gestern.»

«Alles ist Wunde»

Chessex gibt deutlich zu verstehen, dass er diese Ansicht nicht teilt, denn er erinnert an die Verzweiflung der Hügel von Auschwitz und (mit dieser Erwähnung in einem Atemzug schiesst er allerdings weit übers Ziel hinaus) Payerne, an die Nazischande in Treblinka und den Schweinezüchterdörfern der Broye: «Alles ist Wunde. Alles ist Golgatha. Und die Vergebung ist so fern. Aber gibt es eine Wiederauferstehung? Gnade, Gott, bei der Rose des offenen Bauches. Gnade, bei der Dornenkrone und dem Stacheldraht der Lager. Erbarme Dich, Herr, unserer Verbrechen. Herr, erbarme Dich unser». Da lesen wir - angesichts des vom Menschen angerichteten Grauens - nackte Verzweiflung. Ein grosses, ein menschliches Buch.

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