Nr. 22/2009 vom 28.05.2009

Halbnackt, hautnah, verletzlich

Wenn beim Anblick der Wand der linke Fuss zu zittern beginnt.

Von Alfons Ummenhofer

Es gibt Bücher, die verdienen auch lange nach ihrem Erscheinen eine Würdigung. Dazu gehört der 2008 erschienene Band von Dirk von Nayhauss, der zwanzig Grössen der internationalen Bergsteiger- und Kletterszene interviewte. Die Gespräche mit legendären Figuren wie Reinhold Messner, Oswald Oelz und Chris Bonington, mit aktuellen Medienstars wie den Huberbuam, Gerlinde Kaltenbrunner, Ueli Steck oder mit dem Jungstar David Lama sind unglaublich dicht gepackt.

Aber geht so was auf? Zwanzig Gespräche zum immerselben Thema? Wird das auf Dauer nicht langweilig? Und wurde nicht alles schon mal gesagt: was einen in die Berge treibt, was den Auftrieb bewirkt, was Ängste auslöst? Dirk von Nayhauss hat dieses Problem gut gelöst: Er führte keine Standardinterviews, besuchte viele seiner GesprächspartnerInnen zu Hause, kannte ihre Geschichte und ihre heiklen Punkte und liess sich von Stephan Siegrist durch die Nordwand auf den Eiger führen.

Von daher bietet die Lektüre der Interviews hautnahe Einblicke. Man ahnt, was der Spitzenkletterer Thomas Huber meint, wenn er gleich zum Auftakt bekennt, dass er sich «unten, wenn der beschwerliche, gefährliche Weg hinter mir liegt», am wohlsten fühle (denn dann liegt der mühsame und oft riskante Zustieg zur Wand hinter ihm) - und wenn er kurz danach von der Angst berichtet, die er hat, bevor er losgeht. Oder wenn Josune Bereziartu, die als erste Frau eine Route im Schwierigkeitsgrad 9a+ kletterte, erzählt, wie ihr beim Anblick des Walkerpfeilers an den Grandes Jorasses im Montblanc-Gebiet der linke Fuss zu zittern anfing.

Die SuperheldInnen sind also auch Menschen wie du und ich. Sie kennen die Furcht - und werden dennoch immer wieder angetrieben. «Ich wollte erfahren, warum sie immer wieder losziehen», schreibt von Nayhauss in der Einleitung. Nach der Lektüre hat man eine ziemlich genaue Vorstellung davon.

Den Kick erhält das Buch jedoch durch die aussergewöhnlichen Fotos. Dirk von Nayhauss durfte ganz nahe herangehen. Seine Schwarz-Weiss-Porträts zeigen die BergsteigerInnen in bisher unbekannter Klarheit: Sie hängen nicht an Felsen herum, sondern stehen einzeln vor einem neutralem Hintergrund. Nicht Action ist zu sehen, sondern das Individuum - manche mit entblösstem Oberkörper, was ihre Stärke, aber auch Verletzlichkeit unterstreicht. Die Hände sind wichtig, die faltenreichen Gesichter, vor allem aber die Augen. Denn die leuchten. Und einmal sind die Füsse von Oswald Oelz zu sehen, dem bei einer Expedition die Zehen erfroren. Die Bilder und alle Gespräche unterstreichen die Ernsthaftigkeit, mit der die Einzelnen die Risiken abwägen, bevor sie losziehen. Wie gross das Risiko ist, zeigte der Tod von Harald Berger, der ebenfalls porträtiert wird. Kurz vor der Fertigstellung des Buches brach ein Eisdach über ihm zusammen. «Extrem am Berg» ist, wie Emil Zopfi im Vorwort zu Recht bemerkt, ein unerwartetes und auf seine Art extremes Bergbuch.

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