Nr. 19/2011 vom 12.05.2011

Motivation pur

Ein Kletterführer ohne Anstiegsskizzen und die sonst üblichen Tipps. Und siehe da: Es geht auch ohne.

Von Alfons Ummenhofer

Da hat uns der Hans Grossen aber ein schönes Buch beschert. Sein «Sportklettern Berner Oberland» ist genau der Stoff, der unsere Augen glänzen lässt. In bester Tradition – 1996 war der Band «Sportklettern in den Alpen» von Malte Roeper und Peter Mathis erschienen – kribbelt es einem schon beim Durchblättern in den Fingern.

Dabei ist der prächtig gestaltete Band aus dem Hause Filidor kein Kletterführer im eigentlichen Sinn. Das ist neu und meines Wissens erstmalig für diesen Verlag, der sich vor allem mit den Reihen «Schweiz extrem» und «Schweiz plaisir» einen Namen gemacht hat. Denn es fehlen die sonst üblichen Detailinformationen zu den einzelnen Kletterrouten. Dafür stellt das Buch 71 Sportklettergebiete vor, die von alpinen Gipfeln über Wände wie des Eigers und der Wendenstöcke bis zu den in der Szene bekannten Klettergärten reichen.

Der magische Pilz in der Wand

Der in Frutigen geborene und dort lebende Autor kennt sich aus. Immerhin dauert sein Kletterleben schon ein halbes Jahrhundert; der frühere Sekundarlehrer hat viele Routen erschlossen und beobachtet seit langem die Entwicklung, die das Klettern in den letzten Jahrzehnten genommen hat. Wer mehr über ein Gebiet weiss, schreibt er im Vorwort, klettert bewusster und respektvoller, hakt Routen nicht einfach nur ab.

Sportklettern heisst, dass Haken, Sanduhrschlingen oder flexible Klemmgeräte hauptsächlich der Absicherung des oder der Vorsteigenden dienen. Das ist der sportliche Anspruch. Allein das Können der KletterInnen und die Felsstruktur bestimmen das Mass. Natürlich spielt es eine Rolle, ob eine Route 30 oder 300 Meter lang ist – mindestens genauso wichtig aber ist die Einstellung, mit der geklettert wird. Und die ist heute anders als früher, wie das im Buch geschilderte Beispiel der Eigernordwand zeigt. Neben den klassischen Wegen wie der Heckmair-Führe der Erstbegeher durchziehen mittlerweile über ein Dutzend Sportkletterrouten die Wand, darunter Hammerrouten wie Pacienca oder Magic Mushroom mit Stellen im Schwierigkeitsgrad 7c+ und 8a.

Fotografierte Ansprüche

Die Informationen sind fundiert und umfassend. Grossen beschreibt Ausrichtung und Lage der einzelnen Gebiete, reportiert Besonderheiten wie Felsformation und Gesteinsaufbau und schildert die Erschliessungsgeschichte der vielen Routen so anschaulich, dass man sofort losklettern möchte. Dazu kommen ausführliche Porträts: Der Autor stellt berühmte und legendäre Kletterer vor wie Peter Lechner oder Kaspar Ochsner, aktuelle Stars wie Ueli Steck oder Stephan Siegrist, aber auch stillere Akteure wie Resu Liebundgut oder Michal Pitelka. Nicht alle von ihnen sind über die Entwicklung des Klettersports glücklich – auch Grossen nicht, der den Verlust der freundschaftlichen Verbundenheit unter den Kletternden auf Kosten einer um sich greifenden Anonymisierung kritisiert. Sie spiegelt die gesellschaftliche Vereinzelung wider, die sich etwa dann zeigt, wenn die Leute an den Einstiegen acht- und wortlos aneinander vorbeigehen.

So gesehen enthält «Sportklettern Berner Oberland» auch ein Stück Sozialkritik. Was einen beim Lesen und Betrachten des Buches aber völlig überwältigt, sind die fantastischen Bilder; sie zeigen höchst anschaulich die sportklettertechnischen Ansprüche der heutigen Zeit. Wer beim Anblick von Robert Böschs Foto keine feuchten Hände bekommt (es zeigt Ueli Steck free solo in der Route Excalibur an den Wendenstöcken), dem ist eh nicht zu helfen. Also nichts wie hin!

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