Nr. 22/2009 vom 28.05.2009

Skizzen für den direkten Weg nach oben

Nicht alle Steighilfen in Buchform sind gut genug. Diese schon.

Von Alfons Ummenhofer

Die Älteren können sich vielleicht noch erinnern. «Über eine kurze Wand zu einem interessanten Kamin, durch diesen hinauf gelangt man zu einem Einschnitt eines die Wand herunterziehenden Wandgrates.» Alles klar? So oder ähnlich klangen unzählige Wegbeschreibungen in den Dolomiten, und mit Grausen erinnere ich mich heute noch an die vielen Diskussionen, die wir auf unseren Touren hatten. Wohin geht es jetzt noch mal? Was meinte der Autor des Kletterführers tatsächlich? Meist sind wir damals wohl neben statt in der Route geklettert.

Heute ist das anders, heute bestehen Kletterführer hauptsächlich aus Routenskizzen, die alle wichtigen Informationen enthalten. Wurde früher ein Kletterweg durch eine Wand wortreich beschrieben, kommt es heute vor allem auf die zeichnerische Aussagekraft der Abbildungen an, die Topos genannt werden. Einer der Ersten, der diesen Wechsel vom Wort zum Bild vollzog, war Vital Eggenberger mit seinem 1988 erschienenen, mittlerweile legendären SAC-Kletterführer «Rätikon».

Ein gutes Topo bietet erheblich mehr Orientierung - sofern man es zu lesen versteht. Es liefert sämtliche Informationen zu Routenverlauf und Schwierigkeitsgrad, zum Charakter der Seillängen, zu den Herausforderungen (muss ein Überhang überwunden werden, sind Passagen mit Geröll oder Gras durchsetzt?), zum Zustand der Standplätze, zu den Sicherungsmöglichkeiten. Worte braucht es nur noch für den Routennamen, die Ausrichtung der Wand und eventuell Informationen zur Erstbegehung. Das genügt.

Und doch ist ein guter Kletterführer mehr als eine reine Datensammlung. Die präzise Darstellung entscheidet. Es ist nicht einfach, die charakteristischen Merkmale beispielsweise einer Felswand treffend hervorzuheben. Das zeigt etwa der Rätikonführer des deutschen Panico-Verlags, der lange nach Eggenbergers Skizzenbuch erschien: Ein paar schemenhafte Andeutungen sind zu wenig, da hilft auch keine fotografische Übersicht.

Im Unterschied dazu können sich die SAC-AutorInnen ohne falsche Bescheidenheit auf die Schulter klopfen. Der 1991 erschienene Alpsteinführer von Phillippe Hostettler und der 1995 publizierte Churfirstenführer von Thomas Wälti überzeugen durch ihre hohe Qualität. Vor allem Wältis Buch ist für mich immer noch ein Highlight unter den vielen Topo-Führern.

Der jetzt erschienene SAC-Band, der Routen von St-Imier bis Delémont beschreibt, schliesst sich nahtlos an diese Reihe an. Der zweisprachige Führer über die Klettergärten des Jura besticht durch seine übersichtliche und moderne Aufmachung in der Kombination von Kletterfotos und Routenskizzen. Wie in den anderen SAC-Führern sind es aber auch hier wieder die Zeichnungen der Felsen und Wandpartien, die besonders imponieren. Carine Devaux Girardin gelang nicht nur das Gesamtlayout hervorragend, ihre Skizzen heben diesen Führer über einen reinen Gebrauchsgegenstand hinaus. Man wird immer wieder in ihm blättern wollen.

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