Nr. 11/2011 vom 17.03.2011

Runter in die Schlucht!

Im Grand Canyon Frankreichs hat Klettern einen besonderen Reiz: Nicht der Aufstieg steht zuerst, sondern das Abseilen. Alle wissenswerten Informationen dazu liefert ein neuer Bergführer.

Von Alfons Ummenhofer

«Nirgends auf der Welt ist es so ungefährlich zu stürzen, und nirgends hat man so viel Angst davor wie im Verdon», schrieb Udo Neumann in der Erstausgabe seines Lehrbuchs «Lizenz zum Klettern». Der Satz stimmt noch immer. Als wir letzten Sommer, nach über zehn Jahren, wieder zu diesem südfranzösischen Grand Canyon gefahren waren und uns an das Geländer des Aussichtspunkts Le Carelle lehnten, nahm uns die saugende Tiefe sofort gefangen. Da wollen wir morgen runter? Ehrfürchtiges Schaudern machte die Runde. Denn wo man sich abseilt, muss man auch wieder hochklettern.

Es geht also erst mal runter. Wer den Einstieg zu einer der vielen Kletterrouten in der Gorges du Verdon finden will, muss die richtige Abseilstelle auswählen. Aber welche ist da richtig? Diese entscheidende Frage zu beantworten, ist eine recht kitzelige Angelegenheit, die einem manch nervenaufreibende Entscheidung abverlangt. Um sich sicher zu sein, braucht es also eine gute Orientierung.

Der neue Kletterführer «Verdon 2010», den die Klettervereinigung Lei Lagramusas herausgegeben hat, ist da ein guter Ratgeber. Er trägt entscheidend dazu bei, dass man sich in der gewaltigen Schlucht zurechtfindet.

Grosse Klassiker

Dieses gewöhnungsbedürftige Abseilen zu Beginn der Kletterei ist höchstwahrscheinlich der Grund, warum erst verhältnismässig spät, so um das Jahr 1968, das Klettern an den steilen Felsen der Verdonschlucht seinen Anfang nahm. Doch danach folgte Schlag auf Schlag die Eröffnung von Routen, die heute noch zu den grossen Klassikern zählen. Die zahllosen Klettermöglichkeiten bieten eine grosse Auswahl – vom Techno Big Wall über spärlich gesicherte Seillängen mit alpinem Charakter bis zum Kinderklettergarten.

An den Grandes Falaises beidseits der Schlucht und den L’Escalès, der Hauptschlucht auf der Seite von La Palud-sur-Verdon, gibt es unzählige Mehrseillängenrouten von atemberaubender Schönheit und mit fantastischer Felsqualität. Dazwischen laden kurze Climbs direkt am Trauf zum Warmklettern ein, und an den Petites Falaises finden Kletterbegeisterte Sportkletterrouten, an denen Geschichte gemacht wurde.

Im neuen Führer sind diese Gebiete durch unterschiedliche Einfärbungen der Seitenränder gekennzeichnet, was sich im Gebrauch als nützlich erweist: Man findet die gesuchten Sektoren recht schnell. Von jedem Sektor sind ein oder mehrere Fotos abgebildet, auf denen die Routen exakt und mit unterschiedlichen Farben eingezeichnet sind; jede Farbe markiert einen bestimmten Schwierigkeitsgrad. Die solcherart über die Fotos der Wände gelegten Routenskizzen bieten eine klarere Übersicht als der alte Führer von 1995. Die Kletterskizzen des alten Führers waren im Vergleich dazu eher verwirrend – sie verloren sich recht oft in einem Knäuel von Strichlinien.

Prima Orientierung

Mehrere Piktogramme ergänzen alle wesentlichen Informationen: die Ausrichtung des Sektors, der Schwierigkeitsgrad der Tour und die Absicherung der Route. Die Namen der ErstbegeherInnen und das Datum der ersten Tour sind ebenfalls vermerkt. Weitere Angaben, etwa zur Länge der Route und zur Länge der einzelnen Abseilabschnitte, erleichtern die Wahl; ausführliche Zugangsskizzen und Fotos von den Abseilstellen ermöglichen eine prima Orientierung. Es stört auch nicht, dass der Kletterführer nur auf Französisch und Englisch geschrieben ist. Selbst wer beide Sprachen nicht beherrscht, findet sich nach kurzer Zeit zurecht und kann sich sattklettern.

Die grandiose Landschaft der Haute Provence, die Abgeschiedenheit der Region (es leben dort durchschnittlich nur vierzehn EinwohnerInnen auf einem Quadratkilometer) und das angenehme Klima (eine Mischung aus der Hitze der Provence und der Kühle der Berge) machen eine Kletterwoche im Verdon zu einem unvergesslichen Erlebnis.

Damit die Motivation nicht absackt, zeigt das Team der Kletterbar in La Palud jeden Abend zu guter Musik Klettervideos, die einem ausreichend Auftrieb für den nächsten Tag geben. Und einen dann selig in den Schlafsack fallen lassen.

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