Gemeindepolitik : Spannungen im Speckgürtel

Nr. 39 -

Die Agglomerationsgemeinden wachsen. Aber wehe, die NeuzuzügerInnen wollen in der Dorfpolitik mitreden. Im Aarauer Vorort Suhr haben sie es versucht – und sich den Zorn der Ortsbürgergemeinde eingehandelt.

«Ihr wurdet bestimmt beauftragt, uns in die Pfanne zu hauen!» Die Entgegnung auf eine Interviewanfrage lässt darauf schliessen, dass der Haussegen in Suhr mehr als schief hängt. Sie stammt von Urs Zimmermann. Er ist Präsident der Interessengemeinschaft echt Suhr, einer losen Gruppierung aus VertreterInnen der SVP, der FDP und bürgerlichen Parteilosen. Sie wurde im Mai dieses Jahres gegründet, um an den Wahlen vom 27. September [2009] die verlorenen Gemeindeämter zurückzuholen.

Bis 2005 war die Regierung in Suhr noch bürgerlich. Sie bestand grösstenteils aus VertreterInnen der Suhrer Ortsbürgergemeinde, also alteingesessenen Suhrer Familien. Dann kam Zukunft Suhr. Das überparteiliche Bündnis aus Mitte-links-VertreterInnen und Parteilosen trat mit neun KandidatInnen an und konnte auf Anhieb acht von fünfzehn Gemeindeämtern belegen. «Wir wollten damals eine Gegenbewegung in Gang setzen, da wir alle Suhrer in den Behörden vertreten haben wollten», sagt Barbara Gloor-Estermann, die einen Sitz im Gemeinderat erobern konnte und heute das Amt des Vizeammanns innehat. Das Dorf habe sich schliesslich in den letzten Jahren verändert. Besonders die neuen Überbauungen hätten viele neue BewohnerInnen angezogen und dazu beigetragen, dass die Gemeinde gewachsen sei.

Angst vor Aarau

Suhr, im Speckgürtel von Aarau, ist eine typische Vorortsgemeinde – bevölkert von Pendlern, jungen Familien und Rentnerinnen. Wie die meisten Agglomerationsgemeinden kämpft Suhr mit Problemen bei den Finanzen und bei der Raumplanung. Die Bevölkerung orientiert sich kulturell an den nahen Ballungszentren Aarau und Zürich. Zu Hause vertreiben sich die Jungen ihre Zeit auf dem Bahnhof oder dem Schulhof, die Älteren erledigen bestenfalls noch die Einkäufe beim lokalen Detailhändler. Über Mittag schliessen die meisten Läden in Suhr. Dass die Migros-Filiale «über Mittag offen» hat, verkündet sie auf einem grossen Schild vor dem Eingang. Eine junge Frau nutzt die Gelegenheit und nimmt um 12.30 Uhr ein Körbli vom Stapel. Auf die Frage, ob sie den Wahlkampf verfolge, antwortet sie: «Balkan? Nein, ich komme aus den Philippinen.»

Rund tausend Menschen zogen in den vergangenen acht Jahren nach Suhr. Ende Dezember 2008 lag die EinwohnerInnenzahl der Vorortsgemeinde von Aarau bei 9556, der Ausländeranteil beträgt 30,1 Prozent – relativ hoch bei einem Schweizer Durchschnitt von 21,7 Prozent. «Die IG echt Suhr hat diese Veränderungen alle verpasst», meint Heiner Kilchsperger, der für das Bündnis Zukunft Suhr als Schulpfleger kandidiert. Die Leute von echt Suhr kümmern diese Vorwürfe nicht. Das altbackene Image wird sogar gepflegt: «Wir pflegen werterhaltendes Gedankengut, tragen Sorge zu unserem Besitz und erbringen für die Öffentlichkeit grosse finanzielle Leistungen», schreibt der Vizepräsident der Suhrer Ortsbürgerkommission in einer Wahlkampfzeitung. Alteingesessenheit ist eines der wichtigsten Verkaufsargumente der «echten» SuhrerInnen.

Und die Angst vor einer Fusion mit Aarau – obwohl dieses Projekt erst von Kantonsseite zur Überprüfung vorgeschlagen wurde und noch keineswegs spruchreif ist. Die IG echt Suhr ist dennoch dagegen. Zwischen den Aarauern und den Suhrern bestehe ein Mentalitätsunterschied, hält die IG echt Suhr in einer Wahlkampfpostille fest. «Speziell an öffentlichen Anlässen kann man beobachten, wie sich die einen von den anderen abschotten, um in ihrer Eintracht nicht gestört zu werden», weiss echt Suhr zu berichten. Solche Argumente ernten bei den PolitikerInnen von Zukunft Suhr ratloses Kopfschütteln. Ein Zusammenschluss mit Aarau sei noch gar nicht vollständig überprüft worden. «Die IG echt Suhr arbeitet in ihrer Kampagne mit der Angst der Bürger», sagt Barbara Gloor-Estermann.

In weiteren Publikationen versuchen die «echten» SuhrerInnen, die Leistungen der PolitikerInnen von Zukunft Suhr kleinzureden, und hängen ihnen alle möglichen Fehler an: von Mobbing reichen die Vorwürfe über Unfähigkeit bis zu Faulheit. Bisher war sich das Bündnis Zukunft Suhr zu schade, auf gleichem Niveau zurückzugeben – obwohl es dazu Anlass genug gegeben hätte. Ende Juni dieses Jahres sass beispielsweise die Gemeinderätin X.*, ein Gründungsmitglied der IG echt Suhr, in Untersuchungshaft. Sie soll rund 300 000 Franken veruntreut haben. Sie trat als Gemeinderätin zurück.

«Authentisch, eigenständig, stark»

Ebenfalls im Juni überfiel ein Jugendlicher den Sohn eines Ortsbürgers und verletzte ihn dabei am Kopf. Die «echte» Suhrer Gemeinderatskandidatin Carmen Suter rief daraufhin im Namen der Ortsbürgergemeinde brieflich zur Teilnahme an der Gemeindeversammlung auf. Im Brief fand sich der Vermerk, dass die jugendliche Täterschaft aus dem Balkan stamme. «Nehmen Sie aktiv am Geschehen teil und bestimmen Sie die weitere Entwicklung unserer Gemeinde mit», forderte sie. Das Brisante an dieser Aufforderung: An der Gemeindeversammlung wurde auch über Einbürgerungsgesuche abgestimmt. Drei Jugendlichen aus Serbien-Montenegro wurde daraufhin die Einbürgerung verweigert. Sie hatten nachweislich nichts mit dem Überfall auf den Ortsbürgersohn zu tun.

Der Vater des Opfers habe ein Zeichen setzen wollen, zitierten ihn die lokalen Nachrichten. Was für ein Zeichen die Nichteinbürgerung dreier Schüler mit einwandfreiem Leumund genau hätte darstellen sollen, weiss allerdings niemand. «Für welche politischen Ideen die einzelnen Kandidatinnen und Kandidaten von echt Suhr einstehen, ist nicht bekannt», sagt auch Barbara Gloor-Estermann. «Selbst ob sie sich untereinander kennen und hinter den Kandidaturen der anderen stehen, wissen wir nicht – da müssen Sie schon die Kandidatinnen und Kandidaten von echt Suhr selber fragen.»

Leider hatte kein «echter» Suhrer Interesse daran, seine Ansichten gegenüber der WOZ zu vertreten. Alle Informationen zu echt Suhr seien auf der Internetseite einzusehen, sagt «echt Suhrer» Gemeindeammann Beat Rüetschi. Viel mehr als den Slogan «authentisch, eigenständig, stark» findet man dort allerdings nicht. Kein Grundsatzprogramm, keine Ideen, keine Projekte. Zumindest in dieser Haltung erweisen sie sich tatsächlich als bürgernah. Eine Ad-hoc-Umfrage auf den Strassen Suhrs ergibt nämlich ein verschwindend kleines Interesse an der Gemeindepolitik.

Nur zwei von rund einem Dutzend befragter PassantInnen haben sich – eine knappe Woche vor den Wahlen – mit den KandidatInnen auseinandergesetzt. «Ich kenne den Hüssy», sagt eine Frau mittleren Alters und schnippt Asche von ihrer Zigarette. «Weil ich den kenne, werde ich ihm meine Stimme geben.» Eins zu null für die «echten» Suhrer. Einige Meter weiter dorfauswärts steht eine junge Frau im Garten ihres Hauses, das sie erst seit diesem Juni bewohnt. Für sie ist der Fall klar: «Ich werde das Bündnis Zukunft Suhr wählen.» Warum? «Die sind wenigstens nicht so borniert wie alle anderen hier im Dorf.»

* Der Name wurde nachträglich am 14. Juli 2020 auf Ersuchen der betroffenen Person anonymisiert.