Nr. 45/2009 vom 05.11.2009

«Das Dritte Reich ging unter – Hakoah lebt!»

Einer der bedeutendsten jüdischen Sportvereine Europas wird hundert Jahre alt. Das Jubiläumsbuch «... mehr als ein Sportverein» gibt Einblicke in eine einzigartige Geschichte im Jahrhundert des Horrors.

Von René Martens

Der 1. Mai 1926 war ein grosser Tag für den US-amerikanischen Fussball: Hakoah Wien, im Jahr zuvor erstmals österreichischer Meister, verlor mit 0:3 gegen eine Kombination aus Spielern der US-Klubs New York Giants und Indiana Flooring. 46 000 ZuschauerInnen füllten die Ränge des New Yorker Polo Ground – so viel wie nie zuvor bei einem Fussballspiel in den USA. Der österreichische Fussball galt damals als einer der besten der Welt, und der jüdische Klub aus der Hauptstadt dürfte einen ähnlichen Ruf gehabt haben wie heute ein dominierendes Team aus der Champions League. Der Zuschauerrekord ist allemal bemerkenswert, denn es sollte 51 Jahre dauern, ehe in den USA mehr ZuschauerInnen einem Fussballspiel beiwohnten. Dies gelang erst dem All-Star Team der New York Cosmos, dem unter anderem auch Pelé und Franz Beckenbauer angehörten.

Wie stark die Fussballer des 1909 gegründeten SC Hakoah waren, zeigt auch ein Blick auf die sportliche Bilanz ihrer zwölf Spiele umfassenden US-Tournee. Obwohl sie oft an zwei aufeinander folgenden Tagen antreten mussten, war das 0:3 gegen die gemischte Truppe aus der damals kurzfristig boomenden American Soccer League eine von nur zwei Niederlagen. Kein Wunder, dass im selben Jahr Karl Kraus in seiner Zeitschrift «Die Fackel» schrieb, «das Heroentum im Fussball» sei «längst keine gojische Angelegenheit mehr», also nicht mehr nur auf Nichtjuden beschränkt.

Dienst am grossen Ganzen

Die Kicker der Hakoah trugen wesentlich dazu bei, dass ihr Verein gewissermassen eine Schmiede jüdischen Bewusstseins war. Es wird ja – berechtigterweise – darüber geklagt, dass Sport in den vergangenen rund hundert Jahren oft ideologisch instrumentalisiert worden sei. Aus dem Blick gerät dabei aber, dass der Sport auch als Vehikel dienen kann, um legitime Ziele durchzusetzen. Der SC Hakoah ist ein Beispiel dafür. Deshalb heisst das Buch, das gerade anlässlich des 100. Geburtstags des Klubs erschienen ist, auch «... mehr als ein Sportverein».

Die Gründung des Vereins war eine Reaktion auf das antisemitische Klischee vom körperlich schwachen Juden. Inspiriert von der Idee des so genannten «Muskeljudentums», verfocht der Verein, dass Sport die Persönlichkeit eines jedes Einzelnen und so letztlich die Qualität des gesamten jüdischen «Volks» stärken solle. So plausibel und vielleicht auch notwendig diese Haltung angesichts des Klischees vom körperlich schwachen Juden war: Die Vordenker des jüdischen Vereinssports adaptierten damit die nationalkonservative Sportideologie, nach der die körperliche Betätigung vor allem als Dienst am grossen Ganzen aufzufassen sei, als Förderung der «Volksgesundheit» und letztlich Vorbereitung auf den militärischen Kampf.

«Entartung des Sports»

Ein Beitrag im Jubiläumsbuch, an dem unter anderem Historiker, Politikwissenschaftlerinnen und SoziologInnen mitgewirkt haben, untersucht, wie einflussreiche österreichische Tageszeitungen in der sportlich erfolgreichsten Zeit der Hakoah-Fussballer zwischen 1920 und 1928 über deren Spiele berichteten. Auf den ersten Blick mag das ein Randaspekt sein, doch die Analyse spiegelt den damals in Österreich herrschenden Zeitgeist wider und macht darüber hinaus deutlich, warum nationalsozialistische Ideen hier auf fruchtbaren Boden fallen konnten. Es gab die rassistische «Deutschösterreichische Tages-Zeitung», die etwas weniger aggressive christliche «Reichspost», deren Artikel über die Hakoah von einem Antisemitismus geprägt waren, der vor allem auf der religiösen Konkurrenz beruhte, und die sozialdemokratische «Arbeiter-Zeitung», die ihren Antisemitismus anfangs zwischen den Zeilen versteckte, dafür aber umso offensiver agitierte, nachdem in Österreich 1924 der Berufsfussball eingeführt worden war – «eine Entartung des Sports», für die die Zeitung jüdische Funktionäre verantwortlich machte. Folglich war die Berichterstattung über Hakoah fortan geprägt von plumpen antikapitalistischen Motiven mit starkem antisemitischem Einschlag.

Das Wirken des SC Hakoah hatte also stets eine erhebliche politische Wirkung. Schlagzeilen schrieben aber nicht nur die Fussballer, sondern auch die Schwimmerinnen des Vereins. Jenseits des Sports setzten 1936 die Hakoah-Sportlerinnen Judith Deutsch, Ruth Langer und Lucie Goldner ein wichtiges Signal. Sie weigerten sich aus politischen Gründen, bei den Olympischen Spielen in Nazideutschland für die österreichische Mannschaft an den Start zu gehen. Daraufhin sperrte sie der Österreichische Schwimmverband und annullierte ihre Rekorde – ein Vorgang, der übrigens erst 1995 rückgängig gemacht wurde. 2004 setzte Yaron Zilberman den Schwimmerinnen des Klubs mit seinem Dokumentarfilm «Hakoah – Club der Sirenen» ein Denkmal.

Obwohl die sportlichen Erfolge der Hakoah «aus Neid wieder antisemitische Äusserungen» hervorgerufen hätten, «ändert sich doch sowohl nach innen als auch nach aussen das Bewusstsein, dass für eine körperliche Diskriminierung jüdischer MitbürgerInnen jede Grundlage fehlt», schreibt Philipp Wagner, einer der fünfzehn im Jubiläumsbuch vertretenen AutorInnen. Für eine kurze Phase während der zwanziger und dreissiger Jahre dürfte diese Zustandsbeschreibung zutreffend gewesen sein. In dieser Zeit inspirierte die Hakoah durch ihre legendären Erfolge auch die Gründung Hunderter gleichgesinnter Vereine in aller Welt. In Zürich etwa formierte sich 1921 der FC Hakoah (heute Gruppe 5, 5. Liga), und der Ruf reichte sogar bis nach Australien, wo Hakoah Melbourne und Hakoah Sydney später wesentlichen Einfluss auf die Professionalisierung des nationalen Fussballs nehmen sollten.

Sammelbecken der Rückkehrer

1938, nach dem «Anschluss» Österreichs an Deutschland, wurde der SC Hakoah aufgelöst, und die Sportler gerieten ins Visier der nationalsozialistischen Vernichtungspolitik. Einige prominente Kicker landeten in den Konzentrationslagern, aber alle überlebten den NS-Terror; dem Spieler Béla Kestler gelang sogar die Flucht aus dem KZ Buchenwald. Nach dem Zweiten Weltkrieg hatten einige Helden der zwanziger Jahre dann als Trainer erheblichen Einfluss auf die Entwicklung des Fussballs in Israel. Der berühmteste Coach mit Hakoah-Vergangenheit war aber zweifellos Béla Guttmann, der mit Benfica Lissabon 1961 und 1962 den Europacup der Landesmeister gewann – den Vorläufer der modernen Champions League.

Andere Überlebende bauten nach dem Untergang des NS-Regimes den SC Hakoah in Wien wieder auf: Der Verein wurde zu einem Sammelbecken für Rückkehrer und in Wien gebliebene Juden, denen die eigene Stadt längst fremd geworden war. Man wollte «der staunenden Umwelt zeigen, dass auch ein Hitler nicht imstande war, jüdischen Sportsgeist zu vernichten», wie es ein Funktionär 1946 formulierte. 1946 hiess es in der Vereinszeitung: «Die Politik der Hakoah ist ausschliesslich auf Israel ausgerichtet. Die Hakoah kennt nur ein hohes Ideal: für Israel zu kämpfen.» Andererseits habe der Klub eine «Daseinsberechtigung, solange ein Jude in Wien ist». Der neue Zionismus der Hakoah war in gewisser Hinsicht eine Fortschreibung der alten Ideologie, wonach der Sport eine Vorform eines grösseren Kampfes ist. Einige Mitglieder wanderten denn auch im Nachkriegsjahrzehnt nach Israel aus, was einigen Sparten des polysportiven Klubs erhebliche Personalprobleme bereitete.

Im Vergleich unpolitisch

Das heutige Selbstverständnis der Hakoah-Mitglieder, das im Buch auf der Basis einer Soziologiediplomarbeit referiert wird, ist allerdings weit von den Vorstellungen der Generation der Wiederaufbauer entfernt. «Natürlich verbinden wir das Sporttreiben durchaus auch mit der Vermittlung von jüdischen Werten», sagt der jetzige Präsident Paul Haber. Die Hakoah lege heute aber, wie er schmunzelnd anfügt, «keinen grossen Wert darauf, dass ihre Mitglieder nach Israel auswandern». Im Vergleich zu vielen jüdischen Jugendorganisationen, die zionistische Positionen verfechten, sei die Hakoah sogar «unpolitisch», sagt Ehrenpräsident Erich Sinai.

Politisch aufgeladen ist das Geschehen rund um den SC Hakoah aber weiterhin. Erst vor gerade einmal einem Jahr konnte ein verwickeltes Kapitel der Vereinsgeschichte endlich abgeschlossen werden: die Restitution des Hakoah-Sportgeländes, das dem Verein 1938 geraubt worden war. Nach 1945 wurde die Fläche geteilt und bebaut, später ging sie von der Wiener Gemeinde in den Besitz des österreichischen Staates über, und zwischenzeitlich war die Lage derart aussichtslos, dass sich Hakoah nicht einmal bemühte, das Gelände zurückzubekommen. Die Wende, schreiben die Autoren David Forster und Georg Spitaler, kam erst 1988, als die Beschäftigung mit der braunen Vergangenheit des damaligen Bundespräsidentschaftskandidaten und späteren Bundespräsidenten Kurt Waldheim einen grundsätzlich anderen Umgang mit der NS-Geschichte bewirkte. Bis auf einem Drittel der alten Fläche das Karl-Haber-Sport- und Freizeitzentrum eingeweiht werden konnte, war es dann aber immer noch ein sehr langer Weg. Als es dann so weit war im März 2008, sagte Präsident Paul Haber, der Sohn des Namensgebers, bei der Einweihung voller Stolz: «Vor siebzig Jahren wurde der Verein von der SA zerschlagen. Aber das Dritte Reich ist untergegangen – und die Hakoah lebt!»

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