Nr. 07/2010 vom 18.02.2010

Der Nasenzeuge

Von Pit Wuhrer

Um die Wahrheit herauszufinden, muss man gelegentlich lügen, sagte er einmal. Und so schlüpfte er in die verschiedensten Rollen: Er gab sich als Obdachloser aus, um eine Reportage über die Verhältnisse in den Asylheimen zu schreiben; er maloch­te als Hopfenpflücker, schuftete in Betrieben und Einrichtungen, liess sich in Polizeihaft nehmen, schob im Burgtheater Kulissen, verdingte sich als Schreiber in einer Kolportage­romanfabrik und kroch als Knochen- und Münzsammler durch die städtische Kanalisation. Mit seinen «Inspektionsreisen» begründete der gelernte Kaufmann – er wurde 1870 als Sohn einer Hutmacherin und eines Bahnbeamten geboren – das Genre der Sozialreportage im deutschsprachigen Raum.

Er glaubte an die politische Kraft der Öffentlichkeit und schilderte in zahllosen Artikeln – zumeist für die sozialdemokratische «Arbeiter-Zeitung» – die Not des Proletariats. Dabei beschrieb er nicht nur, was er sah, sondern auch, was er roch: den Gestank der Armut. Er nannte die Namen der Ausbeuter, organisierte Demonstrationen und Geldsammlungen, gründete die unerwartet populäre Frauenzeitschrift «Die Unzufriedene» und engagierte sich als Wiener Stadtrat, Reichstagsabgeordneter und Mitglied der Länderkammer in der parlamentarischen Politik. Als Vizebürgermeister des «Roten Wien» funktionierte er 1919 einen Teil des kaiserlichen Schlosses Schönbrunn in ein Kinderheim und eine ErzieherInnenschule um. Nach dem Putsch der Austrofaschisten, die im Frühjahr 1934 auch die SPÖ verbot, floh der Sozialreformer in die USA; dort wurde ihm dann wegen «österreichfeindlichen Verhaltens im Ausland» die Staatsbürgerschaft entzogen. 1937 starb er einsam und verarmt in einem kalifornischen Spital.

Wer war der streitbare Journalist, an dessen Drehbüchern Hollywood nicht interessiert war und nach dem in einem Wiener Arbeiterquartier ein Platz, eine Schule und ein Park benannt sind?

Wir fragten nach Max Winter, der vor dem «rasenden Reporter» Egon ­Erwin Kisch und lange vor Günter Wallraff «Expeditionen» in den gesellschaftlichen Untergrund der Städte und «Forschungsreisen» zu den sozialen Verhältnissen auf dem Land unternommen hatte. Sozial engagierte sich Winter vor allem für die Kinder armer Familien: Er war von 1917 bis 1930 Vorsitzender der österreichischen Organisation Kinderfreunde. Die Frauenzeitschrift «Die Unzufriedene» hatte Winter 1923 ursprünglich als SPÖ-Wahlkampfblatt konzipiert; sie war aber so erfolgreich, dass sie bis 1934 erschien. Sein journalistisches Motto lautete: «Die ungesündeste Luft für den Berichterstatter ist die Redaktionsluft.» Manche seiner umwerfend engagierten und genauen Texte sind auf www.max-winter.org nachzu­lesen und in seinem Buch «Expeditionen ins dunkelste Wien» (Picus Verlag, Wien 2006). Winters Reportagen bieten Einblick in Lebensverhältnisse, die in der bürgerlichen Öffentlichkeit keine Rolle spielten.

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