Vertreibung der Roma : Wohlfeile Sündenböcke

Nr.  34 –

Europa hat angeblich ein Problem. Es ist nicht die Krise, es sind nicht die fehlenden Arbeitsplätze, es ist nicht die Umweltkatastrophe. Es sind die Angehörigen einer Minderheit.


Zwecks Ablenkung von den desaströsen Folgen des Abzockerkapitalismus rufen Sicherheitspolitiker vieler Länder eine neu-alte Gefahr aus: die Roma. Bedrängt durch die Affäre seiner Gönnerin Liliane Bettencourt, die Millionen steuerfrei in der Schweiz versteckte, startete der französische Präsident, Träger des auch unter ungarischen Roma weitverbreiteten Namens Sarkozy, eine Kampagne zur Roma-Vertreibung.

Das Muster ist uralt. Seit Jahrhunderten wird in Zentral- und Westeuropa versucht, diese ZuwanderInnen erst gar nicht einzulassen oder sofort wieder loszuwerden. Roma, Sinti, Gitanos und die Angehörigen all der anderen Stämme, ob fahrend oder sesshaft, unterlagen einer jahrhundertelangen Verfolgung und dienten unter dem Begriff «Zigeuner» sowohl als Objekte romantischer Projektionen als auch als solche des Neids auf die angebliche Freiheit ihres unsicheren Lebens. Die obrigkeitliche Hetzjagd auf diese Menschen gipfelte in der «Endlösung» des «Zigeunerproblems», der Ermordung von 500 000 Roma durch die Nazis.

In einer ersten Phase der Reisefreiheit in Europa, zwischen 1860 und 1914, waren viele Roma in den Westen gezogen, vor allem aus Rumänien, wo sie in den Erzgruben und auf den Landgütern des dortigen Adels als Sklaven geschuftet hatten.

Nur der Berner Polizeiabteilung gelang damals, wovon Sicherheitsapparate anderer europäischer Länder träumten: Durch rigorose Registrierung und Ausweisung, seit dem Ersten Weltkrieg auch durch Familientrennung und Kindswegnahmen, wurde die Schweiz «zigeunerfrei». Im Zweiten Weltkrieg wurden deutsche Sinti, die sich vor dem Holocaust in die Schweiz retten wollten, ins Nazireich zurückgeschafft. Die «Lösung» des verbleibenden «Problems» der einheimischen Fahrenden in der Schweiz, der Jenischen, oblag dann der Stiftung Pro Juventute. An sie delegierten Bund und Kantone zwischen 1926 und 1973 die systematische Zerstörung der jenischen Familien und der jenischen Kultur mittels 600 weiterer Kindswegnahmen.

Nach der Wende

Die rund acht bis zehn Millionen osteuropäischer Roma hielt von 1945 bis 1989 der Eiserne Vorhang von Westeuropa fern. Die über sie verhängten Reiseverbote fielen jedoch nicht gleich 1989. Erst der EU-Beitritt von Ländern wie Ungarn, der Slowakei, Rumänien und Bulgarien sowie die Verträge von Schengen gaben auch den Roma das Recht, überallhin zu reisen. In Osteuropa erzeugten die Jahre seit 1989 zwar eine neue Elite von Superreichen – oft wendige Mitglieder der vorherigen sozialistischen Parteielite. Doch der Verlust garantierter Arbeitsplätze und der Abbau von Sozialleistungen wie Altersrenten und Kinderzulagen warfen neben den Roma auch breite Teile der Mehrheitsbevölkerung in krasse Armut. Und wer waren die Sündenböcke? Die Roma.

Pogrome äscherten Roma-Siedlungen ein, vorher verbotene rassistische Ideologien wurden Programme neuer Parteien, die Verfolgungen durch den Mob haben sich ausgeweitet und bleiben meistens unbestraft. Das ist die aktuelle Lage in Ungarn, zuvor brannte es in Rumänien und im Kosovo. Kein Wunder, dass in den letzten Jahren viele Roma nach Frankreich oder Italien zogen. Geprägt von den osteuropäischen Roma-Ghettos mit rudimentärer Infrastruktur, sahen sie Baracken- und Containersiedlungen am Rand von Städten wie Paris, Rom oder Mailand als bessere Wohnlagen mit besseren Verdienstmöglichkeiten. Diese Siedlungen werden nun mit Baggern geräumt, die BewohnerInnen – wie in Rom – in abgelegene, eingezäunte Lager gesperrt oder – wie in Frankreich – mit 300 Euro Abschiebegeld ausgeschafft.

Beliebte Hetze

Auch in der Schweiz und in Deutschland werden vermehrt Roma in den angeblich für sie so sicheren Kosovo abgeschoben. Roma aus Rumänien oder Bulgarien, als TouristInnen eingereist und mangels Geld unter Brücken, in Autos oder in Obdachlosenasylen nächtigend, werden in der Schweiz immer rigoroser daran gehindert, mit Strassenmusik, Blumenhandel, Betteln oder Prostitution das Geld einzunehmen, das ihren Familien in den Ghettos wieder einige Monate über die Runden helfen würde. Beliebt ist auch in der Schweiz die rassistische Hetze gegen die ganze Gruppe, wenn einzelne Mitglieder in ein übles Licht geraten. Gerne wird vergessen, dass in den letzten Jahrzehnten rund 40 000 Roma einwanderten, hier seither sesshaft leben, in vielen Berufen ihre Arbeit verrichten und ihre Kinder aufziehen, vorsichtigerweise ohne ihre ethnische Zugehörigkeit laut zu verkünden. Viele kamen als Saisonniers und haben inzwischen das Schweizer Bürgerrecht.

Die Schweiz und die EU könnten endlich damit beginnen, die Roma mit ihrer reichen Kultur, ihrem Familiensinn und ihrem Stolz nicht mehr als Bedrohung zu sehen, sondern als Bereicherung zu schätzen. Politische Tricks ältesten Strickmusters von Politikern wie Nicolas Sarkozy verhindern das.