Nr. 35/2010 vom 02.09.2010

Schwarzer Engel

Von Pit Wuhrer

«Radikal zu sein, bedeutet, die Dinge an der Wurzel zu packen», sagte sie einmal – und den gesellschaftlichen Missständen geht die emeritierte Professorin noch heute auf den Grund. Zur Welt kam die Tochter eines Ingenieurs und einer Lehrerin 1944 im «Dynamithügel» von Birmingham, Alabama – so hiess das Quartier, weil der Ku-Klux-Klan die dort ansässigen Schwarzen mit Bomben terrorisierte. Doch der Staat war nicht minder rassistisch: Eine von ihr gegründete Schülerorganisation aus Schwarzen und Weissen wurde verboten und Bürgerrechtsdemonstrationen, an denen sie teilnahm, regelmässig auseinandergeprügelt. Die spätere Philosophin – sie studierte unter anderem an der Sorbonne in Paris und bei Max Horkheimer und Theodor W. Adorno in Frankfurt – wurde Mitglied der Black Panthers und schloss sich dem Che-Lumumba-Klub der Kommunis­tischen Partei an.

Ihre Assistenzprofessur in Los Angeles verlor die radikale Feminis­tin mit 24 Jahren – auf Druck des kalifor­nischen Gouverneurs Ronald Reagan (in dessen Ära sie sich später zweimal für die Kommunistische Partei um das Vizepräsidentenamt bewarb). Ein Grund für die Entlassung war ihr Engagement für die Freilassung dreier schwarzer Gefangener. Als kurz darauf der Bruder eines dieser Gefangenen beim Versuch, die Häftlinge zu befreien, mit ihrer Waffe mehrere Menschen erschoss, setzte das FBI sie auf die Liste der «Ten Most Wanted», der zehn meistgesuchten Personen. Die Anklage lautete auf «Entführung, Mord und Verschwörung». Sechzehn Monate sass die damals weltweit bekannteste politische Gefangene in Untersuchungshaft; dann wurde sie in allen Punkten freigesprochen. Ihre Lehrtätigkeit in Kalifornien konnte sie erst 1975 wieder aufnehmen.

Wie heisst die Vietnamkriegsgegnerin und radikale Kritikerin des US-Strafsystems, die von den Rolling Stones als «Sweet Black Angel» besungen wurde?

Wir fragten nach der US-amerikanischen Bürgerrechtlerin, Philosophin und Schriftstellerin Angela Davis. Die Inhaftierung der stets gewaltfrei agierenden Sozialistin im Jahre 1970 hatte eine weltweite Protestbewegung ausgelöst: In vielen studentischen Wohngemeinschaften hing damals ihr Poster. Mehr Informationen über sie bietet das Buch «Angela Davis», das im Hamburger Laika-Verlag erschienen ist; dem Band liegt auch eine DVD bei.

Zur WOZ-Rezension der Laika-Buch- und -Filmreihe «Bibliothek des Widerstands».

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