Nr. 45/2010 vom 11.11.2010

Rettet die Fische – auch vor sich selbst

Die Fischbestände in den Weltmeeren sinken und sinken. Jetzt sollen Zuchttiere aus Aquakulturen den wachsenden Hunger nach Fisch stillen. Ihren bedrohten Artgenossen in der Wildnis allerdings hilft das wenig – im Gegenteil.

Von Torsten Engelbrecht

Geht die Überfischung ungebremst weiter, werden die Weltmeere in knapp vierzig Jahren leer gefischt sein. Aktuell ist bereits ein Drittel der vom Menschen genutzten Fisch- und Meeresfrüchtebestände zusammengebrochen: Die Fangmenge ist gegenüber früher um neunzig Prozent zurückgegangen. Konkrete Massnahmen zum Schutz der Fischbestände müssten jetzt einsetzen und in den nächsten Jahren wirken, wolle man die Katastrophe abwenden, schrieb der Umweltökonom Charles Perrings Mitte Oktober im Fachmagazin «Science».

Solch mahnende Stimmen dürften dazu beigetragen haben, dass sich die Weltgemeinschaft an der Biodiversitätskonferenz im japanischen Nagoya Ende Oktober darauf einigte, die Überfischung bis 2020 stoppen zu wollen. Maria Damanaki, die EU-Kommissarin für Fischerei, kündigte bereits vor der Konferenz Massnahmen gegen die Überfischung an: Sie wolle den Fischfang radikal einschränken, Gelder streichen, Kutter stilllegen und Kontrollen verschärfen.

Irreführende Zahlen

Kommerzielle Fisch- und Meerestierzuchten, sogenannte Aquakulturen, gewinnen vor diesem Hintergrund immer mehr an Bedeutung. Sie sollen nicht nur der Überfischung entgegenwirken, sondern auch den Konsum von Meereslebewesen ökologischer gestalten. Selbst gentechnisch veränderte Fische (Lachse) werden für diese Argumentation bemüht (vgl. Text «Gentechlachs» weiter unten). Doch auch die Aquakultur wird die Überfischung kaum aufhalten, geschweige denn die Weltmeere wieder füllen helfen können, wenn der weltweite Fischkonsum wie in den vergangenen Jahrzehnten zunimmt.

Denn: Viele Fische, die bei uns auf dem Speisezettel stehen, sind Raubfische, ernähren sich also von andern Meerestieren. Aquakulturen mit solchen Raubfischen verbrauchen mitunter grosse Mengen an Futterfischen und tragen unter Umständen sogar zur Überfischung bei. Darüber gibt die sogenannte Fifo-Rate (fish-in/fish-out-ratio) Auskunft: Sie drückt aus, wie viele Kilo Futterfisch notwendig sind, um ein Kilo Speisezuchtfisch zu erzeugen. Wie Studien zeigen, liegt dieses Verhältnis global bei 0,7:1. Das klingt zunächst nicht schlecht. Demnach scheint die Aquakulturindustrie ein sogenannter Nettoproduzent von tierischem Protein zu sein.

Doch die Zahl ist irreführend: Sie berücksichtigt nicht nur fischfressende (karnivore), sondern auch allesfressende (omnivore) und pflanzenfressende (herbivore) Meereslebewesen. Die Rate verdankt sich in erster Linie pflanzenfressenden Karpfenfischen, die rund zwei Drittel der globalen Fischproduktion in der Aquakultur ausmachen. Produziert werden die Karpfen dabei vor allem auf meist traditionelle Weise in China, wo rund zwei Drittel der Wasserlebewesen in Aquakulturen erzeugt werden.

Demgegenüber liegt die Fifo-Rate der industriellen Aquakulturen des Westens deutlich über 1:1. Damit sich die Bestände in den Weltmeeren tatsächlich erholen könnten, wäre laut Heinzpeter Studer von der Schweizer Organisation Fair-Fish aber eine Gesamt-Fifo-Rate von 0,2:1 notwendig.

Raubbau mit Raubfischen

Stammten 1970 erst vier Prozent aller weltweit verzehrten Fische, Krebse und Weichtiere aus Aquakulturen, so sollen es mittlerweile bereits rund die Hälfte sein. Doch auch diese Zahl ist irreführend. Laut Alastaire Macfarlane vom neuseeländischen Fischereiindustrierat dezimiert nämlich nicht allein das Futter, sondern auch die Brut für die Zuchten die Wildbestände in den Meeren. Zum Beispiel im Fall von Muscheln, Crevetten und Thunfisch.

«Dabei weist der Trend bei Aquakulturen leider weiter in Richtung karnivore Fische», sagt Rainer Froese vom Kieler Leibniz-Institut für Meereswissenschaften. Und diese fischfressenden Arten, zu denen auch Lachs und Süsswasserfische wie Egli oder Forelle gehören, verschlechtern die Fifo-Rate weiter: Drei- bis fünfmal mehr Fischgewicht muss an solche Zuchttiere verfüttert werden, als am Ende auf unsern Tellern landet. So zumindest die Zahlen aus der Forschung, die auch die Landwirtschafts- und Ernährungsorganisation FAO der Uno benutzt. Tierschutz- und Umweltschutzorganisationen nennen deutlich höhere Fifo-Raten von bis zu zwanzig in der Thunfischmast, während die Industrie mit niedrigeren Kennzahlen aufwartet.

Dass an die siebzig Prozent des weltweit produzierten Fischmehls im Schlund von Zuchttieren aus Aquakulturen landen, trägt auch nicht zu deren Nachhaltigkeit bei.

Ökobalance ist schwierig

Aquakulturen gibt es auch in der Schweiz. Die Walliser Valperca AG zum Beispiel züchtet Egli. Diese müssen mit rund siebenmal so viel Fisch gefüttert werden, wie sie selbst später als Filet auf dem Teller wiegen. Zwischen sechzig und siebzig Prozent eines getöteten Eglis sind nicht für den Verzehr bestimmt. Sie landen bei der Valperca als Fischabfall im Kompost und werden nicht einmal zu Fischmehl verarbeitet.

Das kann man als Verschwendung von hochwertigen Ressourcen bezeichnen. Immerhin ist Fischmehl ein sehr knappes Gut. Dabei gibt sich die Valperca AG durchaus Mühe, möglichst ökologisch zu züchten. Rund 6000 Tonnen Egli verspeisen wir SchweizerInnen jährlich, sagt Markus Vainer, Chef der Zuchtanlage im Wallis. «Davon stammen jedoch lediglich zehn Prozent aus heimischer Produktion.» Der Grossteil komme aus dem Ausland und werde mit hohem Energieaufwand und in gefrorenem Zustand in die Schweiz transportiert. «Wir hingegen produzieren dort, wo der Fisch gebraucht wird, und können dadurch unsere Filets topfrisch anbieten.»

Ausserdem nutzt die geschlossene Kreislaufanlage der Valperca laut Vainer die Wärmeenergie des Lötschbergwassers, um damit das Kreislaufwasser und die Hallenluft aufzuheizen. Dadurch lässt sich der Energiebedarf im Vergleich mit einer traditionellen Aquakultur deutlich reduzieren.

Auch stammen die Fischsetzlinge aus eigenen Beständen. Für die Zucht müssen also keine Tiere aus den ohnehin knappen natürlichen Populationen entnommen werden. Importiert ist hingegen das Futter. Immerhin lässt es sich in der geschlossenen Kreislaufanlage bedarfsgenau dosieren. Ob die Rundbecken, in denen die Egli gezüchtet werden, wirklich artgerecht sind, ist allerdings nicht klar.

Die ethische Frage

Dass karnivore Arten in der Zucht zu viel teures Fischfutter essen, hat mittlerweile auch die Industrie erkannt. Vor kurzem soll es in einem Grossversuch mit 800 000 Lachsen gelungen sein, diese mit vorwiegend pflanzlichem Protein aufzuziehen. So lieferten die Lachse am Schluss fast gleich viel Fischprotein, wie sie im Futter verabreicht bekommen hatten. Solche Versuche sind jedoch schwer zu überprüfen, weil sie in keinem wissenschaftlichen Fachmagazin publiziert worden sind. Ob, wann und wie derartige Verfahren kommerziell umgesetzt werden, ist nicht absehbar.

Im Übrigen sind dem Bestreben, Fischmehl durch pflanzliche Proteine wie etwa Soja, Bohnen oder Erbsen zu ersetzen, Grenzen gesetzt. Substituiert man zu stark, besteht die Gefahr, dass die Fische das Futter schlechter verwerten und langsamer wachsen. Auch verlieren sie unter Umständen an Geschmack.

Zugleich stellen stark proteinhaltige Pflanzen wertvolle Lebensmittel für den Menschen dar. Ähnliches gilt für verschiedene Fischarten, die zu Fischmehl verarbeitet werden. Rund die Hälfte des weltweiten Fischmehlbedarfs wird durch Industrien in Südamerika gedeckt. Vor den pazifischen Küsten Chiles und Perus etwa werden jedes Jahr Millionen Tonnen Sardellen gefangen; das Nachsehen hat die arme Bevölkerung der Region.

Ist es angesichts der Mangelernährung breiter Schichten ethisch vertretbar, dass Nahrungsmittel statt Menschen zu ernähren an Fische verfüttert werden, die für die gut gedeckten Teller im Norden gezüchtet werden?

Gentechlachs

Ein Prachtkerl, dank Frostschutzgen

Der Kampf gegen die Überfischung der Weltmeere treibt bizarre Blüten. Zum Beispiel gentechnisch veränderte Fische. Rund drei Dutzend aquatische Arten sind bisher gentechnisch verändert worden – darunter Karpfen, Forelle, Katzenwels, Brasse, Barsch und Kabeljau.

Schlagzeilen machte zuletzt der Gentechlachs der US-Firma Aquabounty: Ein atlantischer Lachs, dem das Wachstumsgen des pazifischen Königslachses und das Frostschutzgen des barschartigen Meeresdickkopfs eingepflanzt worden sind. So wächst der Gentechlachs schneller und erreicht sein Endgewicht in der Hälfte der Zeit. Dadurch lassen sich laut Aquabounty in der Zucht rund zehn Prozent Futter einsparen.

Die Firma hat insgesamt fast 60 Millionen US-Dollar – zu grossen Teilen öffentliche Mittel – in den Gentechlachs investiert und wartet seit 1999 auf dessen Marktzulassung. Kürzlich hat die US-Lebensmittelbehörde FDA den Verzehr des Fisches als unbedenklich eingestuft. «Ob die FDA den Gentechlachs letztlich genehmigen wird, kann keiner sagen», so die deutsche Agrarexpertin Susanne Gura. «Sehr wahrscheinlich ist die Zulassung schon, aber mit welchen Auflagen?»

Für KritikerInnen ist dieses Szenario besorgniserregend. Zum einen sei fraglich, ob der «Frankenfisch» – wie er in Anlehnung an Mary Shelleys «Frankenstein» bezeichnet wird – am Ende tatsächlich weniger Futter benötige. Denn es sei mitunter mit hohen Verlustraten zu rechnen. Susanne Gura bestätigt: «Probleme mit der Tiergesundheit, zum Beispiel Deformierungen, treten bei der gentechnischen Veränderung regelmässig auf.»

WissenschaftlerInnen an der schwedischen Göteborg-Universität haben 2009 eine ökologische Risikoeinschätzung zu transgenem Lachs publiziert. Darin kommen sie zum Schluss, «dass der Schaden durch entwichene gentechnisch veränderte Fische vermutlich grösser ausfallen wird als durch konventionelle Zuchtfische».

Dies läge wahrscheinlich daran, dass sich diese Fische besser als konventionelle Zuchtfische an Futter- und Temperaturbedingungen anpassten. Damit würde sich die Gefahr des Aussterbens wilder Populationen weiter verschärfen.

Die Studie hat auch mögliche Gefährdungen für die menschliche Gesundheit untersucht – und nachgewiesen, dass Gentechfische resistenter gegenüber Umweltgiften sein können, sodass die Giftstoffe schliesslich im Magen der VerbraucherInnen landen.

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