Nr. 45/2010 vom 11.11.2010

Der Wirbelsturm

Von Pit Wuhrer

«Die Gewerkschaften haben keinen Wert, wenn die Mitglieder nicht ihren Zweck – den Sturz des Kapitalismus – im Auge behalten», schrieb er in seiner Biografie. «Und politische Aktionen sind nutzlos, wenn sie nicht die Abschaffung des Profitsystems zum Ziel haben.» Zu dieser Einsicht kam der 1856 geborene Sohn eines Bergwerk­angestellten erst, nachdem er jahrelang als Kind durch Bergwerkstollen hatte kriechen müssen, eine Metallarbeiterlehre absolviert hatte, sich in London als Tagelöhner durchgeschlagen hatte und jahrelang in der britischen Gewerkschafts­bewegung aktiv gewesen war. Diese veränderte er grundlegend, weil er vor allem Ungelernte ­organisierte, von denen die Facharbeiterverbände damals nichts wissen wollten.

«Er kombinierte die Qualitäten eines Wirbelsturms mit denen eines Vulkans», beschrieb ihn der Arbeiterführer Ben Tillet, mit dem er 1889 den grossen Londoner Dockerstreik organisierte, durch den 10 000 Hafenarbeiter nach fünf Wochen bessere Arbeitsbedingungen durchsetzen konnten. Ein Wirbelsturm war er in gleich mehrfacher Hinsicht: Er war Mitglied in zahlreichen linken Parteien (die der ungeduldige Agitator meist bald wieder verliess), er gab Zeitungen heraus, kandidierte für das Unter­haus, gründete Gewerkschaften, engagierte sich für das Genossenschaftswesen und bereis­te viele Länder, deren Behörden den rastlosen Kämpfer entweder wegen Aufwiegelung festnahmen oder gleich ausschafften.

Seine Qualität als Vulkan demonstrierte der mitreissendste Redner seiner Zeit beispielsweise beim zehnwöchigen Liverpooler Transportarbeiterstreik 1911, den er anführte und mit dem nacheinander Seemänner, Docker, Fuhrleute und Eisen­bahner die Anerkennung ihrer Organisatio­nen durchsetzten: Erstmals waren Tagelöhner, das damalige Prekariat, auf der ganzen Linie erfolgreich – und das, obwohl die Regierung Truppen aufmarschieren liess. Ein Aufruf zur Befehlsverweigerung brachte dem religiösen Aufrührer eine Gefängnisstrafe ein.

Wie hiess der 1941 gestorbene Mitbegründer der Kommunistischen Partei Grossbritanniens, nach dem sich eine britische Einheit der Internationalen Brigaden benannte und dessen Name noch heute ein Theater in Sydney trägt?

Wir fragten nach Tom Mann, geboren 1856 bei Coventry, gestorben 1941 in Leeds. Mann war Sozialdemokrat, Sozialist, Syndikalist und Kommunist. Mit etwas mehr Sitzfleisch, so sagten seine ZeitgenossInnen, hätte er auch Führer der Labour-Partei werden können. Doch es lag nicht nur an seiner Ungeduld: Mann war kein Apparatemensch – auch wenn er während seines neunjährigen Aufenthalts in Australien (1901 bis 1910) eine sozialistische Partei und mehrere Gewerkschaften gründete. Er war immer ein Mann der Bewegungen, des Arbeiterkampfs, der direkten Aktion. So rief er etwa 1932 in Belfast, er war mittlerweile 76 Jahre alt, die Arbeitslosen zum Widerstand gegen den Sozialabbau auf (worauf er festgenommen wurde). Und noch im Alter von achtzig Jahren gründete Tom Mann ein Hilfskomitee zur Verteidigung der Spanischen Republik; für einen Kampfeinsatz im Bürgerkrieg war er zu seinem grossen Bedauern leider zu alt.

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