Alternativer Nobelpreis 2010 : «Fast ein Pakt mit dem Teufel»

Nr. 50 -

In Brasilien soll das drittgrösste Staudammprojekt der Welt entstehen. Bischof Erwin Kräutler kämpft darum, dass die Öffentlichkeit über die Folgen dieses Projekts informiert wird und die Rechte der indigenen Bevölkerung respektiert werden.


Der österreichisch-brasilianische Bischof Erwin Kräutler erhielt vergangene Woche in Stockholm den Right Livelihood Award, den sogenannten Alternativen Nobelpreis. Er wurde damit für sein Engagement zum Schutz des Regenwaldes und für sein Eintreten für die Rechte der indigenen Bevölkerung in Brasilien ausgezeichnet. Kräutler lebt seit über 45 Jahren in Brasilien und gehört zu den wichtigsten Kritikern des Staudammprojekts Belo Monte. Aufgrund seiner Kritik erhält er immer wieder Morddrohungen, 1987 überlebte er einen Anschlag, 1995 wurde einer seiner Mitarbeiter ermordet. Seit Jahren steht Kräutler deshalb unter Polizeischutz.

WOZ: Bischof Erwin Kräutler, Sie sind in Vorarlberg aufgewachsen. Wieso hat es Sie nach Brasilien zu den Indigenen verschlagen?

Erwin Kräutler: Ich hatte schon als Kind eine Beziehung zu Brasilien. Mein Onkel Erich Kräutler war bereits seit langem dort Bischof, und er hat uns immer Briefe geschickt, in denen er auch von den Indigenen erzählte. Für unsere Familie waren sie wie entfernte Verwandte.

Sind Sie deshalb Priester geworden?

Nein, das kam erst später. Zuerst wollte ich Lehrer oder Arzt werden. Doch als ich im Gymnasium war, habe ich die Erfahrung gemacht, dass auch bei uns in Vorarlberg Menschen ausgegrenzt werden. Österreicher aus anderen Bundesländern, die nicht unseren Dialekt sprachen, wurden marginalisiert. Ich habe angefangen, dafür zu arbeiten, dass diese Leute integriert werden – und dabei realisiert, dass ich als Priester noch viel mehr tun kann. Nach meinem Studium wurde ich im Januar 1965 zum Priester geweiht. Kurz darauf bin ich nach Brasilien gegangen.

Was haben Sie in Brasilien als Erstes gemacht?

Portugiesisch gelernt, denn mit Englisch ist man überhaupt nicht durchgekommen, und ich musste in meinem Beruf ja mit den Menschen kommunizieren können – abgesehen davon, dass man auch wissen will, worüber die Menschen lachen.

Sind Sie heute auch brasilianischer Staatsbürger?

Ja. Und nicht ohne Stolz sage ich, dass ich wie ein Einheimischer spreche. Ich war nach meiner Ankunft während fünfzehn Jahren als Priester und Grundschullehrer unterwegs, bis mich der Papst 1980 zum Nachfolger meines Onkels als Bischof der Diözese von Xingu ernannte. Damit konnte ich mich erst aber gar nicht identifizieren.

Wie meinen Sie das?

Ich hatte Mühe, meinen Priesterberuf aufzugeben, denn als Bischof hat man ja ganz andere Aufgaben. Ich war gerne unterwegs und mit den Menschen zusammen. Schliesslich habe ich es dann doch akzeptiert – und gleich nach der Weihe eine Versammlung mit allen Geistlichen und Laien organisiert und sie gefragt, was sie von mir erwarten. Ich habe bis heute nicht vergessen, was die Leute sagten: Wir wollen keinen Schreibtischbischof, sondern einen, der den Alltag der Menschen kennt.

Sie engagieren sich seit langem stark für die Armen. Hatte das für Sie Konsequenzen?

Ja. Im Sommer 1983 bin ich bei einer Demonstration von der Polizei festgenommen und schwer verprügelt worden, weil ich mich auf die Seite der Ausgebeuteten gestellt hatte. Ich habe die Not und das Elend der Menschen selber gesehen. Frauen, Kinder, verzweifelte Männer, die ein ganzes Jahr gearbeitet und dafür nie einen Lohn erhalten haben. Mit diesen Menschen habe ich mich identifiziert. Und als bei einem Sitzstreik der Zuckerrohrbauern plötzlich ein Polizeiaufgebot auftauchte, war das für mich der Moment der Entscheidung. Ich habe mich zu den Bauern gesetzt – und wurde als Erster von der Polizei angegriffen. Sie haben mich auf der Strasse zusammengeschlagen, die Leute um mich haben geschrien und gefordert, dass man mich loslässt, ich sei ihr Bischof. Dieses Erlebnis wirkt bis heute nach – und für mich persönlich war es wie eine zweite Bischofsweihe.

Bedeutet die Anerkennung durch den Right Livelihood Award auch einen besseren Schutz für Sie?

Sehr. Das ist ein wichtiger internationaler Preis, und die Verleihung hat ein starkes Medienecho in Brasilien ausgelöst. Da ich seit Jahren unter Polizeischutz stehe, bedeutet mehr Aufmerksamkeit in den Medien auch konkret mehr Schutz für mich. Und plötzlich interessieren sich auch Politiker für meine Arbeit.

Die Regierung von Präsident Luiz Inácio Lula da Silva tanzt quasi auf zwei Hochzeiten. Zum einen setzt sie sich für den Umweltschutz wie die Erhaltung des Regenwalds ein, zum anderen treibt sie zweifelhafte Projekte voran wie den Bau des Belo-Monte-Staudamms. Wie sehen Sie das?

Mich hat Lula enttäuscht. Ich kenne ihn von früher, als er noch Gewerkschafter war. Aber als Präsident hat er aus rein pragmatischen Gründen Allianzen und Bündnisse mit Leuten und Parteien geschlossen, die ich mir als Christ, als Mensch einfach nicht vorstellen kann. Das ist fast wie ein Pakt mit dem Teufel. Lula hat genau das Gegenteil dessen getan, was wir von ihm erwartet haben.

Im Januar wird Lula sein Präsidentenamt an Dilma Roussef übergeben. Erwarten Sie eine Veränderung?

Es ist das erste Mal in der Geschichte Brasiliens, dass eine Frau Präsidentin ist, und das finde ich gut. Wir könnten mit Roussef auch noch eine Überraschung erleben. Denn Lula denkt zwar, dass sie ihn ständig um Rat fragen wird und er so der Chef bleibt. Aber ich glaube nicht, dass sie das tun wird. Sie wird dem Amt ihren eigenen Stempel aufdrücken und sich ihre eigenen Minister und Ministerinnen suchen.

Was bedeutet das in Bezug auf Belo Monte?

Ich traue mich nicht, konkret zu sagen, ob sich etwas verbessert. Aber wohl eher nicht. Die Planung für Belo Monte wurde vorangetrieben, als Roussef Energieministerin war. Allerdings haben wir in Brasilien auch viele Staatsanwälte, die auf unserer Seite stehen – und die gegen die Regierung und das Projekt prozessieren.

Worum geht es bei diesen Prozessen?

Beim Projekt Belo Monte gibt es viele Unstimmigkeiten und zum Teil eklatante Verfassungsbrüche. Derzeit laufen fünfzehn Prozesse. Dabei geht es beispielsweise darum, dass man die vom Projekt betroffene indigene Bevölkerung nicht konsultiert hat, wie es in der Verfassung vorgeschrieben ist. In der Verfassung steht auch, dass spezielle Gesetze zum Zug kommen, wenn man Ressourcen aus indigenen Gebieten verwendet, aber die Gesetze, die das regeln sollten, sind noch nicht einmal verabschiedet. Hinzu kommt, dass die Regierung rund vierzig Auflagen für den Bau von Belo Monte festgelegt hat – von denen bis heute keine einzige erfüllt wurde.

Die Regierung hat also Erklärungsbedarf. Was sagt Lula dazu?

Lula ist der Ansicht, Belo Monte müsse unbedingt gebaut werden. Deshalb prozessiert er wiederum gegen die Staatsanwälte, die das Projekt aufhalten wollen. Die Regierung erzählt so viele Lügen, wenn es um Belo Monte geht. Diesen Sommer war ich das dritte Mal persönlich bei Lula, zusammen mit einem Staatsanwalt und einem Universitätsprofessor für Umweltwissenschaften. Beide haben sie dem Präsidenten genau erklärt, was für ein biologischer und sozialer Wahnsinn Belo Monte ist und weshalb der Staudamm nicht gebaut werden darf. Als Reaktion darauf hat Lula versprochen, dass uns die zuständigen Behörden in kürzester Zeit eine Antwort geben – wir haben bis heute nichts gehört. Inzwischen ist mir klar: Belo Monte ist keine technische, sondern eine politische Entscheidung.

Welche Möglichkeiten, gegen das Projekt vorzugehen, gibt es in dieser Situation noch?

Die Prozesse sind ja noch nicht abgeschlossen, und wir werden auch weiter jedes uns zur Verfügung stehende Rechtsmittel nutzen. Aber ich bin absolut gegen jede Form der Gewalt.

Wie viele Menschen wären von Belo Monte betroffen?

Altamira hat heute knapp 100 000 Einwohner – etwa 30 000 müssten umgesiedelt werden, da ein Teil der Stadt im Stausee versinken würde. Es wird aber mit keiner Silbe erwähnt, wohin die betroffenen Menschen gehen sollen. Hinzu kommt, dass die Stadt direkt am Fluss Xingu liegt, und aufgrund des dortigen tropischen Klimas ist die Gegend bereits heute eine Brutstätte für Moskitos, die tropische Krankheiten wie das Denguefieber übertragen. Ein künstlicher See würde diese Situation noch verschärfen.

Wie schätzen Sie die Chancen ein, dass das Projekt verzögert werden kann?

Die Hoffnung stirbt zuletzt. Ich werde auf jeden Fall weiter auf nationaler Ebene gegen das Projekt kämpfen. Ich bin jetzt 71 Jahre alt, aber es gibt viele junge Menschen, die begriffen haben, was ihnen ins Haus steht. Besonders die Frauen sind sehr stark in die Proteste involviert. Manche Männer meinen immer noch, dass ihnen Belo Monte Arbeit und Geld verschaffen wird. Und noch immer sind sehr viele zurückhaltend und wollen erst schauen, wie es weitergeht. Wichtig ist, den Leuten begreifbar zu machen, dass hier Tausende Menschen betroffen sind und dieses Projekt irreversible Schäden verursachen wird.

Was passiert, wenn nächsten Frühling der Bau wie geplant beginnt?

Ich habe grosse Angst davor, was dann passieren wird. Denn ich weiss, dass gleich neben der Kathedrale in Altamira das Wasser des Stausees plätschern wird.



Erwin Kräutler wurde 1939 in Vorarlberg geboren und ging 1965 als Priester nach Brasilien. Seit 1981 ist er Bischof der Diözese Xingu im Norden des Landes. Von 1983 bis 1991 – und wieder seit 2006 – war er Präsident des Indianermissionsrats der brasilianischen Bischofskonferenz CIMI.